Führt „feminine“ Führung zu besserem Wachstum?

Britta Kuhn

Bachelor-Thesis von Nora Kettenring vergleicht die schwedische und deutsche Managementkultur[1]

Schwedische Führungskräfte arbeiten „feminin“, deutsche dagegen „maskulin“. Auch bei der „Unsicherheitsvermeidung“ unterscheiden sich Schweden (niedrig) und Deutsche (hoch). Zu diesem Ergebnis kommt die Abschlussarbeit auf Basis des Kulturwissenschaftlers Hofstedes, des World Value Surveys und eigener Interview mit deutschen und schwedischen Managern. Aber was bedeutet diese Erkenntnis für das gesellschaftliche Wohlergehen? Würde ein nordischer Führungsstil auch in Deutschland einer Bevölkerungsmehrheit nützen?

Schweden führt „feminin“, Deutschland „maskulin[2]

Hofstede bezeichnet eine Gesellschaft als maskulin, wenn Männer und Frauen klar unterscheidbare emotionale Rollen einnehmen (bestimmt, hart und materiell versus bescheiden, sensibel und an Lebensqualität orientiert). In femininen Gesellschaften überschneiden sich diese Rollen: Männer sind hier ebenfalls bescheiden, sensibel und qualitativ ausgerichtet.

Schwedens „Maskulinitätsindex“ liegt auf einer Skala bis 100 bei fünf, der deutsche bei 66. So ist 44% der schwedischen Manager mit mehr als zehn Mitarbeitern Freizeit sehr wichtig, gegenüber nur 15% bei ihren deutschen Kollegen. Hinsichtlich der Arbeitsplatzwahl ist das Gehalt 20% aller Deutschen wichtig, aber nur 10% aller Schweden. Der Aussage, dass Arbeit an erster Stelle stehe, stimmen 62% der Deutschen gegenüber 36% der Schweden zu. Konflikte werden in Deutschland eher durch Machtkämpfe gelöst, in Schweden dagegen durch Konsens. Schließlich unterscheiden sich die Anforderungen der Mitarbeiter an die Führung: 80% der Deutschen fordern von Vorgesetzten Entschlusskraft und Durchsetzungsstärke, dies gilt aber nur für jeden sechsten Schweden. Insgesamt legen schwedische Manager mehr Wert auf Freizeit, den Sinn ihrer Arbeit anstelle des Einkommens sowie auf intuitive statt hierarchische Führung.

Schweden scheuen keine Unsicherheit, Deutsche dagegen sehr[3]

Hofstedes „Unsicherheitsvermeidungsindex“ liegt bei null, wenn eine Gesellschaft frei von Angst ist und keine Risiken scheut. Auf seiner Skala bis 100 erreicht Schweden den Wert 29 gegenüber 65 in Deutschland. So glauben 68% aller Schweden gegenüber nur 37% der Deutschen, dass man den meisten Menschen vertrauen kann und 60% der Schweden gegenüber nur 45% der Deutschen sind optimistisch, bei Arbeitslosigkeit schnell eine neue Stelle zu finden. Speziell die Führungskräfte zeichnen sich in Schweden im Vergleich zu Deutschland durch größeres Vertrauen und weniger Angst aus, bevorzugen einen weniger aggressiven und dafür sachlicheren Kommunikationsstil, akzeptieren harte Arbeit nur, wenn dies erforderlich erscheint und halten die Beteiligung der Mitarbeiter an Entscheidungsprozessen für wichtig. Insofern erstaunt es auch nicht, dass sich schwedische Arbeitnehmer v.a. durch individuelle oder Teamleistungen sowie durch soziale Bedürfnisse motivieren lassen, deutsche Angestellte dagegen eher nach Sicherheit und Wertschätzung streben.

Welches Land arbeitet produktiver?

Vergleicht man die Produktivität in der verarbeitenden Industrie, so schnitt Schweden in der Vergangenheit durchweg besser ab als Deutschland, wie folgende Kennzahlen zeigen:

Tabelle: Produktivitäts- und Lohnstückkostenvergleich im verarbeitenden Gewerbe[4]

  Deutschland Schweden
Produktivität/h, 2011 (Index) 100 103
Arbeitskosten/h, 2011 (Index) 100 87
Lohnstückkosten, 2011 (Index) 100 85
Arbeitskostenentwicklung 2007-2011* + 2,0% + 0,6%
Produktivitätsentwicklung 1991-2011* + 3,0% + 6,1%
Lohnstückkostendynamik 1991-2011* + 0,2% – 2,7%

*Jeweils jährlicher Durchschnitt in nationaler Währung

Deutsche Führungskräfte arbeiten 44,8 Wochenstunden, schwedische nur39,9[5]. Dennoch entwickelte sich die verarbeitende Industrie in Schweden produktiver als die deutsche. Hohe wirtschaftliche Produktivität und eine stärkere Freizeit- und Sozialorientierung stellen also keinen Widerspruch dar, sondern befruchten sich gegenseitig. Die deutsche Arbeitswelt könnte insofern viel von Schweden lernen.


Quellen:

[1] Nora Kettenring, „Interkultureller Vergleich schwedischer und deutscher Führungskräfte“, Bachelor Thesis, Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain, 6.3.2014.

[2] Nora Kettenring, a.a.O., Kapitel 3.2.

[3] Nora Kettenring, a.a.O., Kapitel 3.3.-3.4.

[4] Christoph Schröder, „Produktivität und Lohnstückkosten der Industrie im internationalen Vergleich“, in: IW-trends 4/2012, November 2012, Tab. 1 (S. 5), Abb. 1 (S. 8), Tab. 2 (S. 9), Tab. 3 (S. 11) und Tab. 4 (S. 13), file:///G:/Documents/Downloads/TR-4-2012-Schroeder-LSK.pdf (Zugriff 4.4.2014).

[5] Zitiert nach Nora Kettenring, a.a.O., S. 15.

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