Größenlimits für Banken?

Britta Kuhn

Wenn alle Banken klein wären, sei keine mehr systemrelevant. Sagen die Befürworter. Die Zerschlagung großer Finanzinstitute schütze auch besser vor weltwirtschaftlichen Krisen als hohe Eigenkapitalquoten. Die Gegner halten Größenlimits für unrealistisch. Das Problem der Systemrelevanz lasse sich dadurch auch gar nicht lösen. Wer hat Recht?

Weniger Systemrelevanz?

Finanzdienstleister sind systemrelevant, wenn sie so groß und/oder vernetzt sind, dass ihre Liquidierung die Gesamtwirtschaft ernsthaft destabilisieren würde. Inzwischen sind viele Institute auch nicht mehr nur „too big to fail“, sondern auch „too big to save“, wie die europäische Staatsschuldenkrise zum Beispiel in Irland eindrucksvoll gezeigt hat[1]. Bereits Anfang 2010 diskutierten daher renommierte Ökonomen Obergrenzen für Bankbilanzen von beispielsweise 100 Mrd. US-Dollar[2]. Diese Argumentation stützt ein aktueller Expertenbericht des European Systemic Risk Boards (ESRB). Danach hat die Bankenkonzentration vor allem in Europa dramatisch zugenommen und Probleminstitute wurden hier seit 2009 viel seltener abgewickelt als in den USA. Die Politik solle daher eine „viel aggressivere Antitrust-Politik“ umsetzen[3].

Andere Spitzenökonomen halten Größenlimits bzw. die Zerschlagung von Banken für unwirksam, da die Systemrelevanz nicht nur von der Größe abhinge[4]. Für diese Argumentation könnte Lehman Brothers stehen. Aber wäre diese Investmentbank auch dann zum gesamtwirtschaftlichen Risiko geworden, wenn alle mit ihr vernetzten Finanzdienstleister ebenfalls klein gewesen wären? Und stufte die Politik nicht auch kurzerhand Institute wie die Industriekreditbank (IKB) und die Hypo Real Estate (HRE) in Deutschland als systemrelevant ein, ohne dies je mit Fakten zu belegen?

Stattdessen mehr Eigenkapital?

Die Gegner der Bankenzerschlagung halten deutlich erhöhte Eigenkapitalquoten für zielführender. Für Aufmerksamkeit sorgte insbesondere Martin Hellwigs Forderung nach 30% Eigenkapitalvorsorge für alle Bilanzaktiva[5], im Basler Regelwerk irreführend als „leverage ratio“ bezeichnet. Derart hohe Anforderungen würden jedoch die Eigenkapitalrendite der Aktionäre so stark schmälern, dass Finanzdienstleister möglicherweise nicht mehr mit der Realwirtschaft um knappe Mittel konkurrieren könnten. Denn verzehnfachte etwa die Deutsche Bank ihre Eigenkapitalquote von aktuell rund drei auf 30%, müssten sich zehnmal so viele Aktionäre den Gewinn teilen. Auch ist das Geschäftsmodell der Finanzwirtschaft nicht ohne weiteres mit demjenigen der – wesentlich kapitalstärkeren – Realwirtschaft vergleichbar, da Banken z.B. besicherte Kredite wie Hypothekendarlehen auf der Aktivseite ihrer Bilanz führen, während BASF & Co. klassisches Anlagevermögen finanzieren müssen.

Bedenkt man jedoch, dass v.a. Europa aus gesamtwirtschaftlicher Sicht über einen viel zu großen Finanzsektor verfügt[6], käme es dort durch strengere Eigenkapitalanforderungen zu einer heilsamen Marktbereinigung. Die verbleibenden Geldhäuser würden in der Folge rentabler und damit für Eigenkapitalgeber wiederum attraktiver, bei erhöhter Stabilität des Gesamtsystems. Gegen anspruchsvolle Eigenkapitalquoten spricht deshalb ein ganz anderes Argument: Sie wären nur nach jahrelangen Übergangsfristen erreichbar. Die Bankenaufspaltung ließe sich dagegen zeitnah umsetzen.

Zerschlagung umsetzbar?

Doch selbst wenn der politische Wille zu kleineren Banken bestünde: Geschickte juristische Unternehmensformen könnten die Größenlimits in der Praxis eventuell wieder aushebeln. Auch ginge manch ein Größenvorteil, etwa im EDV-Bereich verloren. Umgehungsstrategien sind allerdings so alt wie die Finanzmarktregulierung. Sie erfordern eine leistungsfähige Aufsicht und machen auch vor höheren Eigenkapitalquoten nicht Halt. Skalenerträge fallen ihrerseits in der Praxis häufig kleiner aus als in der Theorie, wie die Geschichte gescheiterter Fusionen zeigt. Speziell im Finanzsektor müssten ihre betriebswirtschaftlichen Kostenvorteile zudem mit den volkswirtschaftlichen Kostennachteilen von Finanzkrisen verrechnet werden.

Fazit der Autorin

Größenlimits für Banken ließen sich schneller als höhere Eigenkapitalanforderungen umsetzen. Sie würden die Wettbewerbsfähigkeit einzelner Finanzmärkte umso weniger beeinträchtigen, je mehr G 20-Staaten sich beteiligten. Marktwirtschaftliche Prinzipien kämen im Finanzsektor wieder vermehrt zur Geltung, da kein Geldhaus mehr systemrelevant wäre. Aber auch Größenbeschränkungen lassen sich umgehen. Ohne eine starke Bankenaufsicht liefe auch diese Regel leer.


Quellen:

[1] Philip Plickert, „Die Banken sind fett und gefährlich“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 8.6.2014, S. 18.

[2] Z.B. David Haldane, “The $100 billion question”, v.a. S. 12 f.: “There are no examples during this crisis of financial institutions beyond $100 billion being resolved without serious systemic spillovers.” http://www.bis.org/review/r100406d.pdf (Zugriff 22.07.2014).

[3] European Systemic Risk Board, „Is Europe Overbanked?“, Figure 10, S. 7 (Bankenkonzentration), Figure 37, S. 36 (Bankenabwicklung) bzw. S. 45 (Zitat, Übersetzung durch die Verfasserin). https://www.esrb.europa.eu/pub/pdf/asc/Reports_ASC_4_1406.pdf?aa827b2d04accc8e0ab402fb781d4463 (Zugriff 22.07.2014).

[4] Z.B. Isabel Schnabel, Mitglied des Sachverständigenrats, „Wir verspielen das Erreichte“, Handelsblatt vom 13.5.2014, S. 28 f., hier S. 29.

[5] Anat Admati und Martin Hellwig, „The bankers new clothes. What’s wrong with banking and what to do about it“, Princeton/Oxford 2013, v.a. S. 182: „Bilanzielle Eigenkapitalquoten von 20-30% verhindern negative Externalitäten.“ Weitere grundsätzliche Befürworter höherer Eigenkapitalquoten sind z.B. Ökonomie-Nobelpreisträger Eugene Fama, die „Wirtschaftsweise“ Isabel Schnabel, oder die frühere Chefin der US-Einlagensicherung Federal Deposit Insurance Corporation Sheila Baur.

[6] European Systemic Risk Board, a.a.O, Figure 1+2, S. 3.

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