BANKENREGULIERUNG: 20-30% EIGENKAPITAL FÜR ALLE STATT VORSCHRIFTENDSCHUNGEL

Was haben die sehr unterschiedlichen Ökonomen Martin Hellwig, Eugene Fama und Helge Peukert gemeinsam? Sie alle fordern 20-30% bilanzielles Eigenkapital für Banken[1]. Denn die Finanzmarktregulierungen der letzten fünf Jahre haben das Kernproblem nicht gelöst. Auch Basel III verfehlt das marktwirtschaftliche Haftungsziel wegen seiner Risikogewichte. Banken wie Schattenbanken sollten endlich mindestens 20% Eigenkapital auf ALLE Aktiva halten und sämtliche Risiken aktivieren müssen. Befürchtungen der Bankenbranche, dadurch eine Kreditklemme zu erzeugen, sind empirisch unbegründet. All dies zeige ich ausführlich im Buch „Besser wachsen. Maßnahmen für eine Bevölkerungsmehrheit“, das in Kürze erscheint (ISBN 978-3-8440-2494-4)[2].

Bisherige Finanzmarktregulierungen lösen nicht das Kernproblem

Seit der Finanzkrise entstanden viele neue Vorschriften. Sie sind überwiegend Valium fürs Volk, weil sie kaum zur Verhütung künftiger Probleme beitragen, dafür aber durch ihre Komplexität den Blick auf das große Ganze verstellen und sich kaum noch demokratisch legitimieren lassen. Beispiele sind die deutsche Bankenabgabe (die neue Rettungspakete über viele Jahrzehnte nicht wird finanzieren können) sowie partielle Leerverkaufsverbote oder Boni-Begrenzungen für Bank-Manager (die sich bequem umgehen lassen). Erforderlich sind einfache Regeln, die das Weltfinanzsystem widerstandsfähig machen. Dieses Ziel erfüllt einzig eine hinreichende Eigenkapitalvorsorge für sämtliche Finanzdienstleister.

Basel III verfehlt das marktwirtschaftliche Haftungsziel

Systemrelevante Großbanken sorgen immer noch viel zu wenig vor. Sie erreichen derzeit eine echte Eigenkapitalquote, d.h. eigene Mittel bezogen auf die komplette Bilanzsumme, von 1-3%[3]. Zum Vergleich: DAX-Unternehmen erreichten 2012 durchschnittlich 35%[4], ihr Konkurs bedroht aber die Weltwirtschaft in keiner Weise. Die Baseler Eigenkapitalvorschriften für Banken entschärfen das Problem nur wenig, da sie nicht an allen Vermögensrisiken ansetzen, sondern nur an den „risikogewichteten Aktiva“. Bankkredite an Griechenland sind z.B. per Definition risikofrei, müssen also nicht mit eigenen Mitteln unterlegt werden. Übrigens ein Grund, warum sich Banken mit Staatsanleihen aus europäischen Krisenländern vollsogen, anstatt mittelständische Kredite zu vergeben. Immerhin wird sich eine „leverage ratio“ von 3% bis 2017 voraussichtlich in der Testphase befinden[5]. 3% Eigenkapital auf sämtliche bilanzierte Vermögenswerte sind aber nur ein Bruchteil der von Volkswirten geforderten 20-30%. Wenig zielführend sind daneben interne Risikomodelle von Banken. Sie definieren Ausfallrisiken möglichst weit nach unten und versagten bei der Vorhersage negativer Extremereignisse[6].

Reformvorschläge

Bilanzielle Eigenkapitalquoten von 20-30% verhindern negative Externalitäten, wie v.a. Admati und Hellwig in ihrem wegweisenden Buch „Des Bankers neue Kleidung“ zeigen. Die gegenwärtige Praxis dient nur einzelwirtschaftlichen Zwecken, schadet aber im Krisenfall der Gesamtwirtschaft erheblich. Neben Banken mit entsprechender Lizenz müssten v.a. Schattenbanken einbezogen werden, also z.B. Geldmarkt-, Hedge-, Private-Equity- oder Pensionsfonds. Sie arbeiten weiterhin überwiegend unreguliert und repräsentieren laut konservativer Schätzung rund die Hälfte aller offiziellen Bankenaktiva bzw. ein Viertel sämtlicher Finanzdienstleistungen der weltweit wichtigsten Wirtschaftsnationen G 20[7]. Daneben sollten die wichtigen internationalen Rechnungslegungsvorschriften IFRS und US-GAAP möglichst wenig verrechnen, also sämtliche Vermögensrisiken in der Bilanz aktivieren. Es gäbe nicht nur weniger Streit um Verrechnungsunterschiede, sondern auch mehr Sicherheit im Weltfinanzsystem.

Befürchtungen der Finanzindustrie sind unbegründet

Die Finanzbranche wehrt sich bisher erfolgreich gegen deutlich höhere Eigenkapitalquoten. Es seien weltweit einheitlichen Regulierungen erforderlich, da alles andere zu Wettbewerbsverzerrungen führe. Dieses utopische Ziel könnte allerdings nur eine Weltregierung erreichen, die es hoffentlich nie geben wird. Für die zweite Begründung, dass höhere Eigenkapitalanforderungen eine gesamtwirtschaftliche Kreditklemme auslösen würden, fanden renommierte Ökonomen keine empirischen Belege[8]. Ganz im Gegenteil bescherte die stillschweigende Staatsgarantie den systemrelevanten Banken erhebliche Vorteile: Zwischen 2007 und 2009 durchschnittlich 169 Mrd. US-Dollar Subventionen jährlich bzw. einen Zinsvorteil von 60 Basispunkten bis Ende 2007 und 80 Basispunkten Ende 2009 [9]. Der dritte Einwand, eine echte Eigenkapitalquote von 20-30% sei politisch utopisch, erscheint zumindest in lebendigen Demokratien und im historischen Vergleich als zu pessimistisch.

Fazit: Finanzmarktregulierung sollte der Volkswirtschaft dienen

Die G 20-Nationen versprachen im November 2008, dass kein Finanzmarkt, kein Finanzprodukt und kein Akteur unreguliert oder unbeaufsichtigt bleiben werde[10]. Denn die volkswirtschaftlichen Kosten gesteigerter Systemrisiken liegen langfristig weit über den möglichen Effizienzvorteilen großer Banken[11]. Fünf Jahre später stellen Admati/Hellwig fest: „Today’s banking system, even with proposed reforms, is as dangerous and fragile as the system that brought us the recent crisis.“[12] Gleichzeitig macht die dramatisch gestiegene öffentliche Verschuldung der G 20-Staaten Rettungsaktionen und Konjunkturpakete wie 2008 ff. völlig unrealistisch. Die Regulierungspolitik muss daher endlich gesamtwirtschaftlichen Interessen dienen, statt den Einflüssen der Finanzindustrie zu erliegen. Je einfacher die Vorschriften, desto transparenter und damit demokratischer wären sie. 2012 beschloss der bedeutende Finanzplatz Schweiz, für Großbanken bis 2018 Eigenkapitalanforderungen einzuführen, die weit über Basel III hinausgehen[13]. Schaffen wir das auch?


Quellen:

[1] Martin Hellwig „Nichts dazugelernt“. Handelsblatt, 12./13./14.7.2013, S. 64. Oder Anat Admati und Martin Hellwig, „The bankers‘ new clothes. What’s wrong with banking and what to do about it”, Princeton/Oxford 2013, v.a. S. 182. Eugene Fama, „Banken brauchen mindestens 25 Prozent Eigenkapital“. Neue Zürcher Zeitung, 9.11.2013, http://www.nzz.ch/aktuell/wirtschaft/wirtschaftsnachrichten/banken-brauchen-mindestens-25-prozent-eigenkapital-1.18182213 (Zugriff 5.12.2013). Helge Peukert, „Das Moneyfest. Ursachen und Lösungen der Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise”, Marburg 2013, Forderung 3 bzw. S. 125.

[2] Britta Kuhn, „Besser wachsen. Maßnahmen für eine Bevölkerungsmehrheit“. Aachen 2014, S. 35-45.

[3] Martin Hellwig, a.a.O.

[4] Winand von Petersdorff, „Die gute Bank hat viel Kapital“. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.7.2013, http://www.faz.net/aktuell/finanzen/was-treiben-die-banken/was-treiben-die-banken-10-die-gute-bank-hat-viel-kapital-12273767.html (Zugriff 7.10.2013).

[5] Basel Committee on Banking Supervision, „Revised Basel III leverage ratio framework and disclosure requirements”. Bank for International Settlements, 6.2013, S. 5, http://www.bis.org/publ/bcbs251.pdf (Zugriff 7.10.2013).

[6] Umfassend: Nassim Taleb, „The Black Swan. The impact of the highly improbable”. 2nd ed., New York 2010.

[7] Financial Stability Board, „Global Shadow Banking Monitoring Report 2012”, 18.11.2012, S. 3, http://www.financialstabilityboard.org/publications/r_121118c.pdf (Zugriff 7.10.2013).

[8] Z.B. Claudia M.Buch, und Esteban Prieto, „Do Better Capitalized Banks Lend Less? Long-Run Panel Evidence from Germany”. Tübingen 2012. S- 1 und 19, http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/volltexte/2012/6253/ (Zugriff 7.10.2013). David Miles, „Bank capital requirements: Are they costly?” VoxEU.org, 17.1.2013, http://new.voxeu.org/article/bank-capital-requirements-are-they-costly (Zugriff 7.10.2013).

[9] Andrew G. Haldane, „The $100 billion question”. Bank for International Settlements Review 40 (2010), 30.3.2010, S. 17, http://www.bis.org/review/r100406d.pdf (Zugriff 7.10.2013) bzw. Kenichi Ueda und Beatrice Weder di Mauro, „Quantifying Structural Subsidy Values for Systemically Important Financial Institutions”, International Monetary Fund, Working Paper, 5/2012, S. 1, 11 f. und 20, http://www.imf.org/external/pubs/ft/wp/2012/wp12128.pdf (Zugriff 7.10.2013).

[10] G20, „The G20 Washington Summit Leaders‘ Declaration”, Declaration summit on financial markets and the world economy, 15.11.2008, http://www.g20.org/documents/#p8 (Zugriff 7.10.2013).

[11] John H. Boyd und Amanda Heitz, „The Social Costs and Benefits of Too-Big-To-Fail Banks: A ‘Bounding’ Exercise”, 8.2.2012, S. 1, http://casee.asu.edu/upload/TBTF_AER_Final_New_Title.pdf (Zugriff 7.10.2013).

[12] Anat Admati und Martin Hellwig, a.a.O., S. xi f.

[13] Law-News, „Änderung Bankengesetz (BankG): ‘too big to fail’ “, 7.7.2011, http://www.law-news.ch/2011/07/aenderung-bankengesetz-bankg-too-big-to-fail (Zugriff 7.10.2013).

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