Britta Kuhn
Daria Denglers Bachelor-Thesis analysiert, ob die deutsch-vietnamesische Wirtschaftskooperation zunehmen sollte[1]
Deutschland will und sollte die wirtschaftliche Abhängigkeit von China senken. Bietet sich Vietnam als eine Diversifizierungsoption an? Oder überwiegen die Risiken?
Vietnams wirtschaftliche Entwicklung und Beziehung zu Deutschland[2]
Die Sozialistische Republik Vietnam öffnete sich ab Mitte der 1980er Jahre für die Weltwirtschaft. 1995 trat das Land der Gemeinschaft Südostasiatischer Staaten ASEAN bei, 2007 der Welthandelsorganisation WTO. Es nimmt an den bedeutenden multilateralen Abkommen CPTPP und RCEP teil, die 2019 bzw. 2022 in Kraft traten und die wirtschaftliche Zusammenarbeit im Großraum Asien-Pazifik intensivieren. Daneben existieren bilaterale Handelsabkommen, beispielsweise schon seit 2001 mit den USA und seit 2020 mit der EU. Vietnams Integration in die internationale Arbeitsteilung sorgte für wachsenden Wohlstand. Die Thesis detailliert, wie sich der Warenhandel, die Direktinvestitionen, das Bruttoinlandsprodukt und weitere wichtige Kennzahlen des Schwellenlandes entwickelten. Bei uns eher unbekannt dürfte zum Beispiel sein, dass der mit Abstand wichtigste Investor in Vietnam nicht China ist, sondern Südkorea. Auch gehörte Vietnam zu den wenigen Ländern, die während der Corona-Pandemie Wachstum erzielten.
Die deutsch-vietnamesischen Wirtschaftsbeziehungen reichen bis 1980 und damit relativ weit zurück. 2011 gingen beide Länder eine umfangreiche strategische Partnerschaft ein. Derzeit arbeiten über 400 deutsche Unternehmen in Vietnam und es gibt vielfältige Gemeinschaftsprojekte, unter anderem in der beruflichen Aus- und Weiterbildung.
Deutsch-vietnamesische Wirtschaftskooperation: Chancen…[3]
Wesentliche Stärken Vietnams liegen erstens in seiner jungen und motivierten Bevölkerung, die hochgradig an Bildung interessiert ist. Mit einer Fertilität von gut zwei Kindern pro Frau wird das Land auch nicht so schnell altern wie derzeit Deutschland und China. Zweitens gehen selbst im Vergleich der ASEAN-Staaten niedrige Löhne mit einem hohen Arbeitseinsatz einher. Üblicherweise gilt nämlich die sechs-Tage-Woche, es gibt nur 12-16 jährliche Urlaubstage und selten Streiks. Drittens verfügt Vietnam in der Textil-, Bekleidungs- und Elektronikindustrie über eine starke Wettbewerbsstellung. Das Land bemüht sich erfolgreich um High-Tech Ansiedlungen, etwa um Chip-Fertiger wie Taiwans Foxconn. Südkoreas Samsung ist längst vor Ort und steht für maßgebliche Exportanteile. Schließlich bietet der inländische Absatzmarkt viel Potenzial, denn die junge Bevölkerung ist konsumfreudig und der Wohlstand wächst. Speziell deutsche Produkte genießen einen guten Ruf und dürften zunehmend erschwinglich werden.
…und Risiken[4]
Wichtige Defizite liegen erstens in der weitverbreiteten Korruption. Vietnams Regierung geht dagegen bisher ungenügend vor und das öffentliche Bewusstsein hinsichtlich schädlicher Korruptionsfolgen ist wenig entwickelt. Zweitens hängt Vietnam wirtschaftlich stark vom benachbarten China ab, vor dessen politischen Machtansprüchen die Bevölkerung aber Angst hat. Konflikte gibt es beispielsweise um die Paracelsus-Inseln im südchinesischen Meer, entlang derer große Fisch-, Öl- und Gasvorkommen existieren. Drittens beeinträchtigen der Klimawandel und Naturkatastrophen, hier vor allem Taifune, Vietnams wirtschaftliches Potenzial. Sie zerstören unter anderem Produktionsstätten und verursachen Stromausfälle. Schließlich mangelt es an ausgebildeten Fachkräften wie Ingenieuren oder IT-Kräften. Auch Fähigkeiten wie Fremdsprachenkenntnisse oder Eigeninitiative müssen ausländische Unternehmen vielfach nachschulen.
Fazit[5]
Die Thesis empfiehlt, die deutsch-vietnamesische Zusammenarbeit vorsichtig zu intensivieren. Vor allem im Bekleidungs- und Elektronikbereich könne Vietnam zum De-Risking von China beitragen. Angesichts der Defizite des Landes sollten die Erwartungen jedoch nicht zu hoch sein. Speziell im Fall eines Konflikts mit China wäre Vietnam dessen Übermacht nicht gewachsen.
Quellen:
[1] Daria Dengler, „Wirtschaftspartner Vietnam: Chancen und Risiken für Deutschland“, Bachelor Thesis, Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain, 11.09.2023.
[2] Im Detail: Daria Dengler, a.a.O., Kapitel 2, S. 2 ff.
[3] Im Detail: Daria Dengler, a.a.O., Kapitel 3, S. 10 ff.
[4] Im Detail: Daria Dengler, a.a.O., Kapitel 4, S. 14 ff.
[5] Im Detail: Daria Dengler, a.a.O., Kapitel 5, S. 20.