BEERDIGT DEN „HOMO OECONOMICUS“!

Britta Kuhn

So hätte mein Beitrag auf Ökonomenstimme eigentlich heißen sollen. Aber die Redaktion beschränkte sich lieber auf den Untertitel: Der Kampf traditioneller Volkswirte gegen eine „Anstups-Politik“ ist realitätsfern[1]. Erfreulich: Überdurchschnittlich viele Leser und emotionale Kommentare zeigen, dass die Auseinandersetzung zwischen neoklassischer Volkswirtschaftslehre und Verhaltensökonomik die Gemüter bewegt.

„Nudge“ versus traditionelle VWL

Der Artikel beschreibt zunächst den weltweiten Siegeszug empirisch motivierter, liberal-paternalistischer Politikansätze in den letzten Jahren. Anschließend fragt er, warum neoklassische Volkswirte in Wissenschaft und Medien verschärft gegen diesen Trend anschreiben. Dabei kommt der Beitrag auf die unterschiedlichen Menschenbilder, die der Diskussion zugrunde liegen: Hier der umfassend informierte und ultrarationale „homo oeconomicus“; Dort nach Feldstudien von Verhaltensökonomen ein Mensch mit Informationsdefiziten und Irrationalitäten.

Dass die Neoklassik innerhalb ihres Modellrahmens sauber argumentiert, dieser Rahmen aber für die Realität nicht immer relevant ist, zeige ich anhand eines wissenschaftlichen Beitrags von Jan Schnellenbach[2]. Es geht darin vornehmlich um Alkohol, aber auch um andere Aktivitäten mit gesellschaftlicher Ausstrahlung. Leseprobe: „Wenn zum Beispiel Eltern der Schönheits-Operation ihrer 14-jährigen Tochter zustimmen, weil diese „Germany’s Next Top-Model by Heidi Klum“ im Fernsehen verfolgt: Wessen ökonomische Wohlfahrt optimieren die Eltern dann genau? Die ihrer Tochter? Die der schönheitschirurgischen Industrie? Oder handelt es sich viel banaler um einen durch Medienkonsum transportierten Zeitgeist, den eine Informationskampagne in Schulen und auf Elternabenden verringern könnte?“[3]

Kommentare: Angst vor Bevormundung

Schnellenbach schweigt sich in seinem Kommentar zu dieser und anderen Fragen leider aus. Dafür fasst er seine theoretischen Befürchtungen erneut zusammen. Deutlich wird auch bei den anderen Kommentatoren: Es geht nicht um Erkenntnisse aus verhaltensökonomischen Experimenten oder der realen Lebenswelt einer deutschen Bevölkerungsmehrheit. Sondern um ganz grundsätzliche Ängste vor jeder noch so minimalinvasiven Form staatlicher Aufklärung oder Einflussnahme. Das ist irrational.

Weiterlesen

Britta Kuhn, Verhaltensökonomische versus neoklassische Wirtschaftspolitik. In: WISU 5/13 (Mai 2013), S. 687-693.

 


Quellen:

[1] Britta Kuhn, „Der Kampf traditioneller Volkswirte gegen eine „Anstups-Politik“ ist realitätsfern“, Ökonomenstimme vom 4.3.2013, http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2013/03/der-kampf-traditioneller-volkswirte-gegen-eine-anstups-politik-ist-realitaetsfern/

[2] Ausführlich z.B. Jan Schnellenbach, „Wohlwollendes Anschubsen: Was ist mit liberalem Paternalismus zu erreichen und was sind seine Nebenwirkungen?“, Perspektiven der Wirtschaftspolitik, Jg. 12, 2011, S. 445-459.

[3] Britta Kuhn, a.a.O.

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