Microfinance – Lösung aller Armutsprobleme oder weit überschätzt?

Matthias Breil

In den Entwicklungsländern werden mehr Mikrokredite nachgefragt denn je. Was die einen als Allheilmittel glorifizieren, sehen die anderen zunehmend kritisch. Worum handelt es sich also genau? Wie funktioniert das System und wo liegen seine Schwächen?

Armut und traditionelle Kreditvergabe

Die Armutsbekämpfung in der Welt hält weiter an. Als extrem arm gelten Menschen, die täglich weniger als 1 US-Dollar zum Leben haben – das sind aktuell rund 1,3 Milliarden Menschen. Besonders betroffen davon sind Frauen und Kinder[1]. Das hat verheerende Auswirkungen auf Lebenserwartung, Gesundheit und Bildung[2]. Im Jahr 2000 einigten sich 189 Staaten auf die „Millenium Development Goals“, deren oberste Priorität es ist, die Armut bis 2015 zu halbieren. Inzwischen ist klar, dass die Ziele nicht durchgesetzt werden können[3]. Eine Ursache liegt in mangelhaftem Zugang armer Menschen zu Krediten, da gewöhnliche Banken Sicherheiten und gewisse Einkommen verlangen, die Menschen der untersten Einkommensschicht naturgemäß nicht haben. Für die meisten ist der Weg zu lokalen Geldverleihern daher der einzige Weg, um an Investitionsmittel zu gelangen. Diese verlangen jedoch Wucherzinsen und stürzen ihre Kreditnehmer damit oftmals in die Überschuldung[4].

Geschichte „fairer“ Kapitalgeber

An diesem Punkt setzt Microfinance an. Sie stellt Menschen Kapital zur Verfügung, die von gewöhnlichen Geschäftsbanken nicht bedacht werden. Von lokalen „Wucherern“ unterscheidet sie sich durch ihre moderaten Konditionen. Die Kreditsumme eines Mikrokredits bewegt sich zwischen umgerechnet einem und 1.000 US-Dollar. Im Gegensatz zu herkömmlichen Krediten muss der Schuldner keine Sicherheiten stellen und erhält dennoch einen verhältnismäßig niedrigen Zins von ca. 10% p.a. über der jeweiligen Inflationsrate des Landes[5].

Microfinance ist keineswegs eine Erfindung der heutigen Zeit. Schon Friedrich-Wilhelm Raiffeisen gründete im 19. Jahrhundert die erste Kreditgenossenschaft als Gegenstück zu den Geschäftsbanken, die ärmeren Kunden Darlehen nur zu überzogenen Zinsen verkauften. Mit dem Zugang zu Kreditinstituten erhielt diese Bevölkerungsschicht Zugang zu Krankenversicherungen, Altersvorsorge und Sparinstrumenten[6]. In den 1960er Jahren wurden Mikrokredite durch die Vereinten Nationen erstmals in den USA eingeführt[7]. Als Begründer der „Microfinance“ im modernen Sinn gilt Muhammad Yunus, der dafür im Jahr 2006 den Friedensnobelpreis erhielt. 1976 hatte der Ökonomieprofessor die Grameen Bank in Bangladesch gegründet und schaffte es, durch Mikrokredite die wirtschaftliche Entwicklung der untersten Bevölkerungsschicht so voranzutreiben, dass Bangladesch heute eines der Länder ist, das die Armut entscheidend reduzieren konnte[8].

Geschäftsprinzip der Mikrokredite

Auf den ersten Blick überrascht es, dass das Geschäft mit Mikrofinanzprodukten überhaupt funktioniert. Das liegt an scheinbar hohen Rückzahlungsquoten, Schulungen und einer gezielten Auswahl der Kreditnehmer.

Rückzahlungsquoten von meist über 90% resultieren aus „joint liabilities“ – dem Zusammenschluss von meist fünf Kreditnehmern eines Dorfes zu Gruppen, die alle füreinander bürgen. Erst wenn ein Kreditnehmer seine Schuld getilgt hat, wird dem nächsten ein Kredit zugesprochen. Durch die starken sozialen Vernetzungen innerhalb der Gruppe ist der Druck auf die einzelnen Kreditnehmer sehr hoch, fördert aber auch die gegenseitige Unterstützung. Schulungen der Kreditinstitute vermitteln den Kreditnehmern zweitens betriebswirtschaftliche Grundzüge und Grundlagenwissen in Hygiene und Ernährung[9]. Schließlich werden die Kunden gezielt ausgewählt, überwiegend Frauen. Bei der Grameen Bank sind sogar 97% der Klienten Frauen. Durch kluge Investitionen und pünktliche Kreditrückzahlung erarbeiten sie sich den Respekt, der ihnen in vielen Gesellschaften auch heute noch verwehrt wird. Tatsächlich hat sich empirisch gezeigt, dass Frauen die Kredite häufiger zurückzahlen und die Wirkung der Mittel wesentlich höher ist als bei Männern. Denn während die Männer oftmals arbeitssuchend durch das Land ziehen, leben Frauen dauerhaft im Dorf und geben die verfügbaren Gelder nahezu ausschließlich für die Bildung und Ernährung der Kinder aus: ein Hebeleffekt[10].

Beispiel Energieversorgung von Beduinen in Israel

Israel ist das wirtschaftlich meist entwickelte Land im Nahen Osten. Dennoch leben hier 200.000 bettelarme Beduinen, zumeist in der Negevwüste. Ihre Arbeitslosenquote beträgt rund 30%, die Geburtenrate gehört zu den höchsten der Welt, und die Regierung schließt diese islamische Minderheit traditionell vom öffentlichen Finanznetz und vielen Technisierungsprogrammen aus[11]. So haben nach wie vor rund 80.000 Beduinen keinen Zugang zum staatlichen Strom- und Wassernetz und müssen sich über verschmutzende, laute und zudem sehr teure Dieselgeneratoren selbst versorgen. Der Benzinpreis in Israel ist innerhalb der letzten Jahre aber explodiert und steht nun bei ca. 2 US-Dollar pro Liter. Dadurch sind die Energiekosten der Beduinen mittlerweile um das 20fache höher als die eines israelischen Durchschnittsbürgers[12].

Laut der Nichtregierungsorganisation Physicians for Human Rights Israel sind über 20% der Beduinen in Israel chronisch krank und benötigen zu Behandlungszwecken dringend Elektrizität. Bei 70% hat sich der gesundheitliche Zustand durch fehlenden Zugang zu Strom verschlechtert[13]. Da die Dörfer der meisten Beduinen von der israelischen Regierung nicht anerkannt werden und sie keine Sicherheiten stellen können, erhalten sie auch keine normalen Bankkredite. Die in Tel Aviv ansässige Nichtregierungsorganisation PlaNet Finance Israel hat sich dieser Missstände angenommen und versucht, sie mit dem Projekt „Solar energy for the bedouin“ zu beseitigen. Derzeit sollen ca. 500 Beduinen durch Mikrokredite mit Solarstrom versorgt und so die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen stark verbessert werden. Da die Negevwüste eine der höchsten Sonneneinstrahlungen überhaupt vorweist, ist diese Art der Stromgewinnung hervorragend für die dort ansässige Bevölkerung geeignet. Der Kapitaldienst entspricht den früheren Kosten für die Dieselgeneratoren. Nach der Kredittilgung bleiben lediglich Instandhaltungs- und Wartungskosten, die einem Bruchteil der früheren Belastung entsprechen. Die Kosten für das 24 Monate laufende Projekt lassen sich aber nicht ausschließlich über die Mikrokredite der Beduinen finanzieren, sodass die Organisation auf Spenden finanzkräftiger Stiftungen aus dem In- und Ausland angewiesen ist[14].

Hauptkritik: Subventionen

An diesem Punkt setzt die stärkste Kritik an der Mikrofinanz an: Tatsächlich handelt es sich um ein Nebeneinander zweier völlig unterschiedlicher Geschäftsmodelle, nämlich gewinnorientierter Banken einerseits und subventionierter Hilfsorganisationen andererseits.

Die gewinnorientierten Banken verlangen höhere Zinsen und erreichen die ärmsten Schichten der Bevölkerung letztendlich nicht. Einige Institute dieser Art sind bereits an die Börse gegangen, um mehr Kapital für weitere Mikrokredite zu erzielen. Ein Beispiel hierfür ist der indische Microfinance-Riese SKS Indien im Jahr 2010, der in der Zeichnungsfrist mit einer Eigenkapitalrendite von 24% Investoren lockte. Ein Börsengang ist aber immer mit dem Druck der Kapitalanleger verbunden, die eine gewisse Rendite und Wachstum erwarten. Der sich daraus ergebende Zielkonflikt zwischen Wohltätigkeitsarbeit auf der einen und profitablem Geschäft auf der anderen Seite legt jedoch nahe, dass diese Banken unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe die Idee der Mikrokredite zur Renditemaximierung missbrauchen. Lokale Geldverleiher wurden also lediglich durch global operierende Finanzunternehmen ersetzt.

Nichtregierungs- und Non-profit- Organisationen wollen dagegen in erster Linie die ärmsten Bevölkerungsschichten mit Krediten versorgen. Aufgrund ihrer niedrigen Zinsen sind sie auf Spenden und staatliche Transferleistungen angewiesen. Auch die Grameen Bank wird von diversen ausländischen Hilfsorganisationen unterstützt, unter anderem vom International Fund for Agricultural Development (Norwegen), der Ford Foundation (USA), der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau und der Weltbank. Weiterhin hilft die bengalische Regierung massiv: Bei einem Leitzins von 8% zwischen 1993 und 1995 konnte sich Yunus‘ Kreditinstitut für günstige 5,5% bei der Zentralbank refinanzieren. Weil der Staat Anleihen der Bank auch noch garantierte, wurde die Refinanzierung am Kapitalmarkt ebenfalls günstiger als für die Konkurrenz: Für sichere Anlagen zahlte der normale Emittent in Bangladesch 9% p.a. Zinsen, durch die staatlichen Garantien sank der Zinssatz für Grameen auf 4% p.a. für dreijährige und 6% p.a. für zehnjährige Bonds. Insgesamt haben sich allein zwischen 1985 und 1996 die indirekten Subventionen zu Gunsten der Grameen Bank auf 144,2 Millionen US-Dollar summiert. Diese massiven Kapitalspritzen verzerren den Markt, erreichen andererseits aber auch die armen Bevölkerungsgruppen, die sonst vom Finanzsystem ausgeschlossen wären[15].

Weitere Kritikpunkte: Überschuldung, mangelnde Betreuung und fragwürdige Rückzahlungsquoten

Oftmals werden die Kreditnehmer und deren Geschäftsidee nicht genügend überprüft. Bleiben die Umsätze dann aus, geraten die Schuldner schnell in die Überschuldung und sind noch ärmer als zuvor[16]. Die Folge sind menschliche Tragödien wie z.B. die sich häufenden Selbstmorde in Indien und Bangladesch[17]. Ebenso stehen Banken in der Kritik, ihre Kunden eben doch nicht zu schulen oder weiter zu betreuen. Diese mangelhaft gebildeten Kreditnehmer haben dann kaum eine Chance, das geliehene Geld zurück zu zahlen[18]. Das steht auch im Widerspruch zu den offiziell hohen Rückzahlungsquoten von 90%. Diese stimmen jedoch objektiv gesehen gar nicht, da oft aufgrund mangelnder Liquidität in neue Kredite umgeschuldet wird und diese Ausfälle dadurch nicht erfasst werden. Bezieht man sie in die Rechnung ein, liegt die Rückzahlungsquote nur noch bei 65%[19].

Fazit des Autors

Spätestens seit 2006 hat Microfinance durch den Friedensnobelpreis an Muhammad Yunus deutlich an weltweiter Aufmerksamkeit gewonnen. Jedoch arbeitet selbst seine Grameen Bank nicht kostendeckend und hält sich nur durch Subventionen am Markt. Mikrokredite sind also ein äußerst wirksames Instrument, um Entwicklungshilfe voranzutreiben. Allerdings benötigen auch sie die Unterstützung externer Investoren und Spender, lösen also nicht alle Entwicklungsprobleme dieser Welt über den Markt.


Quellen:

[1] Marta Popowska, „Wo die ärmsten wohnen“, fluter.de vom 31.12.2012, http://www.fluter.de/de/117/thema/11185 (Zugriff am 09.09.2013).
[2] Mikrofinanzwiki.de, „Problematik Armut“, http://www.mikrofinanzwiki.de/ueber-mikrofinanz/problematik-armut/ (Zugriff am 09.09.2013).
[3] Microfinance.at, „Millenium Gipfel 2000“, http://www.microfinance.at/index.php?id=60 (Zugriff am 09.09.2013).
[4] Mikrofinanziwiki.de, „Problematik Armut“, a.a.O.
[5] Mikrofinanzwiki.de, „Zinsen“, http://www.mikrofinanzwiki.de/ueber-mikrofinanz/methodik/zinsen/ (Zugriff am 09.09.2013).
[6] Mikrofinanzwiki.de, „Historie“, http://www.mikrofinanzwiki.de/ueber-mikrofinanz/historie/ (Zugriff am 09.09.2013).
[7] Mikrofinanzdarlehen.de, „Historie über Mikrokredit und Mikrofinanzdarlehen“, http://www.mikrofinanzdarlehen.de/historie-über-mikrokredit/120-historie-über-mikrokredit-und-mikrofinanzdarlehen (Zugriff am 14.09.2013).
[8] Spiegel.de, „Oslo: Friedensnobelpreis für Muhammad Yunus“, 13.10.2006, http://www.spiegel.de/politik/ausland/oslo-friedensnobelpreis-fuer-muhammad-yunus-a-442409.html (Zugriff am 09.09.2013).
[9] Mirkofinanzwiki.de, „Rückzahlungsquote“, http://www.mikrofinanzwiki.de/ueber-mikrofinanz/methodik/rueckzahlungsquote/ (Zugriff am 09.09.2013).
[10] Sabine Sütterlin und Margret Karsch, „Mikrokredite“, Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung vom Juni 2011, http://www.berlin-institut.org/online-handbuchdemografie/entwicklungspolitik/mikrokredite.html (Zugriff am 10.09.2013).
[11] Ulla Thiede, „Beduinen in der Drei-Zimmer-Wohnung“, Tagesspiegel. de vom 05.09.2013, http://www.tagesspiegel.de/politik/beduinen-in-der-drei-zimmer-wohnung/8741178.html (Zugriff am 11.09.2013).
[12] Dina Weinstein, PlaNet Finance Israel, Projektskizze „Solar energy for the bedouin” Supporting Israel’s Most Isolated Communities through Microfinance, June 2013, S. 2 f.
[13] Dina Weinstein, PlaNet Finance Israel, Funding Proposal “Solar energy for the bedouin”, October 2011, S. 3 f.
[14] Dina Weinstein, PlaNet Finance Israel, Projektskizze „Solar energy for the bedouin”, a.a.O.
[15] Frank Gaeth, “Grameen-Bank: Mikrokredite für Menschen ohne Einkommenssicherheiten“, Politik-poker.de vom 27.08.2009, http://www.politik-poker.de/mikrokredite.php (Zugriff am 11.09.2013).
[16] Mikrofinanzwiki.de, „Kritik“, http://www.mikrofinanzwiki.de/ueber-mikrofinanz/kritik/ (Zugriff am 09.09.2013).
[17] Gehard Klas, „Mikrokredit in Misskredit“, Freitag.de vom 22.02.2011, http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/mikrokredit-in-misskredit (Zugriff am 14.09.2013).
[18] Mikrofinanzwiki.de, „Kritik“, a.a.O.
[19] Kathrin Hartmann, „Die Mikrokredit- Lüge“, Frankfurter Rundschau vom 10.01.2012, http://www.fr-online.de/kultur/armutsbekaempfung-die-mikrokredit-luege,1472786,11411146.html (Zugriff am 14.09.2013).

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: