Wege zur fahrradfreundlichen Stadt

Sarah Hundertmark

Angesichts städtischer Verkehrsinfarkte gewinnt die Fortbewegung per Rad an Bedeutung. Folgender Beitrag benennt konkreten Handlungsbedarf anhand zahlreicher Beispiele aus dem In- und Ausland. Dazu gehören städtebauliche Maßnahmen, eine stärkere Vernetzung verschiedener Verkehrsträger und Überzeugungsarbeit bei politischen und unternehmerischen Entscheidungsträgern.

Verkehrsinfarkt in den Städten

Es steht schon lange fest, dass die städtischen Verkehrsprobleme nur gelöst werden können, wenn die lokale Autonutzung sinkt. Innerhalb der vorhandenen Straßenprofile wird daher zunehmend und parteiübergreifend mehr Raum für Radfahrer, Busse und Fußgänger gefordert, sowie eine bessere Vernetzung der Verkehrsträger. Eigenheimzulage, Pendlerpauschale und Dienstwagen machen es dagegen immer noch finanziell attraktiv, außerhalb der Stadt zu wohnen und täglich mit dem Auto zur Arbeit zu pendeln.

Auto immer weniger ein Statussymbol

Dabei hat das Auto als Statussymbol fast ausgedient. Fast die Hälfte der deutschen Autofahrer sieht darin nur noch ein Mittel zum Zweck, um von A nach B zu kommen. Lediglich etwas mehr als jeder Fünfte sieht darin ein Statussymbol[1]. Zwar ist die Zahl der angemeldeten PKW im Laufe der Jahre stetig gestiegen, nämlich von 11 je 1000 Einwohner im Jahr 1950 auf 531 Pkw je 1000 Einwohner 2013[2]. Dies liegt aber vor allem an gestiegener Kaufkraft sowie erfolgreicher Lobby- und Werbearbeit der Automobilindustrie. Tatsächlich machen inzwischen immer weniger Menschen unter 30 ihren Führerschein[3], da ein hochwertiges Smartphone dem Auto als Statussymbol vorgezogen wird.

Fahrrad wird populärer

Das Fahrrad spielt eine wachsende Rolle als bevorzugtes Fortbewegungsmittel. 2009 benutzten rund 38 Prozent der Menschen in Deutschland das Fahrrad im Alltag, 2011 waren es bereits 50 Prozent. 28 Prozent der Befragten forderten mehr Fahrradwege, 50 Prozent wären vorerst mit besseren Fahrradwegen zufrieden. Sehr sicher fühle sich derzeit nur noch 5 Prozent der Befragten, 2009 waren es noch 19 Prozent. 84 Prozent der Befragten verlangen, dass sich die Kommunalpolitik stärker mit dem Thema Radverkehr beschäftigt[4].

Pedelecs und E-Bikes weiter mit Rückenwind

E-Bike und Pedelec sind nachhaltig in das Bewusstsein der Bürger und des Mobilitätsmarktes vorgedrungen. 2011 wurden in Deutschland 330.000 Pedelecs und E-Bikes verkauft. 2012 waren es bereits 380.000, ein Anstieg von 15 Prozent, den der Zweirad-Industrie-Verband ZIV in seiner Interpretation explizit mit Verbesserungen im Akku- und Antriebsbereich, aber auch dem geänderten Mobilitätsverhalten begründet. Seit Ende 2012 sind mittlerweile 1,3 Mio. E-Bikes und Pedelecs auf deutschen Straßen unterwegs.

In Deutschland und den Niederlanden fahren 50 Prozent der in Europa genutzten E-Bikes. Dies unterstützt  deutlich die Vorreiterrolle hinsichtlich des Mobilitätswandels, die Deutschland innehat. Und das E-Bike bzw. Pedelec gewinnt weiter an Bedeutung als Teil der mobilen Zukunft. Gerade im urbanen Bereich der Großstädte werden die Vorzüge von immer mehr Menschen erkannt. Es könnte also viel mehr Potenzial aus dieser Fortbewegungsform geschöpft werden, wenn wir ein paar grundlegende Dinge an der autozentrierten städtischen Infrastruktur ändern würden[5].

Verkehrswege für Fahrräder sicherer machen

Die Sicherheit der Fahrradfahrer könnte zum Beispiel durch vermehrte Tempo-30-Zonen gewährleistet werden, da die Hauptursache für Unfälle mit Personenschäden meist zu hohe Geschwindigkeiten sind. In London zeigte eine Langzeitstudie von 1896 bis 2006, dass durch die Einführung von 20 mp/h-Zonen (32km/h) die Verkehrsopferzahlen um 41,9 Prozent zurückgingen[6].

Mit verengten Fahrbahnen könnte man des Weiteren schnelles Autofahren unkomfortabel machen, gleichzeitig könnten die breiteren Randbereiche von Fußgängern und Fahrradfahrern genutzt werden.

Sichere Fahrrad-Stellplätze anbieten

Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub ADFC fordert Gespräche zwischen Bahn und Staat, damit mehr sichere und geschützte Stellplätze errichtet werden. Der neue Nationale Radverkehrsplan stellt diesbezüglich treffend fest: „Wesentliche Voraussetzungen für eine gute Verknüpfung von Fahrrad und ÖPNV ist die Ausstattung von Bahnhöfen und Haltestellen mit einer ausreichenden Anzahl qualitativ hochwertiger Abstellanlagen, die möglichst überdacht sein sollten. Hier sehen Nutzerinnen und Nutzer derzeit noch erhebliche Defizite.“[7]

Nur 21 Prozent der Befragten bewerten nämlich die Abstellsituation an Bahnhöfen und Haltestellen als gut beziehungsweise sehr gut. Bei Ungewissheit über vorhandenen Abstellplatz am Umstiegsort wird eher auf das Fahrrad verzichtet[8] und somit auch auf ein multimodales Pendeln. Auch überfüllte Fahrradparkplätze lassen den Pendlern meistens keine andere Chance, als ihr Fahrrad an Verkehrsschildern oder Bauzäunen anzuschließen. Mit Sicherheit und Witterungsschutz hat das nichts zu tun.

Fahrradmitnahme im ÖPNV fördern statt bremsen

Da die Mitnahme von Fahrrädern zunehmend gebührenpflichtig ist und gewisse Sperrzeiten gelten, hat der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV) das Projekt „ADFC-MVV- Faltrad“ ins Leben gerufen. Die Falträder dürfen im Gegensatz zu herkömmlichen Rädern auch während der Sperrzeit mitgeführt werden und müssen somit nicht an den ungesicherten und überfüllten Anlagen angeschlossen werden.

ÖPNV und veränderte Verkehrsinfrastruktur quersubventionieren

Der öffentliche Personennahverkehr schlägt vor, den Ausbau der Fahrrad-Infrastruktur durch erhöhte Parkplatz- und Mautgebühren zu finanzieren. Das Französische Montpellier hat zum Beispiel durch hohe Parkgebühren, neue Straßenbahnlinien und ein Mietradsystem den Autoverkehr drastisch reduziert[9].

Carsharing ausbauen

Längst versucht sogar die Autoindustrie, die einbrechenden Autoverkäufe durch Carsharing auszugleichen. Carsharing ist mittlerweile die viert umweltfreundlichste Verkehrsform[10]. Die stationsbasierten Fahrzeuge sind mittlerweile in 343 deutschen Städten und Gemeinden verfügbar und werden von knapp 280.000 Menschen genutzt. Seit 2011 werden diese Autos auch durch Free-Floater unterstützt. Diese Autos sind jederzeit in der Stadt verfügbar und können an jedem beliebigen Ort abgestellt werden. Geortet werden die Autos ganz einfach mit Hilfe des Smartphones oder im Internet und können dann via Chip gemietet und geöffnet werden. Derzeit nutzen knapp 183.000 Menschen dieses Angebot, es verzeichnet einen Zuwachs von 73 Prozent im Vergleich zum Vorjahr[11].

Da jedoch meist Sprit, Parkgebühren und Versicherung bereits in den Gebühren enthalten sind, entspricht das Konzept nicht wirklich den Vorstellungen des Bundesverband Carsharing. Das Tarifsystem solle vielmehr zu einer sparsamen Autonutzung anregen. Das aktuelle System rechnet dagegen zeitabhängig ab und ignoriert die zurückgelegten Kilometer, wodurch gerade kurze Strecken zu Lasten des Fahrrads unterstützt werden[12].

Best-Practice Beispiele zeigen: Es geht!

Seit Ende 2011 haben bis zu 72 Fahrräder auf 28,5 Quadratmetern ihr neues Zuhause im BikeTower. Dies ist ein vollautomatisches Fahrradparkhaus mit einem Photovoltaikmodul auf dem Dach. Neben dem Call-a-Bike der Deutschen Bahn bieten diese Stellplätze eine optimale Verknüpfung der Fahrräder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Mittlerweile stehen in acht Großstädten und an weiteren 40 ICE-Bahnhöfen Mieträder der Deutschen Bahn bereit, mit den 2011 rund 2,2 Millionen Fahrten absolviert wurden[13].

Auch die Deutsche Paketdienste DPD haben bereits sogenannte Lastenfahrräder eingeführt, da die Herausforderung an die Logistikbranche immer stärker wachsen. Der Parkraum in den Städten wird knapper und die steigenden Treibstoffkosten drücken den Gewinn.

Das IKEA Wohnprojekt in London „Strand East“ bietet mit dem Motto: Wohnen, Arbeiten und Einkaufen an einem Ort die optimalen Voraussetzungen für eine autofreie Zukunft. Büros, Geschäfte, Restaurants und Grünflächen an der Themse sind alle nur ein paar Gehminuten voneinander entfernt. Eine autofreie Zone, in der nur ein einziger Hybridbus erlaubt ist, wird durch das gut ausgebautes Rad- und Fußwegnetz gewährleistet[14].

Unternehmerische und politische (Denk-)Barrieren überwinden!

In den allermeisten Unternehmen fehlt noch jeglicher Handlungswille, obwohl diese die größten Früchte aus dem Radfahren zur Arbeit ziehen könnten: es macht schlau und hält fit, führt zu höherer Leistungsfähigkeit und weniger Fehltagen. Unternehmen könnten ihren Mitarbeitern beispielsweise durch Gutscheine das Radfahren zur Arbeit schmackhaft machen, außerdem wäre ein Firmenfahrrad ein erfolgversprechender Anreiz, wie 36 Prozent der Befragten offenlegten. Auch Umkleidemöglichkeiten, Duschen und Trockenplätze für die Radkleidung wären für 29 Prozent der Befragten ein Grund mehr, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu kommen[15].

Politisch ist zwar schon einiges passiert. Dennoch gibt es z.B. immer noch erstaunlich wenige Tempo-30-Zonen in Deutschland. Ebenso lässt die Unterstützung der Bundes- und Landesregierungen zu wünschen übrig. Diese kümmern sich nur um banale Faktoren wie Helmpflichten, die potenzielle Radfahrer eher abschrecken. Bisher gelten nur die Regierung in Baden-Württemberg, Berlin und Bremen als fahrradfreundlich. Die Infrastruktur muss endlich flächendeckend an Fahrräder angepasst werden, hier wären etwas mutigere Kommunalpolitiker dringend gefragt.


Quellen:

[1] Umfrage des Marktforschungsunternehmens puls, rund 1.000 befragte Personen, die entweder in den letzten 12 Monaten ein Auto kauften oder in den nächsten 12 Monaten vorhaben, eines zu kaufen, zitiert nach dpa, „Auto nur für jeden fünften ein Statussymbol“, 3/2013, http://www.dpaq.de/AU7nu (Abrufdatum: 18.08.2013).
[2] dpa, „Zahl der angemeldeten Pkw auf 43,4 Millionen gestiegen“, 4/2013, http://www.dpaq.de/hAk3w (Abrufdatum: 17.08.2013).
[3] ADFC Radwelt, Ausgabe 5.12, „Wie geschmiert“, S. 9ff.
[4] ADFC Radwelt, Ausgabe 1.12, „Fahrradland 2.0“, S. 12-15.
[5] Nationaler Radverkehrsplan, „Beliebtheit des Fahrrads ungebrochen“, http://www.nationaler-radverkehrsplan.de/pedelec/neuigkeiten/news.php?id=3989 (Abrufdatum: 19.08.2013).
[6] ADFC Radwelt, Ausgabe 2.13, „Lebenswerte Straßen“, S. 16ff.
[7] Fahrrad-Monitor Deutschland 2011, http://www.nationaler-radverkehrsplan.de/ (Abrufdatum: 19.08.2013).
[8] ADFC Radwelt, Ausgabe 1.12, a.a.O.
[9] Handelsblatt vom 23.04.13 „Weniger Autofahren bringt am meisten“, http://www.handelsblatt.com/auto/nachrichten/emissionsminderung-weniger-autofahren-bringt-am-meisten./v_detail_tab_print/8103054.html (Aufrufdatum: 23.04.2013).
[10] Jochen Flasbarth, Umweltbundesamtes, zitiert nach WDR „Mein Auto, Dein Auto“, http://www.wdr2.de/service/carsharing124.html (Abrufdatum: 19.08.2013).
[11] dpa Bundesverband CarSharing, „Ein Auto, 40 Fahrer“, http://dpaq.de/OYjFj (Abrufdatum: 19.08.2013).
[12] Willi Loose, zitiert nach ADFC Radwelt, Ausgabe 5.12, „Wie geschmiert“, a.a.O.
[13] ADFC Radwelt, „Fahrradstapler“ http://www.e-bike-mobility.com (Abrufdatum: 19.08.2013).
[14] ADFC Radwelt, Ausgabe 3.12, „Billy zieht nach London“, S. 3.
[15] ADFC Radwelt, Ausgabe 1.12, a.a.O.

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