Britta Kuhn
Chinas staatliches Investitionsprogramm „Six Networks“ soll bis 2030 für über 3 Bio. € modernste Infrastruktur schaffen und die Inlandsnachfrage beleben. Hilft es auch der Weltwirtschaft?
Wasser, Strom, Pipelines, Rechenzentren, Logistik, Kommunikation
Chinas aktueller Fünfjahresplan läuft von 2026 bis 2030. Er sieht bis zu 25 Billionen Yuan Renminbi (im Folgenden: Bio. ¥) staatlicher Infrastrukturinvestitionen vor, die sechs Netzwerke bauen bzw. modernisieren sollen. Geplant sind erstens Wasserumleitungs- und Bewässerungsprojekte im Wert von 6 Bio. ¥; zweitens Stromnetze für über 5 Bio. ¥; drittens rund 770.000 km unterirdische Rohre à 5 Bio. ¥, viertens Rechenzentren in Westchina, die mit den Daten Ostchinas arbeiten, für 4 Bio. ¥; fünftens digitale und physische Lieferketten zu insgesamt 2,7 Bio. ¥; sechstens integrierte 6G-Kommunikationssystme à 1,3 Bio. ¥.[1, 2]
Ziele: Moderne Infrastruktur & mehr Inlandsnachfrage[1]
Angebotsseitig soll das Programm Chinas Produktivität erhöhen. Die Wasserprojekte würden unter anderem Südchinas Städte vor Überflutungen schützen und Wassermassen nach Norden umleiten. Die geplanten Stromnetze dienen auch dem Transport, der Speicherung und Steuerung von Solar- und Windenergie. Die unterirdischen Pipelines könnten sämtliche Kabel bündeln und ließen sich ohne Verkehrsbeeinträchtigungen reparieren. Bisher gibt es davon 7.700 km – die Regierung strebt also bis 2030 das Hundertfache an. Sechs von insgesamt zehn Rechenzentren sollen in den armen, aber energiereichen westchinesischen Provinzen entstehen. Die geplanten Telekommunikations-Investitionen würden neben dem 5G-Ausbau auch 6G voranbringen. Alle Investitionen dienen Chinas Vision, in Zukunftsindustrien wie beispielsweise Luft- und Raumfahrt, Biomedizin, Energiespeicher, Robotik, Quantentechnologie oder Kernfusion an die Weltspitze zu rücken.
Nachfrageseitig sollen die 6 Netzwerke Chinas Binnenwirtschaft stärken, also für Konsum statt des derzeit übermäßigen Sparens sorgen. Denn das heimische Verbrauchervertrauen liegt ebenso danieder wie die gesamtwirtschaftliche Investition. Allein die Jugendarbeitslosigkeit erreicht fast 19 Prozent – arbeitssuchende Studierende nicht eingeschlossen. Bisher kompensierte China die dadurch drohende Deflation durch massive Exporte. Protektionismus der Zielmärkte und ein versiegender KI-Boom in den USA könnten diesen Ausgleich künftig erschweren.
Wer zahlt?[1]
Die staatlichen Investitionen entsprächen 3 Prozent des kumulierten chinesischen Bruttoinlandsprodukts zwischen 2026 und 2030. Chinas Zentralbank kündigte am 29.9.2026 begünstigte Kredite für das 6-Netzwerke-Programm an. Daneben vergeben einige wichtige Staatsunternehmen spezielle Anleihen an Lokalregierungen. Schließlich übernehmen chinesische Staatsbanken einen Teil der Risiken. Dadurch sollen die Projekte auch für Geschäftsbanken attraktiv werden und das gesamte Finanzvolumen vervier- bis verfünffachen. Die Renditen chinesischer Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit liegen derzeit unter 1,7 Prozent. Die Regierung kann sich daher viel billiger verschulden als inzwischen westliche Länder wie die USA.
Weltwirtschaftliche Chance oder Billionen-Grab?[1]
Die Projekte könnten Chinas Wachstum langfristig intensivieren. Steigende Inlandspreise würden die Importe stärken und die Exporte senken, so dass Chinas Handelsüberschüsse abnähmen – gut auch für seine globale Handelspartner und deren Kooperationsbereitschaft. Allerdings litten frühere Infrastruktur-Programme, beispielsweise während der Finanzkrise oder die Belt-and-Road-Initiative, unter erheblichen Fehlinvestitionen. Chinas Regierung ist sich dieser Gefahr bewusst: 2017 drohte beispielsweise Xi Jinping lokalen Amtsträgern mit „lebenslanger Verantwortung“, 2023 das Finanzministerium mit „Hochdruck-Überwachung“ von zwölf hochverschuldeten Provinzen.[1]
Quellen:
[1] The Economist, 1.10.2026, Briefing: The “Six Networks”, https://www.economist.com/briefing/2026/10/01/china-is-giving-its-economy-a-big-shot-in-the-arm.
[2] CGTN, 15.6.2026, Explainer: What are the ‘six networks’ of China? https://news.cgtn.com/news/2026-06-15/Explainer-What-are-the-six-networks-of-China–1O06rorq3OU/index.html.