GELDSCHWEMME: GUT FÜR REICHE ODER ARME?

Britta Kuhn

Seit Ausbruch der Finanzkrise erlebt die Welt eine bisher einmalige Politik des billigen Geldes. Welche Bevölkerungsschichten profitieren davon: Die Armen oder die Reichen?

Vermögensblasen nützen den Reichen

Die historisch niedrigen Zinsen der weltweit wichtigsten Währungsräume haben Anlagen wie Immobilien und Aktien attraktiver gemacht. Höhere Einkommensschichten profitieren von den daraus folgenden Vermögenspreissteigerungen, da nur diese Bevölkerungskreise entsprechende Aktiva in großem Umfang kaufen oder besitzen. Kleinsparer verlieren dagegen durch negative Realzinsen Ersparnisse. Für Japan, das schon vor der Finanzkrise in großem Stil das unkonventionelle „quantitative easing“ betrieb, lässt sich empirisch nachweisen: Erstens stiegen die Kurse am japanischen Aktienmarkt im Zuge der extrem expansiven Geldpolitik drastisch, z.B. allein zwischen Januar 2002 und Mai 2007 um 80%. Zweitens nahm die Einkommensungleichheit, gemessen durch den Gini-Koeffizienten, insbesondere nach 2008 signifikant zu[1].

Konjunkturbelebung und Billigkredite nützen den Armen

Die geldpolitische Lockerung hat andererseits die weltweite Konjunktur belebt, also Arbeitslosigkeit zumindest kurzfristig verhindert oder verringert. Davon profitieren vornehmlich Niedrigverdiener, die häufiger als einkommensstarke Bevölkerungsgruppen arbeitslos werden. Auch sind gerade arme Menschen oft verschuldet, profitieren also als Kreditnehmer von negativen Realzinsen. Schließlich erweitern niedrige Preise die Konsummöglichkeiten weniger zahlungskräftiger Käuferschichten überproportional, weil sie einen höheren Anteil ihres Einkommens für Ge- und Verbrauchsgüter ausgeben (müssen). Eine US-Studie für 1980 bis 2008 kommt insofern zu dem Schluss, dass gerade eine kontraktive Geldpolitik die Einkommensungleichheit amerikanischer Haushalte erhöht habe. Dieser Befund widerspreche der ökonomischen Standardthese, dass Inflationsgefahren aufgrund einer lockeren Geldpolitik die Einkommensungleichheit verschärften, also vor allem ärmeren Menschen schadeten[2].

Eurosystem: Umverteilung zugunsten der „GIIPS“-Länder

Einfacher als die Verteilungseffekte innerhalb eines Landes lassen sich die internationalen Wirkungen der Niedrigzinspolitik analysieren, etwa in der Europäischen Währungsunion: Die ultralockere Geldpolitik der EZB wurde überhaupt nur eingeführt, um den hochverschuldeten Regierungen der GIIPS-Ländern niedrigere Renditen, vulgo: Kreditkosten zu bescheren. So weit, so bekannt. Eine aktuelle Studie quantifiziert darüber hinaus die Umverteilung privater Vermögen innerhalb des Euroraums: Deutsche Privathaushalte verloren zwischen 2010 und 2014 durchschnittlich 281 € pro Kopf bzw. insgesamt knapp 23 Mrd. € (Saldo privater Zinsverluste und -gewinne). Die Netto-Zinsgewinne Spaniens, Griechenlands, Irlands und Portugals erreichten dagegen im selben Zeitraum jeweils rund 1.000 € pro Kopf bzw. insgesamt 87 Mrd. €. Italien kam auf ein Plus von 655 € pro Kopf bzw. insgesamt 39 Mrd. €[3].

Fazit: Profit armer Menschen fraglich – Gewinn armer Regierungen gesichert

Die empirischen Ergebnisse zur Umverteilung innerhalb eines Landes sind widersprüchlich[4]. Auch streiten Ökonomen derzeit vehement darüber, ob die lockere Geldpolitik der großen Notenbanken bald zu Inflation führen wird[5]. Hohe Inflation aber schadet nicht nur der optimalen Ressourcenallokation, sondern führt zu willkürlichen Umverteilungseffekten, wie jede Standardeinführung in die Volkswirtschaftslehre aufzeigt[6]. Eindeutige Nutznießer der Niedrigzinspolitik und künftiger Inflation sind dagegen all jene Regierungen dieser Welt, die bei (in- oder ausländischen) Privathaushalten stark verschuldet sind[7]. Die aktuelle Geldschwemme nützt also vor allem überschuldeten Staaten.


Quellen:

[1] Ayako Saiki und Jon Frost, „How does unconventional monetary policy affect inequality? Evidence from Japan“. DNB Working Paper No. 423 / May 2014, Figure 2, S. 15 (Nikkei-Index 225) bzw. S. 10 f. und Figure 3, S. 16 (Gini-Koeffizient). http://www.dnb.nl/binaries/Working%20Paper%20423_tcm46-307334.pdf (Zugriff 11.11.2014).

[2] Olivier Coibion, Yuriy Gorodnichenko, Lorenz Kueng, and John Silvia, “Innocent Bystanders? Monetary Policy and Inequality in the U.S.” IMF Working Paper 12/199, 2012, v.a. S. 31. https://www.imf.org/external/pubs/ft/wp/2012/wp12199.pdf (Zugriff 11.11.2014).

[3] Kathrin Brandmeir, Michaela Grimm, Michael Heise und Arne Holzhausen, „Allianz Global Wealth Report 2014“, München 2014, S. 38 f. https://www.allianz.com/v_1411376188000/media/economic_research/publications/specials/de/AGWR14d.pdf (Zugriff 9.12.2014).

[4] Die wachsende Bilanzsumme der Notenbank ging beispielsweise in den USA seit der Finanzkrise mit steigenden Aktienkursen einher, in Europa dagegen mit sinkenden. Vgl. Johannes Pennekamp, „Geldpolitik für die Superreichen?“ Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 2.11.2014, S. 18.

[5] Vgl. z.B. Gerald Braunberger, „Wir stellen jetzt mal alles auf den Kopf: Entsteht Inflation nicht durch sinkende, sondern durch steigende Leitzinsen?“, Fazit – Das Wirtschaftsblog, 29.11.2014. http://blogs.faz.net/fazit/2014/11/29/wir-stellen-jetzt-mal-alles-auf-den-kopf-entsteht-inflation-nicht-durch-sinkende-sondern-durch-steigende-leitzinsen-5013/#more-5013 (Zugriff 9.12.2014).

[6] Z.B. N. Gregory Mankiw und Mark P. Taylor, Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, 5. Auflage, Stuttgart 2012, Kapitel 30.

[7] Ausführlich zu Deflationseffekten und diesbezüglichen wissenschaftlichen Studien: Philip Plickert, „Keine Angst vor der Deflation“, Fazit – Das Wirtschaftsblog, 15.8.2014. http://blogs.faz.net/fazit/2014/08/15/keine-angst-vor-der-deflation-4429/ (Zugriff 9.12.2014).

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