„Move“ von Parag Khanna

Britta Kuhn

In der Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen bespreche ich „Move. Das Zeitalter der Migration“ im Detail.[1] Hier nur eine Kurzvorstellung.

Wanderungsdruck wird weiter steigen

Der indisch-amerikanische Politikwissenschaftler Khanna prognostiziert, dass sich die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten neu auf der Erde verteilen wird. Die Gründe dafür lägen in demographischen und wirtschaftlichen Entwicklungsunterschieden, politischen Unruhen und Klimaveränderungen. Manche Länder oder Regionen würden künftig unbewohnbar, heute menschenleere Gegenden dagegen stärker besiedelt. Migration als weltweite Erscheinung habe es zwar schon immer gegeben. Im 21. Jahrhundert könne sich daraus aber ein globales Massenphänomen entwickeln. Darauf seien weder die Herkunfts- noch die Zielländer vorbereitet. 

Herausforderungen für sämtliche Kontinente

Khanna erläutert vor allem demographische, technologische und klimatische Veränderungen für sämtliche Weltregionen. Beispielsweise könnten heute unwirtliche Regionen wie Kanadas Norden, Sibirien oder Grönland in Zukunft große Bevölkerungsmengen anziehen, die ihre traditionellen Siedlungsgebiete an Flüssen und Meeren wegen der Erderwärmung aufgeben müssten. Daneben dürften immer mehr junge Menschen aus Südostasien Dienstleistungen in den westlichen Volkswirtschaften übernehmen, soweit Roboter und Digitalisierung dies nicht leisten könnten oder sollten. Insgesamt sei mit den Millennials eine global orientierte Generation auf Wanderschaft und der weltweite Wettbewerb um junge Talente stünde erst am Anfang. 

Gegen Nationalismus und politische Migrationshindernisse

Khanna verweist darauf, dass in historischen Großreichen wie dem British Empire Generationen von Menschen großräumig umzogen. Erst nach dem Ersten Weltkrieg habe die Migrationsbürokratie stark zugenommen. Reisepässe würden in Zukunft „Kompetenzen und Gesundheit dokumentieren, nicht die Staatsangehörigkeit“[2]. Menschen seien nicht mehr nach ihrem Geburtsland zu beurteilen, sondern anhand ihres Potenzials. Als nationale Entscheidungshilfe empfiehlt er eine „globale Identitätsdatenbank“[3], die alle Aufenthaltsorte eines jeden Menschen lückenlos belegt. Überhaupt ließe sich Massenmigration künftig per Digitalisierung besser steuern. Daneben lassen sich laut Khannas Recherchen in über hundert Ländern Staatsangehörigkeiten mit hohen Investitionen kaufen. Er stellt zahlreiche Programme genauer vor – hier herrscht demnach ein Marktprinzip. Im Schlusskapitel „Zivilisation 3.0“ kritisiert der Verfasser den westlichen Menschenrechtsbegriff. Dazu gehöre nämlich nicht nur Redefreiheit oder Rechtsstaatlichkeit, sondern vor allem Bewegungsfreiheit. Sie sei oftmals die Voraussetzung dafür, in den Genuss weiterer Menschenrechte zu gelangen.

Gesamtkritik

„Move“ weitet den Blick. Die Grenze zwischen pragmatischen Vorschlägen und realitätsfremden Visionen verläuft jedoch fließend. Auch behandelt das Buch viele Randthemen zu ausführlich. Unter dem Strich bietet es aber interessante Länderbeispiele für jeden Geschmack und Erfahrungshorizont.


Quellen:

[1] Britta Kuhn, Quo vadis, Weltbevölkerung? (Rezension). Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen (2023) 76(14), S. 48

[2] Parag Khanna, Move. Das Zeitalter der Migration, Printausgabe: 2021 Rowohlt Berlin Verlag GmbH, Berlin, S. 343.

[3] Parag Khanna, a.a.O., S. 344.

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