IFT 2013 IN KÖLN UND AACHEN

Britta Kuhn

VWL-ProfessorInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz diskutierten vom 5. bis 7. Juni auf einer Internationalen Fachtagung das Menschenbild der Ökonomie, als auch wirtschaftspolitische Herausforderungen in der Energie-, Medien- und Gesundheitspolitik, sowie Wege aus der Eurokrise. Kontrovers besetzte Panels und lebhafte Diskussionen zeigten: Reine Theorie war gestern, praktische Politikberatung gewinnt an Bedeutung.

Das Menschenbild der Ökonomie

Prof. Dr. Michael Hüther (IW Köln) zeigte die praktischen Grenzen des „homo oeconomicus“ anhand klassischer verhaltensökonomischer Erkenntnisse auf. Für den Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln eine erfreulich differenzierte Haltung, die allerdings eher wenige neue Einsichten bot und die wirtschaftspolitischen Konsequenzen weitgehend offen ließ. Hüther betonte aber auch die Bedeutung eines solchen rationalen Eigennutzmaximierers für die volkswirtschaftliche Theoriebildung. Dieses Festhalten am „homo oeconomicus“ wirkte nicht unbedingt überzeugend. Denn so schwierig es erscheint, volkswirtschaftliche Theorien an real-existierenden Menschen auszurichten, so erstrebenswert sollte dies sein.

Das anschließende Panel diskutierte das Menschenbild der Ökonomie aus psychologischer, philosophischer und soziologischer Sicht. Prof. Dr. Gerd Habermann (u.a. ASU und Hayek-Gesellschaft) polarisierte durch einen ultraliberalen Radikalansatz, der eigentlich nur vor privaten „Killer-GmbHs“ zurückschreckte. Der Soziologe Prof. Dr. Stefan Hradil (Universität Mainz) plädierte differenziert für eine „multiparadigmatische“ Vorgehensweise der VWL, also für eine Abkehr vom engen methodischen Rahmen des „homo oeconomicus“. Je nach Frage solle das passende Menschenbild Einsatz finden. Der Wirtschaftspsychologe Dr. Sebastian Lotz (Universität Köln) erläuterte neuere wissenschaftliche Experimente u.a. des Verhaltensökonoms Armin Falk, nach denen zunehmende Interaktion zu sinkenden Moralstandards der Menschen führen könne. Auch verwies er auf den höheren moralischen Anspruch staatlichen gegenüber privatwirtschaftlichen Handelns. In der Diskussion wurde der ethnozentrische Ansatz der gesamten volkswirtschaftlichen Theoriebildung bemängelt. Für asiatische Länder seien beispielsweise ganz andere Kategorien als „homo oeconomicus“ oder „Paternalismus“ nötig.

Tagungsfoto

IFT 2013, TeilnehmerInnen vor dem Gebäude der Fachhochschule Köln, Fakultät für Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. © 2013 Anastasia Gamm.

Märkte im Wandel: Herausforderungen an die Energie-, Medien- und Gesundheitspolitik

Prof. Dr. Justus Haucap (Universität Düsseldorf) kritisierte vor allem das „Erneuerbare Energiegesetz“ (EEG) aus marktliberaler Sicht als ökonomisch ineffizient und ökologisch ineffektiv. Es subventioniere die mit Abstand teuerste Energieform „deutschen Solarstrom“ maximal, sei viel zu kompliziert und habe verheerende Auswirkungen auf den EU-Zertifikatehandel. Da es deutsche CO2-Verschmutzungsrechte freisetze, sänken die Verschmutzungspreise, was zu mehr ausländischer Umweltverschmutzung führe. Zur Verhinderung dieser „Tragödie für das Weltklima“ schlug Haucap im Namen der Monopolkommission ein Quotenmodell vor, bei dem der Stromerzeuger bzw. Netzbetreiber einen bestimmten Energieanteil aus erneuerbaren Energien beziehen müsste. Auch plädierte er für eine binnenmarktfähige Energiewende und diskutierte weltweite „carbon footprints“ als Alternative zum CO2-Handel. Seine äußerst unterhaltsame Abrechnung mit planwirtschaftlichen Fehlleistungen der Politik machte auch vor der Medienwirtschaft nicht halt. Hier bemängelte er vor allem das „Kartell der Presseverleger“ gegenüber Internetanbietern wie Google.

Im anschließenden Panel 2 zur deutschen Energiewende verwies Prof. Dr. Mark Oelmann (Hochschule Ruhr West) auf die steigenden Subventionskosten der garantierten Mindestpreise. Schon im Jahr 2013 fielen dafür rund 18,5 Mrd. Euro an, das seien über 5 Cents je Kilowattstunde. Dr.-Ing. Christoph Maurer (Consentec) zeigte die politischen Rahmenbedingungen und die Kosten eines EEG-Ausstiegs auf. Wegen der 20 Jahre umfassenden Förderzeiträume sei auch langfristig mit Fördergeldern von über 4 Cents je Kilowattstunde zu rechnen. Eine Kontroverse im Plenum entstand um die Frage, ob Deutschland in puncto Energiewende die Lernkurve für die ganze Welt finanzieren solle oder nicht. Zum Fracking entstand der Eindruck, dass sich die diesbezügliche Euphorie in den USA bereits gelegt hätte. Eine analoge Umsetzung dieser neuen Fördertechnik sei in Deutschland außerdem schon wegen der Bindung an den russischen Gaspreis schwierig.

Panel 3 erläuterte aktuelle medienpolitische Probleme. Dr. Markus Steingröver (Detecon International) forderte hier „net neutrality“, also eine diskriminierungsfreie Regulierung von Medieninhalten möglichst auf internationaler Ebene. Noch konkreter wurde Dr. Petra Gerlach, die aus RTL-Sicht das Regulierungsgefälle zwischen klassischen und neuen Medien aufzeigte und wie ihr Vorredner ein „level-playing-field“ verlangte, bei dem alle Medien gleichmäßig reguliert würden. Erstaunlich war die Erkenntnis, dass das Fernsehen immer noch das wichtigste Nutzermedium mit 220 Minuten pro Person und Tag in Deutschland ist.

Panel 4 behandelte gesundheitspolitische Herausforderungen. Prof. Dr. Andreas Wittrahm (Caritas) plädierte für ein Zusammenspiel verschiedener Ethik-Konzepte in der solidarischen Gesundheitssorge. Dr. Jochen Pimpertz (IW Köln) sprach über Ausgabentreiber und Finanzierungsrestriktionen in der Gesetzlichen Krankenversicherung. Axel Wehmeier (Deutsche Telekom) verdeutlichte u.a. die steigende Bedeutung, jedoch weitgehende Ignorierung präventiver Maßnahmen im deutschen Gesundheitswesen. So wichtig und interessant die Thematik, so sehr fehlten hier ein wenig neuartige Einblicke z.B. in die Umsetzungsmöglichkeiten von Reformvorhaben.

Euro-Krise: Staatsschuldenkrise und Finanzmarktregulierung

Im Panel 5 zur Euro- und Staatsschuldenkrise stellte Prof. Dr. Armin Jans (Zürcher Hochschule) fest, dass die EU-Szenarien zur Senkung des griechischen Staatsdefizits viel zu optimistisch seien. Jürgen Matthes (IW Köln) zeigte anschließend die „Alternativlosigkeit“ der deutschen und europäischen Euro-Rettungspolitik auf und beurteilte die bisherigen Reformfortschritte positiv. Seine regierungsnahe Argumentation erstaunte Teile des Auditoriums. Prof. Dr. Henning Kehr (FH Worms) quantifizierte anhand von CDS-Spreads die deutschen Zinsersparnisse zwischen 2007 und 2012. Credit Default Swaps sind Kreditausfallversicherungen am Kapitalmarkt. Ihre Spreads reflektieren im Fall der Euro-Mitgliedsländer Preisunterschiede zwischen Länderschulden mit hoher und niedriger Ausfallwahrscheinlichkeit. Deutschland als „sicherer Hafen“ muss hierbei seit der Finanzkrise einen besonders niedrigen Risikoaufschlag bezahlen, spart also viele Milliarden Euro Zinszahlungen. Kehrs Daten stellten eine echte Bereicherung der deutschen Euro-Debatte dar, die vornehmlich auf Kosten abzielt. Die anschließende Diskussion ging v.a. mit Hans-Werner Sinns Argument der preislichen Wettbewerbsfähigkeit ins Gericht. Sie werde stark überschätzt und falsch interpretiert. Denn die Lohnstückkosten in den Krisenländern sänken derzeit nicht aufgrund moderater Löhne, sondern wegen Entlassungen, die zu Produktivitätssteigerungen führten. Gewarnt wurde außerdem vor einer Vermögensblase aufgrund der stark erhöhten Zentralbank-Liquidität.

Im letzten Panel zur Finanzmarktregulierung stellte Dr. Peter Lutz (BaFin) den aktuellen Stand des sehr komplexen Regelwerks vornehmlich innerhalb der EU dar. Unklar blieb allerdings, wie genau die zahlreichen beteiligten Institutionen wie die Europäische Bankenaufsicht (EBA) in London, der Europäische Ausschuss für Systemrisiken (ESRB) in Frankfurt, der von G7 bzw. G20 gegründete Finanzstabilitätsrat (FSB), der ab 2014 bei der Europäischen Zentralbank tätige Gemeinschaftliche Bankenaufsichtsmechanismus (SSM) sowie die deutschen Aufsichtsbehörden BaFin und Bundesbank konkret zusammenarbeiten. Ob auch Mehrfacharbeiten an der Tagesordnung sind? Schließlich stellte Daniel Quinten (Bundesbank) die Besonderheiten der CRD/CRR 4 vor. Diese EU-Richtlinie bzw. -verordnung setzt die Eigenkapitalvorschriften von Basel 3 in europäisches Recht um. Sie stelle einen „Meilenstein“ dar, da sie wesentlich weniger Raum für nationale Sonderregelungen lasse als die Vorgänger-Regelungen. Die anschließende Diskussion verdeutlichte, dass die Referenten die Eigenkapitalquote allein weniger aussagekräftig finden als führende Ökonomen wie Martin Hellwig. Auch sorgten die Abstimmungsregeln unter den ZuhörerInnen für Unmut, da sie sich in keinem Regulierungsorgan nach Haftungsquoten richten, sondern grundsätzlich der Regel „ein Land – eine Stimme“ folgen.

Fazit der Autorin

Intellektueller Leuchtturm der Konferenz war Justus Haucap. Daneben wurde in allen Vorträgen viel Detailwissen und –kritik vermittelt. Sehr bereicherten schließlich die zahllosen und intensiven Diskussionen mit KollegInnen in den Pausen. Was etwas fehlte: Die Vogelperspektive auf drängende wirtschaftspolitische Probleme. Hier wäre von der Wissenschaft noch mehr visionäre Kraft wünschenswert.


Weiterführende Informationen: IFT 2013, Tagungsbeiträge zum Download, http://volkswirte-tagung.org/vortraege (Zugriff 2.7.2013).

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