VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE: WENIGER NEOKLASSIK, MEHR VON ALLEM ANDEREN!

Britta Kuhn

Die herrschende Volkswirtschaftslehre beruht auf einem streng individualistischen und mathematischen Optimierungskalkül. Dadurch vernachlässigt sie ethische und sozialpsychologische Auswirkungen von Markthandlungen. Sie sollte vielseitiger werden.

Aufstieg der neoklassischen Wirtschaftstheorie

Das neoklassische Ökonomieverständnis entwickelte sich in der volkswirtschaftlichen Lehre bis zur Finanzkrise zum praktischen Alleinherrscher. Es passte perfekt zu den gesellschaftlichen Megatrends westlicher Demokratien, namentlich Individualisierung, Globalisierung und Technisierung. Lange beschränkte sich sein analytisches Kalkül auf unstrittig wirtschaftliche Güter und Dienstleister wie Brot und Bäcker, sowie auf zweifellos wirtschaftspolitische Handlungen wie Geld- und Fiskalpolitik. Nobelpreisträger Gary Becker übertrug das Modell jedoch ab den 1970er Jahren auf weitere gesellschaftliche Bereiche, z.B. Ehe und Diskriminierung[1]. Heutzutage diskutiert das weltweit marktführende VWL-Lehrbuch von Mankiw/Taylor ganz selbstverständlich unter Markteffizienz, welche Vorteile ein legalisierter Organhandel hätte und bietet unter Kosten-Nutzen-Analyse verschiedene Ansätze, wie sich Menschenleben monetär bewerten ließen[2].

Optimierung aller Lebensbereiche

Die neoklassische Logik lässt sich am Beispiel Leihmutterschaft überspitzen: Deren Verbot in Deutschland ist „suboptimal“, weil nicht jede Frau während Schwangerschaft und Entbindung ihren „individuellen Nutzen maximiert“. Unfreiwillig Kinderlosen bietet Leihmutterschaft daneben eine „höhere Präferenzbefriedigung“, ohne andere Marktteilnehmer zu schädigen. Weitere „Effizienzgewinne“ liegen in „internationalen Spezialisierungsvorteilen“: Leihmütter aus Entwicklungsländern haben viel geringere „Verzichtskosten“ bezüglich alternativer Berufstätigkeiten als gebärfähige Frauen in Deutschland. Andernfalls würden diese „mündigen Bürgerinnen“ nicht freiwillig auf das Geschäft eingehen. Auch die verbesserte „Ressourcenallokation“ zwischen Leihmüttern und Auftraggebern sowie geringere „Transaktionskosten“ z.B. bei rechtlichen Folgeproblemen sprechen gegen die ohnehin existierenden Schwarzmärkte und für eine Legalisierung.

Ethische Defizite

Aus ethischer Sicht greift diese Argumentation zu kurz, weil sie Menschen verzweckt: Solange die Leihmutter nämlich freiwillig handelt, ist das Geschäft unbedenklich. Auch wenn die Freiwilligkeit aus purer Geldnot oder mangelhaften Alternativen resultiert. Menschenwürde liegt hier allein im Auge des individuellen Marktteilnehmers, sie wird subjektiviert. Prinzipienethik im Sinne Immanuel Kants würde die Transaktion dagegen als objektiv unwürdig ablehnen. Dahinter stünde ein gesellschaftlicher Konsens, dass körpereigene Aktivitäten nur kostenlos ausgetauscht werden sollten. Auch das pragmatische Argument, es gebe doch überall explizit oder implizit bezahlte sittenwidrige Geschäfte, läuft leer: Nur weil Abmachungen tatsächlich existieren, muss ein Kollektiv sie nicht legitimieren. Denn ihre offizielle Kommerzialisierung verändert das Wertesystem einer Gesellschaft, wie beispielsweise der Verhaltensökonom Ariely mit seinem legendären Kindergartenexperiment belegte: Israelische Eltern holten ihren Nachwuchs viel häufiger zu spät ab, nachdem für Verspätungen ein Bußgeld eingeführt worden war. Sie hatten also innerlich von einer sozialen auf eine Marktnorm umgeschaltet. Diese Marktnorm blieb auch erhalten, nachdem das Bußgeld wieder abgeschafft worden war[3].

Sozialpsychologische Defizite

Der moderne Bürger ist vor allem Konsument. Er steht in ständigem Wettbewerb um mehr Geld und Besitz, seine intensivierte Lebensweise lässt ihm wenig Zeit zum Nachdenken. Dies nützt bestehenden Macht- und Verteilungsstrukturen, schadet aber der demokratischen Willensbildung und Reformfähigkeit. Die Neoklassik dient auch hier als Stütze, indem sie mit „exogenen individuellen Präferenzen“ argumentiert. Diese werden in keiner Weise durch Werbung, Bekannte oder Medien beeinflusst. Sozialer Vergleich, systematische externe Bedürfnisweckung und Markensucht kommen im Modell des mündigen, rationalen und informierten „homo oeconomicus“ nicht vor. Er findet völlig losgelöst sein ureigenes „Nutzenoptimum“. Psychologen, Soziologen, Verhaltens- und Glücksökonomen verweisen dagegen immer vehementer auf die gesellschaftlichen Folgen dieser Fiktion: Das Hamsterrad der Bedürfnisweckung mache in der Vergleichs- und damit Leistungsgesellschaft viele Menschen unglücklich. Welche psychischen Verschlechterungen die Marktgesellschaft mit sich bringen kann, zeigt allein die verstärkte Nutzung von Informationstechnologie: Ständige Erreichbarkeit, immer kürzere Reaktionszeiten, zeitintensive Pflege unzähliger Kontakte, Informationsüberflutung, Datenmissbrauch, die Illusion grenzenloser Auswahl. Während die neoklassische Ökonomie in maximalen Wahlmöglichkeiten einen Nutzengewinn vermutet, diagnostizieren Psychologen und Soziologen Überforderung und Enttäuschung. Am deutlichsten wird dies in Liebesdingen: Nie war die Auswahl so groß wie heute, aber der Anteil der Single-Haushalte stieg in den letzten 50 Jahren von 22 auf über 40 Prozent[4].

Reformvorschläge für Methodenvielfalt

Im ersten Schritt sollten sich neoklassische Effizienz- und Effektivitätsüberlegungen wieder auf zweifelsfreie Wirtschaftsgüter und -dienstleister wie Brot und Bäcker konzentrieren. Vorschläge zu ethisch brisanten Themen wären dagegen interdisziplinär zu behandeln. Zweitens sollte die vielschichtige volkswirtschaftliche Ideengeschichte wiederentdeckt werden, vor allem in den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten. So war Adam Smith, der Begründer der klassischen Nationalökonomie, in erster Linie Moralphilosoph. Er setzte immanente ethische Fundamente wie Sitte und Erziehung für eine funktionierende Marktwirtschaft voraus. Drittens belegen Verhaltens- und Glücksökonomie seit vielen Jahren, dass kurzfristiger materieller Wohlstand nicht zu einem langfristig besseren Leben einer Gesellschaft führt. Ihr Plädoyer für Muße statt Konsumzwang verdient mehr Beachtung durch die deutsche Politik. Schließlich gilt es, gesellschaftliche Gerechtigkeitsvorstellungen politisch stärker zu berücksichtigen, um die Akzeptanz des marktwirtschaftlichen Modells wieder zu stärken. Denn die neoklassische Optimierung erzielt mitunter Verteilungsergebnisse, die weite Bevölkerungskreise nicht verstehen. Beispiel Lohnfindung: Viele Menschen kritisieren, dass Erzieherinnen wenig verdienen und Investmentbanker viel. Politik sollte daher breitenwirksam erklären, dass neoklassische Löhne auch am erzielbaren Marktpreis hängen und die meisten Eltern nicht die Stundenhonorare fusionswilliger Aktiengesellschaften bezahlen. Umgekehrt könnten mehr Volkswirte die gesellschaftliche Symbolik von Mindestlöhnen erfassen: Dass zum Beispiel „soziale Berufe“ nicht mehr nur qua Lippenbekenntnis als wertvoll gelten.

Die heutige deutsche Wirtschaftselite ist männlich und wurde oftmals neoklassisch ausgebildet. Hinzu kommen große Übereinstimmungen bei Herkunft, Lebensläufen und Wertesystem. Auch diese Nicht-Diversität erschwert den Wandel zu einer vielfältigen wirtschaftlichen Denkweise.

Weiterlesen

Fred Hirsch, „Die sozialen Grenzen des Wachstums“, Hamburg 1980 (wichtiger Vordenker des „Rattenrennens“); Richard David Precht, „Die Kunst, kein Egoist zu sein“, München 2012 (in Deutschland populärer Philosoph, der die ethischen Grundlagen der VWL kennt und benennt); Michael J. Sandel, „Was man für Geld nicht kaufen kann“, Berlin 2012 (der z.Z. weltweit populärste Kritiker der Marktgesellschaft); Tomas Sedláček, „Die Ökonomie von GUT und BÖSE“, München 2012 (in Europa populäres Plädoyer für mehr Methoden-Vielfalt in der VWL).


Quellen:

[1] Z.B. Gary S. Becker, „The Economic Approach to Human Behavior“, Chicago 1976.

[2] Mankiw, N. Gregory/Taylor, Mark P.: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, 5. Auflage. Stuttgart 2012., S. 190 f. bzw. S. 284 ff.

[3] Ariely, Dan: Denken hilft zwar, nützt aber nichts. Warum wir immer wieder unvernünftige Entscheidungen treffen. Ulm 2008, S. 104.

[4] Statistisches Bundesamt, zitiert nach dpa Globus, „Immer mehr Single-Haushalte“, 11.10.2013.

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