GETEILTES WOHNEN

Britta Kuhn

Teilen ist in. Ob carsharing, Uber oder Airbnb: Technischer Fortschritt, klamme Geldbeutel und ein verändertes Wohlstandsempfinden fördern die gemeinschaftliche Nutzung gegenüber individuellem Besitz. Eine Lösung auch für teure Stadtwohnungen?

Beispiel für „Sharing Economy“?

Die „sharing economy“ stellt Privateigentum gegen Entgelt weiteren Nutzern zur Verfügung. Ein typisches Beispiel aus dem Immobilienbereich ist die Untervermietung eines Zimmers an Touristen. Oft wird unter die Ökonomie des Teilens auch eine Wohnanlage subsumiert, in der neben Privatwohnungen Gemeinschaftsräume wie Sauna oder Bibliothek existieren[1]. Das ist aber eigentlich etwas anderes, weil der Käufer bzw. Mieter eine Kombination aus Privat- und Kollektivgut erwirbt. Auch historische Vorläufer wie die Kommunen der 1968er-Rebellen lassen sich der sharing economy nicht zuordnen, weil hier das Privateigentum vollständig abgeschafft war – inklusive entgeltfreier sexueller Gemeinschaftsnutzung. Doch erst der große Erfolg des professionellen privatwirtschaftlichen Teilens in Bereichen wie Carsharing verstärkte den Trend, in teuren Innenstadtlagen Privatwohnungen durch Kollektivräume aufzuwerten. Lässt sich also eine Idee, die in Altersheimen und Studentenwohnheimen seit langem praktiziert wird, für die gesamte Gesellschaft nutzen?

Lösung für Verstädterung?

Die weltweite Verstädterung nimmt zu. Daneben sind die individuellen Anforderungen an Wohnfläche und –qualität in reichen Ländern dramatisch gestiegen[2]. Zentrumsnaher Wohnraum in Ballungsgebieten ist daher für weite Bevölkerungsgruppen kaum noch erschwinglich – so stiegen z.B. die Preise für Eigentumswohnungen mittleren Wohnwerts zuletzt gegenüber dem Vorjahr in München um 14,3%, in Berlin um 12,9% und in Hamburg bzw. Stuttgart um 10,5 bzw. 9,9%[3]. In ausländischen Metropolen wie London ist die Situation noch schwieriger[4].

Die Kombination aus kleiner Wohnung und gemeinsamer „Loungeküche“[5] oder Dachterrasse könnte die gesellschaftliche Vereinsamung aufhalten und Wohnkomfort wieder bezahlbar machen. Die bisherige Praxiserfahrung zeigt aber andererseits: Entsprechende Wohneinheiten sind eher teuer. Viele Bewohner suchen zweitens keine Gemeinschaft. Und falls doch, können drittens unlösbare Konflikte um Ordnung, Sauberkeit und Kosten entstehen.

Fazit: Guter Ansatz – aber nur für kleine und homogene Gruppen

Mit geteiltem Wohnen sollte weiter experimentiert werden. Mehrgenerationenhäuser oder Alten-WGs stellen erfolgreiche Anwendungsbeispiele neueren Datums dar. Sicher ließen sich auch weniger luxuriöse Varianten als die oben genannten „Loungeküchen“ an zahlungsschwächere Kunden vermitteln. Aber damit die Gemeinschaftsnutzung funktioniert, müssten alle Mitbewohner, wie in einer Partnerschaft, ähnliche (Wohn-)Werte vertreten. Laut Architekturwissenschaftlerin Forlati erfüllen am ehesten junge Familien diese Voraussetzung, weil diese „viel kulturelles Kapital mitbringen aber nur wenig finanzielles“. Und selbst bei diesen recht homogenen und kompromissfähigen Menschen sollten nach Forlati maximal 35 Wohneinheiten zusammenkommen[1].


Quellen:

[1] Nadine Oberhuber, „Die Raumteiler“. Frankfurter Allgemeine Stil, 22.10.2014,: http://www.faz.net/aktuell/stil/drinnen-draussen/moderne-hausgemeinschaften-die-raumteiler-13216867.html (Zugriff 11.11.2014).

[2] Allein in Deutschland stieg z.B. zwischen 1998 und 2013 die durchschnittliche Wohnfläche pro Bundesbürger von 30 auf 45 qm. Vgl. Christian Fiedler, „Pro-Kopf-Wohnfläche erreicht mit 45m² neuen Höchstwert“, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), Pressemitteilung Nr. 9/2013 vom 24.7.2013, http://www.bib-demografie.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Download/Grafik_des_Monats/2013_07_pro_kopf_wohnflaeche.pdf?__blob=publicationFile&v=3 (Zugriff: 9.9.2014).

[3] Vgl. Immobilienverband IVD, „IVD-Wohn-Preisspiegel 2014/2015“, http://www.ivd-webshop.net/Preisspiegel/tabid/105/ProductID/109/List/1/Default.aspx?SortField=ProductNumber%20DESC,ProductName, zitiert nach Frankfurter Allgemeine, Meine Finanzen vom 13.11.2014, „Preise für Wohneigentum steigen rasant“ (o. V.), http://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/mieten-und-wohnen/nachrichten/vor-allem-in-den-metropolen-preise-fuer-wohneigentum-steigen-rasant-13263845.html (Zugriff 23.11.2014).

[4] Vgl. z.B. Lena Schipper, “Ein Schuhkarton zum Wohnen”. Frankfurter Allgemeine Wirtschaft vom 8.6.2014,: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/immobilien/london-ein-schuhkarton-zum-wohnen-12978317.html (Zugriff 11.11.2014).

[5] Zitat und weiterer Absatz: Vgl. Nadine Oberhuber, a.a.O.

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