Frugale Innovationen für nachhaltige Produkte

Britta Kuhn

Bachelor-Thesis von Erik Simon analysiert das Potenzial einfacher Neuerungen[1]

„Frugal Innovation“ bezeichnet sparsame, bescheidene oder schlichte Neuerungen. Idee und wichtige Anwendungsbeispiele stammen aus Schwellenländern wie Indien, in denen ein enormes Marktpotenzial für erschwingliche Güter des Grundbedarfs existiert. Die Abschlussarbeit zeigt anhand vieler Praxisbeispiele, dass sich einfache Produkte aber auch in entwickelten Volkswirtschaften lohnen würden und was Unternehmen dafür tun müssen. Das Konzept erreicht ganz nebenbei wichtige ökologische und soziale Ziele, da es die Grundbedürfnisse einer globalen Bevölkerungsmehrheit bedient, ohne die natürlichen Ressourcen überzustrapazieren.

Vorreiter frugaler Innovationen

In Indien sterben jährlich 1,2 Millionen Neugeborene innerhalb der ersten vier Lebenswochen. Brutkästen können diesen Wert drastisch senken, sind aber mit bis zu 20.000 USD für indische Krankenhäuser zu teuer. Eine neue Lösung, die sich auf die wesentliche Wärmefunktion des Brutkastens konzentriert, kostet dagegen nur rund 100 USD. Ähnlich funktioniert der Tata Nano von Tata Motors. Er wurde eigens für die indische Kaufkraft sowie die dortigen Straßen entwickelt, verzichtet also auf zahlreiche Elemente westlicher PKWs und kostet daher nur 2.500 USD. Für Entwicklungsländer entstand das Nokia 1100. Dieses weltweit am meisten verkaufte Handy ist besonders staubunempfindlich, sein Akku läuft länger und es enthält eine Taschenlampe. Durch die Finanzkrise wurden einfache Produkte aber auch in Industrieländern populärer. So erzielte das konkurrenzlos preiswerte Renault-Auto Dacia im Jahr 2009 Rekordabsätze, weil es sich auf das Grundbedürfnis „Mobilität“ konzentriert[2].

Alter Wein in neuen Schläuchen?

Den Gedanken, die Herstellungskosten durch einfache Lösungen zu senken, die „gut genug“ sind, beherzigten schon Ryanair und viele andere Pionier-Unternehmen. Frugal Innovation will jedoch viel systematischer als traditionelle Modelle kreative Freiräume für die Mitarbeiter schaffen, mit knappen Ressourcen und armen Verbrauchern umgehen, durch Intuition statt aufwändiger Planung die Entwicklungszeiten drastisch verkürzen, sowie einfache und universell erkennbare Designs entwickeln[3]. Damit erreicht das Konzept auch wichtige ökologische und soziale Ziele, da es die Grundbedürfnisse einer Bevölkerungsmehrheit befriedigen hilft, ohne die natürlichen Ressourcen wie bisher für eine reiche Minderheit überzustrapazieren.

Simon sieht insofern auch viel Nachfragepotenzial für einfache Produkte in der westlichen Mittelschicht und hier speziell für nachhaltige Neuerungen[4]. Auch beschreibt er, was Unternehmen konkret tun müssen, um frugale Innovationen zu ermöglichen. Hierzu gehöre z.B. der Rückgriff auf bereits bestehende Netzwerke, eine stärkere Ausrichtung an Maslows Bedürfnispyramide, wirklich diversifizierte Entwicklungsteams und frühere Test- und Feedbackphasen als bisher üblich[5].

Fazit: Neu denken, anders entwickeln!

Industrienationen wie Deutschland arbeiten eher systematisch als kreativ, „diversity“ ist hier weitgehend noch ein Lippenbekenntnis oder wird sogar von konservativer Seite bekämpft[6]. In einer Befragung gaben 65% der Amerikaner an, schon einmal das Interesse an einem technischen Produkt verloren zu haben, weil seine Nutzung zu kompliziert war. Und über die Hälfte der erwachsenen Weltbevölkerung repräsentiert weniger als 1% des globalen Einkommens[7]. Die Zukunft liegt daher in unkonventionellen, einfachen und preiswerten Entwicklungen für viele Menschen, die wenig Interesse, Zeit oder Geld für immer subtilere Luxusmodelle der westlichen Konsumwelt haben.


Quellen:

[1] Erik Simon, „Frugal Innovation: Erfolgversprechender Managementansatz zur Optimierung des Innovationsprozesses?“, Bachelor Thesis, Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain, 6.3.2014.

[2] Zitiert nach Erik Simon, a.a.O., Kapitel 2.2-2.3.

[3] Konzeptdetails bei Erik Simon, a.a.O., Kapitel 2.1 oder bei Navi Radjou, Jaideep Prabhu und Simone Ahuja, Jugaad Innovation, San Fransisco 2012.

[4] Erik Simon, a.a.O., S. 18 f.

[5] Erik Simon, a.a.O., Kapitel 4.

[6] Z.B. Philipp Plickert, „Überstürzte Frauenquote mindert Firmenwert“, faz.net vom 9.9.2012, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/der-volkswirt-ueberstuerzte-frauenquote-mindert-firmenwert-11884441-p2.html (Zugriff 14.3.2014).

[7] Zitiert nach Erik Simon, a.a.O., S. 7 bzw. S. 3.

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