NACHHALTIGE MOBILITÄT

Sarah Hundertmark

Eröffnungstagung des Forschungscampus³ in Rüsselsheim

Am 20. und 21. Februar 2013 eröffneten die Hochschulen Darmstadt, Frankfurt und Rhein-Main ihren gemeinsamen „ForschungsCampus: individualisierte nachhaltige Mobilität“ im Rüsselsheimer Rathaus.[1] Im Mittelpunkt standen zahlreiche Expertenvorträge und spannende Verknüpfungen von Technik, Infrastruktur und sozio-ökonomischen Aspekten. In verschiedenen Panels und im Plenum wurden neueste anwendungsorientierte Forschungserkenntnisse und Problemlösungen aus der Praxis vorgestellt. Der folgende Bericht fasst die Ergebnisse des Panels „Räumliche Aspekte der neuen Mobilität“ zusammen, in dem es um die Verbesserung der Mobilität in Ballungsräumen und ländlichen Gebieten bei gleichzeitiger Veränderung des menschlichen Verhaltens auf einer sozioökonomischen Ebene ging.

Zukünftige Entwicklungen der Mobilität in Ballungsräumen

Prof. Dr. Ing. Felix Huber, Leiter des Lehr- und Forschungsgebiets für umweltverträgliche Infrastruktur-, Stadt- und Verkehrsplanung an der Bergische Universität in Wuppertal, thematisierte künftige Anforderungen und mögliche Veränderungen der Mobilität, um die Ziele des Klimaschutzes einhalten zu können. Veränderte Rahmenbedingungen, wie demografischer Wandel, globaler Wettbewerb und vor allem die Schuldenbremse für öffentliche Haushalte, forderten innovative, intelligente und preiswerte Möglichkeiten. So veränderten sich die Anforderung und Lebensstile der Menschen laufend, so dass Tür-zu-Tür-Verbindungen, Verlässlichkeit, Erreichbarkeit, Bezahlbarkeit und Sicherheit des öffentlichen Verkehrs immer wichtigere Themen würden. Gleichzeitig gelte es, die Treibhausgasemission um 80 Prozent bis 2050 zu reduzieren.[2] Diese Ziele könne man nur erreichen, wenn ab sofort auf Öl verzichtet werde und man auf einen postfossilen Verkehr umsteige. Dies würde durch neue Innovationen, wie beispielsweise regenerative Energien und Sonnenenergie, erreicht und biete gleichzeitig eine hohe Energieeffizienz. Unveränderbare Stellen müssten durch Körperkrafteinsatz und kürzere Wege kompensiert werden.

Huber kritisierte die bisher durchgeführten forecast Prognosen[3], da diese nur aus Zieldefinitionen bestünden, jedoch keinerlei Ansatz einer Zielerreichung böten. Er betonte, dass sich die Klimaziele 2050 mit einem reinen Technikfokus nicht erreichen ließen. Man müsse auch das Verhalten berücksichtigen. Der Fokus der Städteplaner müsse immer stärker auf Verkehrsvermeidung und -veränderung liegen. Technik- und Verhaltensänderungen müssten Hand in Hand arbeiten, um die vorgegebenen Ziele zu erreichen, etwa durch Kooperation von Hochschulen, Architekten, Verkehrsplanern und dem Städtebau. Daneben müsse der öffentliche Verkehr erhalten, erneuert und ausgebaut werden, Umweltzonen seien weiter zu fördern sowie Rad- und Fußwege auszubauen. Alle Automobilhersteller sollten zeitnah nur noch kleine Hybridfahrzeuge produzieren, damit Nahdistanzen immer mehr mit Elektromobilen zurückgelegt werden können. Bis 2030 sollten unsere gesamten öffentlichen Nahverkehrsmittel elektrisiert werden. Für Sonderfälle wie beispielsweise Urlaube solle man einfach ein größeres Auto mieten und für das Alltagsleben ein kleines Auto besitzen. Als funktionierendes Beispiel nannte Huber Stockholm. Diese Stadt sei durch eine Citymaut stressfreier und ruhiger geworden. Regenerative Energien seien sehr stark integriert und die Bevölkerung in hohem Maße auf Fahrräder umgestiegen.

Implikationen neuer Mobilitätsformen für den ländlichen Raum

Prof. Dr. Udo Onnen-Weber, Architekt der Hochschule Wismar, erläuterte zunächst die schwierige Situation Mecklenburg-Vorpommerns: Es handele sich um einen strukturschwachen Raum, der durch seine periphere Lage schwer erreichbar und deshalb verstärkt vom demografischen Wandel geprägt sei. Die ÖPNV-Verbindungen müssten dort ausgebaut werden, da bisher nur 70 Prozent der Städte und ein Drittel des Umlands mit öffentlichen Verkehrsmitteln vernetzt seien. Schulbusse hielten zum Beispiel nur in großen Orten mit vielen Kindern. Auch die Touristen blieben an der Küste, da es ihnen mangels Vernetzung unmöglich sei, in die Städte zu gelangen. Die Landwirtschaft sei der einzige Sektor, der dem Bundesland Gewinn bringen könne. Durch ihre hohe Industrialisierung schaffe die Landwirtschaft jedoch keine Arbeitsplätze und verstärke somit die latente Verarmung. Mit dem Forschungsprojekt „inmod http://www.inmod.de“ wollen Onnen-Weber und seine Kollegen wieder mehr Mobilität nach Mecklenburg-Vorpommern bringen. Damit die Beförderung über lange Strecken und viele Bushaltestellen nicht unattraktiv werde, bedient ein Elektronik-Express-Bus die Hauptverkehrsstraße. Eine Batterieladung reicht bisher für bis zu 200km. Als Zubringer aus den verschiedenen Ortschaften zur Hauptverkehrsstraße dienen zur Zeit ca. 320 Elektro-Fahrräder und die eigenes entwickelten Mikroautos „elvira“.

Von der Verinselung der Welt

Prof. Dr. Thorsten Bürklin, Professor für Philosophie und Geschichte an der FH Münster, behandelte in seinem Vortrag „Nachhaltige Mobilität und Stadtentwicklungspotenziale“ die internationale Vernetzung. Er unterschied daraus entstandene „Urbanauten“, die mobil seien, und „lost urbs“, die nicht mobil seien und somit durch Verinselung ausgeschlossen würden. Durch Vernetzungen seien alle Orte grundsätzlich schnell und sehr gut erreichbar. Jedoch gäbe es auch viele kleine Zonen mit schlechter bis keiner Vernetzung, die Bürklin als Peripherisierung der Städte bezeichnete. „Pseudostädte“, wie Bürklin z.B. das Main-Taunus -Zentrum nannte, seien mit dem Auto zwar leicht zu erreichen und zu verlassen, jedoch nur noch für hochmobilisierte Konsumenten (also „Urbanauten“). Schlechte Bus- und Zugverbindung schlössen dagegen die Autolosen (also „lost urbs“) aus.

Fazit

Das Panel bot interessante Einblicke in die Möglichkeiten nachhaltiger Mobilität. Allerdings ist es noch ein weiter Weg, denn es heißt, zusammen zu gestalten, um die vorgegebenen Klimaschutzziele zu erreichen. Es gibt bereits viele Forschungsprojekte hinsichtlich nachhaltiger Energien und Elektromobilität. Dennoch sollte man die postfossile Verkehrsstruktur nicht als Folge des Strukturwandels hinnehmen, sondern sich aktiv an diesem Wandel beteiligen und an Diskussionen und Veranstaltungen wie der Rüsselsheimer Konferenz teilnehmen.

 


Quellen:

[1] Details: http://www.hs-rm.de/hochschule/startseite/meldungsdetails/article/2190-forschungscampus-geht-online/nocache.html.

[2] Vgl. das durch Nordrhein-Westfalen verabschiedete und europäisch anerkannte Klimaschutzgesetz: http://www.umwelt.nrw.de/klima/klimaschutzgesetz-nrw/index.php

[3] Forecast Prognosen: Wissenschaftlich fundierte Aussagen aufgrund vergangenheitsbezogener Daten über voraussichtliche Ereignisse, Zustände oder Entwicklungen in der Zukunft.

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