ANLEGERSCHUTZ IN DEUTSCHLAND: NOCH VIEL LUFT NACH OBEN

Britta Kuhn

Bachelor-Thesis von Birgit Gross-Bosch[1] zeigt Schwächen der neuen Regeln

Seit der Finanzkrise ist im deutschen Anlegerschutz viel passiert: Privatkunden sollen verständliche Produktinformationen erhalten, Anlageberater Kunden- anstatt Bankinteressen verfolgen und ausführliche Beratungsprotokolle Schadenersatzklagen fehlgeleiteter Kunden erleichtern. Die Abschlussarbeit zeigt jedoch, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit große Lücken klaffen, und schlägt weitreichende Reformen vor.

Anlegerschutz immer noch lückenhaft

Gross-Bosch erläutert zunächst ausführlich, wie sich der deutsche Anlegerschutz seit der Finanzkrise verschärft hat.[2] Theoretisch. Denn ihr folgender Praxistest fällt ernüchternd aus: Die Kunden erhalten Basisinformationen von mehreren hundert Seiten, aus denen sie die relevanten Erkenntnisse kaum herausfiltern können, zumal die finanzielle Allgemeinbildung der Deutschen laut diverser Studien gering ist.[3] Bei den Produktinformationsblättern erschweren immer mehr und komplexere Wertpapiere, nicht erläuterte Fachbegriffe und komplizierte Schachtelsätze sowie bedenkliche Risikodarstellungen die Vergleichbarkeit.[4] Ein drei Seiten umfassendes Beispiel findet sich im Anhang der Arbeit: Es ist nur mit Lupe zu lesen und setzt spezielle Kenntnissen der Finanzökonomie voraus.[5] Als besonders unergiebig erweist sich das Beratungsprotokoll: Die Berufstätigkeit ist oft nicht dokumentiert, die standardisierten Definitionen der Risikoklassen geben die individuelle Risikobereitschaft nicht wieder, Angaben zu den finanziellen Verhältnisse der Anleger fehlen oft, statt der tatsächlich im Gespräch genannten Argumente werden standardisierte Textbausteine verwendet und gegen den Geist des Gesetzes soll der Anleger häufig die Richtigkeit der dokumentierten Angaben per Unterschrift bestätigen.[6] Schließlich setzt die provisionsbasierte Beratung nach wie vor Fehlanreize und ist vielen Anlegern noch gar nicht bewusst. Allerdings soll die alternative Honorarberatung ab 2014 gesetzlich gefördert werden. Hierbei bezahlen die Kunden explizit für Beratungsleistungen anstatt durch Produktabschluss.[7]

Verbesserungsvorschläge: Transparenz und Honorarberatung

In Belgien existiert seit August 2011 ein freiwilliges Moratorium der Wertpapierhändler: Sie verkaufen Privatanlegern keine komplexen Produkte mehr, bis die Finanzaufsicht eine verbindliche Regulierung umgesetzt haben wird.[8] In Großbritannien und den Niederlanden besteht seit 2013 ein Provisionsverbot zugunsten der Honorarberatung.[9] Die Verfasserin selbst schlägt im Detail vor, welche Änderungen die grundsätzlich sinnvollen Produktinformationsblätter verständlich und vergleichbar machen könnten und wie das Beratungsprotokoll tatsächlich zum Beweismittel bei Falschberatung würde.[10] Außerdem sei dem Anleger eine klärende Checkliste für das Beratungsprotokoll zu geben, das Gross-Bosch im Anhang entwickelt[11], und die Honorarberatung flächendeckend einzuführen.[12] Die mangelhafte finanzielle Allgemeinbildung der Bevölkerung sei vor allem über das Schulsystem zu verbessern. Der Gesetzgeber müsse also entweder Bildungsreformen umsetzen, oder einen echten Beitrag zum Anlegerschutz leisten. Es sei unwahrscheinlich, dass dieses Ziel ohne weitere Regulierungen von den Banken selbst erreicht werde.[13]

 


Quellen:

[1] Birgit Gross-Bosch, „Eine kritische Analyse des Anlegerschutzes in Deutschland“, Bachelor Thesis, Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain, 05.03.2013.
[2] Birgit Gross-Bosch, a.a.O., Kapitel 2 und 3.
[3] Birgit Gross-Bosch, a.a.O., S. 8 f.
[4] Birgit Gross-Bosch, a.a.O., S. 9.
[5] Birgit Gross-Bosch, a.a.O., Abb. 1, S. IV-VI.
[6] Birgit Gross-Bosch, a.a.O., S. 12 f.
[7] Birgit Gross-Bosch, a.a.O., S. 15 f.
[8] Birgit Gross-Bosch, a.a.O., S. 11.
[9] Birgit Gross-Bosch, a.a.O., S. 16.
[10] Birgit Gross-Bosch, a.a.O., S. 17.
[11] Birgit Gross-Bosch, a.a.O., Abb. 3, S. XIII.
[12] Birgit Gross-Bosch, a.a.O., S. 19.
[13] Birgit Gross-Bosch, a.a.O., S. 19.

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Ein Gedanke zu „ANLEGERSCHUTZ IN DEUTSCHLAND: NOCH VIEL LUFT NACH OBEN

  1. Menschenrechtsaktivist sagt:

    Rechtsstaat nur Fiktion
    Der Staat will Bürger arm machen. Diese Erkenntnis basiert auf der juristischen Überprüfung von hunderten Rechtsfällen, s. http://unschuldige.homepage.t-online.de/flugblat.htm .
    Der psychologische Abwehrmechanismus insbesondere der Justiz funktioniert perfekt (siehe dazu Schneider AnwBl. 2004.333), alles läuft darauf hinaus, die Unantastbarkeit richterlichen Verhaltens zu stärken und den Staat von dem Einstehen für ihm zuzurechnendes Unrecht freizustellen. Die einzigen Juristen, die sanktionslos die Gesetze verletzen dürfen, sind die Richter! Wenn aber die Rechtsunterworfenen richterliche Fehlurteile und richterliche Pflichtverletzungen ersatzlos tragen müssen, dann sind die Kriterien eines Rechtsstaates nicht mehr erfüllt. Und so bleibt am Ende die Erkenntnis: Einen Rechtsstaat, wie er den Verfassern des Grundgesetzes vorgeschwebt hat, den haben wir nicht, und wir entfernen uns ständig weiter von diesem Ideal. s. http://www.hoerbuchkids.de/hu/mr/homepage/justiz/info.php?id=134 .

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