EVENTS: GLÜCKSBOTEN ODER HAMSTERRAD?

Britta Kuhn

Die Eventisierung aller Gesellschaftsbereiche trägt maßgeblich zum BIP-Wachstum bei. Kritiker sehen darin einen zusätzlichen Stressor der westlichen Leistungsgesellschaft. Aber warum sind Events dann so erfolgreich?

Immer mehr Events

Im Deutschland der 1970er und 1980er Jahre gab es keine Events. Bestenfalls ganz besondere, also einzigartige, spektakuläre oder unvergessliche Ereignisse. Heute ist fast jede Veranstaltung ein Event[1], es gibt wesentlich mehr Angebote dieser Art und längst existieren professionelle Event-Manager. Beispiel Urlaub: Ein typischer Sommerurlaub der 1970er Jahre ging für drei Wochen in ein verschlafenes Gebirgsdorf. Dort wanderte man, ging ganz unspektakulär schwimmen, las dicke Romane und schlief viel. Heute stellen derartige Urlaube die Ausnahme dar. Selbst die abnehmende Zahl der Wanderer wolle in kurzer Zeit und möglichst ohne Mühe viel erleben, so der Ehrenvorsitzende des Deutschen Wanderinstituts[2]. Ein typischer „Wanderurlaub“ dauert heute daher eher eine als drei Wochen und wird mindestens mit kostenpflichtigem Kletterpark, Sommerrodelbahn, Erlebnisschwimmbad und Waldwipfel-Lehrpfad gefüllt. Meistens geht es jedoch nicht mehr in die Berge, sondern zum Tauchen nach Bali, zum Einkaufstrip nach New York, auf Indien-Rundreise oder in den nahen Europapark Rust [3].

Vorteile von Events

Events steigern das Bruttoinlandsprodukt und sollen Spaß machen. Der Wachstumseffekt besteht darin, dass viel mehr Marktleistungen konsumiert werden, wie schon der obige Urlaubsvergleich zeigt. Dies gilt für alle Lebensbereiche: Wir lernen unseren nächsten „Partner“ auf bezahlten Single-Messen kennen (anstatt zufällig im Fahrstuhl), essen und trinken jedes Wochenende auf Stadtfesten aller Art (anstatt zuhause oder bei Freunden) und buchen Wellness-Wochenenden zum Runterkommen (anstatt einfach mal nichts zu tun). Die Bespaßung gilt als Kernziel des Events. Ganze Marketing-Lehrbücher beschäftigen sich damit, neue „Verlustierungselemente“ und „Unterhaltungsformate“ an „möglichst viele Menschen“ zu bringen[4]. Dass dies häufig gelingt, zeigt der enorme Zuspruch zu (mehr oder weniger professionell) organisierten Veranstaltungen aller Art.

Nachteile von Events

Events können Geldsorgen erhöhen, anstrengen und unglücklich machen. Geldsorgen ergeben sich aus dem Bezahlcharakter der betreffenden Aktivitäten, der untere Einkommensschichten schnell überfordert bzw. in die Verschuldung treibt. Anstrengung resultiert, wenn Events Erholung verhindern oder sogar zerstören. Wenn sie also z.B. nur zeitweise von zu lösenden Problemen ablenken, einen inhaltsarmen Alltag überdecken sollen, aus reiner Gruppenkonformität oder unzureichender Reflexion der eigenen Bedürfnisse stattfinden. Unglück folgt, wenn Events das gesellschaftliche „Rattenrennen“ verstärken[5]. Psychologen weisen zwar längst darauf hin, dass ständige Vergleiche bin in die Depression führen können. Aber wer nichts Greifbares zu erzählen hat, gilt in der westlichen Leistungs- und Konsumgesellschaft schnell als Versager.

Fazit der Autorin

Zahlreiche Events sind eine sinnvolle Errungenschaft für reiche Menschen, die sich nicht selbst beschäftigen können, sowie für ausgemachte „Adrenalin-Junkies“. Für alle anderen wäre weniger mehr. Allerdings erfordert es viel Selbstbewusstsein und eigenständiges Denken, gegen die Eventisierung anzuleben.


 

Quellen:

[1] Ausführliche Definition und Begriffskritik: Hans Rück, „Event“, Gabler Wirtschaftslexikon, http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/event-veranstaltung.html (Zugriff 29.8.2014).

[2] Rainer Brämer, zitiert nach Florentin Schumacher, „Cappuccino auf der Hütte“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.07.2014, http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/region/wandern-wieder-trendy-cappuccino-auf-der-huette-13054892.html (Zugriff 30.8.2014). Genaue Zahlen zum Wandern in Deutschland: „Forschung am Deutschen Wanderinstitut e.V.“, http://www.wanderinstitut.de/forschung/ (Zugriff 30.8.2014).

[3] Der Europapark Rust ist das am zweithäufigsten besuchte Urlaubsziel in Deutschland – nach Schloss Neuschwanstein. Vgl. Europa-Park Rust, „Die begehrtesten 100 Sehenswürdigkeiten in Deutschland – Europa-Park erneut auf Spitzenplatz“, http://corporate.europapark.com/de/presse/nachricht/datum/2014/07/10/europa-park-erneut-auf-spitzenplatz/ (Zugriff 31.8.2014).

[4] Z.B. Ronald Hitzler, „Eventisierung“, Springer 2011. Zitat aus der Produktbeschreibung auf Springer VS, http://www.springer.com/springer+vs/soziologie/wissen+|+diskurs/book/978-3-531-17932-2 (Zugriff 29.8.2014).

[5] Einschlägig zum „Rattenrennen“: US-Ökonom Fred Hirsch, „Die sozialen Grenzen des Wachstums. Eine ökonomische Analyse der Wachstumskrise“, Reinbeck bei Hamburg 1980, z.B. S. 115. Buchbesprechung auf diesem Blog unter „Wachstumskritik, Teil II: Die Literatur (2)“, 10.5.2013, https://besser-wachsen.com/2013/05/10/wachstumskritik-teil-ii-die-literatur-2/.

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