Britta Kuhn
Allmählich versteht die EU, wie wichtig umfassende Free Trade Agreements (FTA) für ihr wirtschaftliches und politisches Überleben sind. Was ist erreicht, was fehlt?
Aktueller Stand

Obige Weltkarte[1] und detaillierte Einzelnachweise der Europäischen Kommission[2] zeigen: Die EU unterhält bereits viele Freihandelsabkommen (im Folgenden: FTA) und vergleichbare Partnerschaften. Darunter befinden sich wichtige Handelspartner wie die demokratisch regierten Industrieländer Japan und Südkorea. Daneben tauschfreudige Schwellenländer wie Vietnam und Kasachstan, deren institutionelles Gefüge allerdings von dem der EU deutlich abweicht. Die Weltkarte verdeutlicht aber auch noch viele Lücken. Darunter befinden sich rohstoffreiche Demokratien wie die USA und Australien, daneben potenzialreiche Schwellenländer wie Indien oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Erst jüngst nahmen die EU-Staaten das Abkommen mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay an – fast wäre die Verhandlungen nach 25 (!) Jahren an Frankreichs Widerstand gescheitert.[3] Dort ist die Agrarlobby politisch ähnlich einflussreich wie in Deutschland die Autolobby.
FTAs sind zwar nur die zweitbeste Lösung und entfalten ihre BIP-steigernde Wirkung oft nur langsam, weil sie die Handelsbarrieren schrittweise und damit verkraftbar abbauen. Ökonomisch überlegen wäre weltweiter Freihandel. Die dafür zuständige World Trade Organisation kann dieses Ziel jedoch absehbar nicht erreichen. Welche FTAs würden die EU besonders stärken und was müsste dafür passieren?
EU und Indien
Diese Verhandlungen begannen 2010 und pausierten von 2013 bis 2022. Die deutsche Wirtschaft würde von einer baldigen Einigung besonders profitieren. Indien ist nicht nur das bevölkerungsreichste Land der Welt und leidet im Gegensatz zum Rivalen China nicht an Überalterung. Indiens Wirtschaft wächst daneben seit Jahren stark und bietet zahllose Investitionsalternativen zur Volksrepublik. Noch aber streiten EU und Indien weiter über viele Themen, z.B. Ausnahmen vom europäischen CO2-Preis.Weniger inhaltliche Reichweite und mehr Kompromissbereitschaft würden die Erfolgsaussichten einer Einigung verbessern.[4]
EU und Australien bzw. USA
Australien ist eine überaus rohstoffreiche Demokratie und strebt wie die EU ein Derisking von China an. Verhandlungen zu einem FTA zwischen 2018 und 2023 scheiterten u.a. an französischen U-Boot-Verträgen und Agrarfragen. Angesichts verschärfter Rohstoff-Konflikte gehen die Gespräche jedoch seit 2025 weiter.[3] Eine Einigung wäre kurzfristig noch wichtiger als mit Indien. Dies gilt erst recht für ein FTA mit den USA. Sie bleiben trotz aller Konflikte bislang Europas wichtigster Handels- und Bündnispartner. Eine Freihandelsabkommen der EU mit den USA liegt allerdings derzeit in weiter Ferne. Schon vor Trump I war TTIP 2015/2016 praktisch an öffentlichen Protesten gescheitert. Die Verhandlungen mit den USA genossen in der europäischen Bevölkerung wesentlich mehr Aufmerksamkeit als vergleichbare Gespräche mit asiatischen Partnerländern.
Weitere Verhandlungspartner
Mit dem Golf-Kooperationsrat, zu dem die Vereinigten Arabischen Emirate gehören, verhandelte die EU ab 1990 (!). Von 2008 bis 2025 waren die Gespräche ausgesetzt. Auch die Verhandlungen mit Malaysia begannen bereits 2010, jene mit Thailand 2013. Beide pausierten lange, nämlich im Fall Malaysias von 2012 bis 2025 und hinsichtlich Thailands von 2014 bis 2023. Beide Gespräche will die EU wiederbeleben. Mit den Philippinen spricht sie seit 2015, mit Tadschikistan seit 2023. Der bisherige EU-Fokus auf Umweltstandards erschwerte viele Einigungen. Nun könnte sich der Schwerpunkt wieder stärker auf sinkende Handelshemmnisse und die übergreifende geopolitische Bedeutung der Abkommen verlagern.
Fazit
Wichtigste weitere FTA-Partnerländer wären die USA (z.Z. utopisch), Australien und Indien (z.Z. beide greifbar). In der Vergangenheit stellten EU-Repräsentanten hohe Forderungen an ihre Gesprächspartner. Je nach politischer Couleur schützten sie unter dem Vorwand bzw. dem ideologischen Bekenntnis der Nachhaltigkeit heimische Interessengruppen vor Wettbewerb und verärgerten Drittländer, die sich bevormundet fühlten. Allmählich erkennt die europäische Politik, dass ihre Verhandlungsposition schmilzt. Sie agiert weniger überheblich und dient mit einer Derisking-Strategie dem europäischen Gemeinwohl. Eine überragend wichtige und schwierige Aufgabe, soweit Europa im geoökonomischen Showdown zwischen den USA und China eigenständig bleiben bzw. werden will.
Quellen:
[1] Vgl. European Commission, EU Trade agreements 2025, 0e05d6f3-64f5-4661-ae0c-aefb68094d19
[2] European Commission, Trade and Economic Security, Negotiations and agreements, https://policy.trade.ec.europa.eu/eu-trade-relationships-country-and-region/negotiations-and-agreements_en
[3] Vgl. auch im Folgenden, soweit nicht Einschätzungen der Verfasserin: Handelsblatt vom 12.1.2026, Europas Handelsoffensive, S. 4-5.
[4] Vgl. auf diesem Blog Details zum geplanten EU-FTA mit Indien: https://besser-wachsen.com/2025/07/18/freihandel-zwischen-indien-und-eu/#more-2736
[5] Vgl. auf diesem Blog Details zum (damals noch geplanten) EU-FTA mit dem Mercosur: https://besser-wachsen.com/2023/10/13/eu-mercosur-handelsabkommen-auf-der-zielgeraden/#more-2498