Britta Kuhn
Inzwischen weiß es jeder Laie: Die EU hängt bei Seltenen Erden fast völlig von China ab. Wie könnte ein Derisking aussehen?
Problem erkannt
Im Oktober 2025 berichteten Deutschlands Medien ausführlich, dass China seine Exportkontrollen bei Seltenen Erden verschärft habe.[1] Weite Bevölkerungsteile verstanden: Diese Rohstoffe sind gar nicht so selten, ohne Umwelt- und Gesundheitsschädigungen nur schwer abbaubar, jedoch unerlässlich – z.B. Neodym für Magneten und damit unter anderem für E-Autos; die EU und Deutschland beziehen bis zu 100 Prozent ihrer Seltenen Erden aus China[2]; diese (Beinahe-)Monopolstellung nutzt die chinesische Regierung zunehmend gegen wichtige Handelspartner, die andere Werte und geoökonomische Interessen verfolgen als die Volksrepublik.
Theoretisch haben die EU und Deutschland fünf Möglichkeiten: Sie könnten erstens Rohstoffe weitgehend wiederverwerten, zweitens Rohstoffabkommen mit vielen Anbietern schließen, die Seltenen Erden drittens selbst abbauen und verarbeiten, viertens bedeutende Rohstofflager aufbauen und fünftes Seltene Erden im Fertigungsprozess ersetzen.
Recycling, Rohstoffpartnerschaften, “Make statt Buy“[3]…
Beim Recycling verfolgt die EU ehrgeizige Ziele. Umfangreiche gesetzliche und organisatorische Änderungen sind nötig, um diese Kreislaufwirtschaft flächendeckend einzuführen. Beides kostet Zeit und Geld, zumal die EU in ihrem entsprechenden Gesetz, dem Critical Raw Materials Act CRMA, zu kleinteiligen Vorschriften neigt. Rohstoffpartnerschaften unterhält insbesondere die EU seit 2021, unter anderem mit Kanada und Norwegen. Weitere rohstoffreiche Wertepartner wie Australien oder die USA fehlen jedoch. Denn die EU hat es bis heute nicht geschafft, mit ihnen Freihandelsabkommen abzuschließen. Stattdessen subventioniert sie Rohstoffprojekte in ehemaligen Sowjet-Republiken wie Kasachstan oder schließt ehrgeizige Vereinbarungen mit fragilen Staaten wie der Demokratischen Republik Kongo, deren (nachhaltige) Umsetzung unrealistisch erscheinen.
Mehr Autarkie durch EU-Abbau und -Verarbeitung wichtiger und knapper Rohstoffe stellen ein Kernelement des CRMA dar. Pauschal sollen bis 2030 mindestens 10% der namentlich genannten Materialien in der EU gefördert und mindestens 40% dort verarbeitet werden. Beides erscheint bei Seltenen Erden utopisch. Zwar kommen sie z.B. in Nordschweden vor. Allein bis zur dortigen Förderung werden aber noch viele Jahre verstreichen. Neben Umweltprotesten und langen Genehmigungsverfahren bremsen vergleichsweise hohe Umwelt- und Arbeitskosten den Enthusiasmus privater Investoren. Die EU bzw. Deutschland müssten also die Autarkiebestrebung erheblich subventionieren, vor allem bei sinkenden Weltmarktpreisen. Dies erfordert einen sehr langen Atem gegenüber der Wählerschaft, die erfahrungsgemäß negativ auf höhere Steuern und/oder Preise reagiert.
… Lagerhaltung und Substitution
Mehr Lagerhaltung erscheint so naheliegend, dass es überrascht, dass die EU und Deutschland hier erst in jüngster Zeit mehr tun. Bisher bevorrateten Privatunternehmen wie z.B. die Tradium GmbH wichtige Rohstoffe. Nun sollen z.B. auf EU-Ebene staatliche Lager hinzukommen – die EU-Kommission legte im Dezember 2025 einen entsprechenden Aktionsplan vor.[4] Komplizierter erscheint es, Seltene Erden durch technischen Fortschritt zu substituieren. Denn einige Substitute stellen eher einen technischen Rückschritt dar.[5] Speziell Japan gelang es jedoch ohne völligen wirtschaftlichen Zusammenbruch, durch alternative Produkte und Fertigungsmethoden weniger stark von Seltenen Erden aus China abzuhängen.[6]
Fazit: Marathon statt Sprint
Die EU und Deutschland sollten alle fünf Maßnahmen parallel verfolgen. Mehr Kompromisse sind ebenso nötig wie ein politischer Durchhaltewille.
Quellen:
[1] Vgl. z.B. Tageschau.de vom 9.10.2025, China beschränkt Exporte seltener Erden zusätzlich, https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/china-seltene-erden-export-beschraenkungen-trump-100.html
[2] Vgl. Britta Kuhn, Strategische Rohstoffe in der EU: Was bringen die Partnerschaften mit Drittländern? Wirtschaftsdienst (2025) 105(7), S. 505-511, , Abb. 1 auf S. 506,
https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2025/heft/7/beitrag/strategische-rohstoffe-in-der-eu-was-bringen-die-partnerschaften-mit-drittlaendern.html
[3] Details zu diesen Lösungen: Recycling und „Make statt Buy“ bei Britta Kuhn, Kritische Rohstoffe: Wie die EU ihre China-Abhängigkeit senken will. Wirtschaftsdienst (2024) 104(7), S. 490-496, https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2024/heft/7/beitrag/kritische-rohstoff-e-wie-die-eu-ihre-china-abhaengigkeit-senken-will.html. Details zu Rohstoffpartnerschaften: Vgl. Fußnote 2.
[4] European Commission, COMMUNICATION FROM THE COMMISSION TO THE EUROPEAN PARLIAMENT, THE COUNCIL, THE EUROPEAN ECONOMIC AND SOCIAL COMMITTEE AND THE COMMITTEE OF THE REGIONS, RESourceEU Action Plan. Accelerating our critical raw materials strategy to adapt to a new reality, Brussels, 3.12.2025 COM(2025) 945 final. Der Aktionsplan enthält neben Vorschlägen zur Lagerhaltung auch Vorschläge zu den anderen vier Optionen.
[5] Diese Erkenntnis verdanke ich diversen Gesprächen mit Naturwissenschaftlern, die ich zu konkreten Erfolgsmeldungen aus der Wirtschaftspresse befragte.
[6] Details bei Eugene Gholz und Llewelyn Hughes, Market Structure and Economic Sanctions: The 2010 Rare Earth Elements Episode as a Pathway Case of Market Adjustment. Review of International Political Economy (2021) 28 (3), S. 611-634.