Bruno Schönfelder, Fluch des Imperiums

Britta Kuhn

Ist Sibiriens Besiedlung zum Scheitern verurteilt? Was läuft in Kanada besser? Antworten bietet der Emeritus der TU Bergakademie Freiberg, dessen Buch ich ausführlich in der Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen bespreche.[1]

Russische statt holländischer Krankheit

Die holländische Krankheit bezeichnet in der Volkswirtschaftslehre eine wirtschaftliche Schwächung, die aus umfassenden Rohstoffexporten folgt: Durch Erdgasausfuhren wertete seinerzeit die niederländische Währung derart auf, dass die Binnenindustrie ihre Wettbewerbsfähigkeit verlor. Anders lief es laut Schönfelder in Russland (Kapitel 6): Sibiriens Ressourcenreichtum förderte keine Deindustrialisierung, sondern umgekehrt eine Industrialisierung, die allerdings wirtschaftlich nicht lebensfähige Strukturen hervorbrachte. Es seien immer mehr Produktionsstätten errichtet worden, durch die Interessengruppen mächtiger geworden seien, die wachsende Subventionen verlangt hätten. Auch sei der sowjetische Bergbau nur dank westlicher Technologien schnell aufgestiegen. Diese fehlten inzwischen ebenso wie Arbeitskräfte. Denn in den kalten russischen Weiten gehe die Bevölkerung stark zurück – mangels Geburten, wegen hoher Sterblichkeit und Auswanderung in die Länder des Westens (Kapitel 7 bis 8). Kapitel 10 prognostiziert, dass die Ukraine-Invasion die russische Wirtschaft überfordern wird. „Wenn ein Staat auf einer derart schwachen wirtschaftlichen Basis die Rolle einer Groß- oder gar Supermacht zu spielen versucht, kann es leicht geschehen, dass er an Überanstrengung scheitert“, heißt es auf Seite 134.

Natürliche Vorteile Kanadas

Viele Kapitelüberschriften sprechen für sich, beispielsweise „4. Die horrenden Kosten der Kälte und die Verkehrsfeindlichkeit der russischen Geographie“. Der Autor schildert hier den schwierigen und teuren Bau der Transsibirischen Eisenbahn und der Baikal-Amur-Magistrale. Daneben seien Sibiriens Flüsse, die von Nord nach Süd fließen, nur im kurzen sibirischen Sommer schiffbar. Anders in Kanada, einem ebenfalls riesigen, ressourcenreichen und kalten Land: Es verfüge mit dem Sank-Lorenz-Strom und den Großen Seen seit jeher über einen hochwertigen natürlichen Verkehrsweg, der tief ins Land reiche und sich überwiegend ganzjährig nutzen lasse. Auch Kapitel 11 vergleicht die geografischen Voraussetzungen beider Länder. So lägen jeweils zwei Drittel der Böden im Dauerfrost. Aber nur in Russland befänden sich umfangreiche Industrieanlagen, Infrastruktur und ganze Städte auf diesen Böden. Bei Tauwetter destabilisiere sich die Erdoberfläche und bringe die Bauwerke ins Wanken. Daneben sei das Leben und Arbeiten in Sibirien derart unattraktiv, dass Migration dorthin immer Zwang benötigt habe.

Ungünstige Industrialisierungsgeschichte

Auch Kapitel 5 vergleicht: In der Sowjetunion habe die Industrialisierung die Landwirtschaft gründlich ruiniert, in Westeuropa und Nordamerika dagegen stets für enorme landwirtschaftliche Produktivitätsgewinne gesorgt. Auch die Ölpreissteigerungen der 1970er Jahre hätten der Sowjetunion nicht geholfen. „Der für den Untergang des sowjetischen Imperiums vielleicht wichtigste Tag war der 12. September 1985. Damals beschloss die saudi-arabische Staatsführung eine Vervierfachung der saudischen Ölproduktion“, erläutert Schönfelder auf Seite 62. Saudi-Arabien habe sich von pro-sowjetischen Regierungen im Irak, Syrien, Somalia, Äthiopien und im Jemen eingekreist gefühlt. Der folgende Schulterschluss mit den USA habe auf dem Wissen beruht, „dass der Ölpreis die Achillesverse der Sowjetunion war“.

Fazit

Schönfelder bezweifelt, dass Sibiriens Ressourcenreichtum Russlands wirtschaftliches Überleben sichert. Die vom Zarenreich und der Sowjetunion geerbte Wirtschaftsstruktur werde Russland weder reich noch demokratisch machen.[2]


Quelle:

[1] Bruno Schönfelder, Der Fluch des Imperiums, 2022 Edition Europolis UK, Berlin, 149 Seiten, ISBN 9783982025636. Besprechung: Britta Kuhn, Sind Sibiriens Rohstoffe Fluch oder Segen? Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen (2024) 77(3), S. 154.

[2] Das gleichnamige Werk des Historikers Martin Schulze Wessel analysiert nicht Russlands Wirtschaftsgeschichte, sondern Putins Ukraine-Invasion im Rahmen der politisch-imperialen Vergangenheit Russlands.

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