MITARBEITERMOTIVATION DURCH NUDGING


Britta Kuhn

Antonia Dürls Bachelor-Thesis evaluiert personalpolitische Anstups-Maßnahmen[1]

Um die Mitarbeiterbindung und -motivation zu erhöhen, greifen immer mehr Unternehmen auf Nudges zurück. Was genau praktizieren sie und welche Probleme ergeben sich daraus?

In welchen Bereichen stupsen Firmen vor allem?

Volkswirtschaftlich erwünschte Nudges sind Maßnahmen, die alle individuellen Entscheidungsmöglichkeiten offen lassen, aber die Entscheidungsarchitektur so gestalten, dass gesellschaftlich optimale Ergebnisse beflügelt werden. Ein stark beachtetes Standardbeispiel seit dem Grundlagenwerk von Thaler und Sunstein ist die betriebliche Altersvorsorge: MitarbeiterInnen schließen sie häufiger ab, wenn sie dem Vertrag aktiv widersprechen müssen, als wenn sie sich aktiv um ihn bemühen sollen[2]. Die freiwillige Vorsorge entlastet die öffentlichen Renten- und Sozialkassen.

Auch in- und ausländische Unternehmen nutzen verstärkt Anstupsmaßnahmen. Sie möchten das Mitarbeiterverhalten in eine betrieblich gewünschte Richtung lenken, ohne Zwangsmaßnahmen einzusetzen. Das kann, muss aber nicht gesellschaftlich erwünschte Handlungen beflügeln.

Dürl bietet Praxisbeispiele aus den Bereichen Beruf und Familie sowie Kreativitätsförderung, gesunde Ernährung und mehr Bewegung am Arbeitsplatz. Typische Motivatoren in puncto Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind Betreuungsangebote bzw. die Übernahme von Betreuungskosten durch das Unternehmen (z.B. Dr. Oetker bzw. Siemens), die gezielte Förderung von Managerinnen (z.B. Robert Bosch GmbH oder SAP) und – bislang nur in den USA – das bezahlte Einfrieren von Eizellen der Mitarbeiterinnen (Apple und Facebook). Kreativitätsfördernde Maßnahmen jenseits des traditionellen deutschen Vorschlagswesens setzen vor allem Technologiekonzerne ein (z.B. Adobe oder Vodafone Deutschland). Im Bereich Ernährung ergaben schließlich anonymisierte Unternehmensbefragungen der Autorin unter anderem, dass kostenlos bereitgestelltes Obst in Büroräumen und Kantine großen Anklang fanden[3].

Nudges für mehr Bewegung

Google, Yahoo und Microsoft stellen ihren Beschäftigten eine umfassende Fitness-App bereit. Das britische Unternehmen Step-Jockey bietet Schilder zum konkreten Kalorienverbrauch in Treppenhäusern und steigerte dadurch die Zahl der Treppennutzer in drei britischen Bürokomplexen um fast ein Drittel. Die schweizerische Kybun AG animiert unter anderem durch Laufbänder zu Bewegung am Arbeitsplatz. Entspannungsräume, Meditations- und Yoga-Kurse aller Art bieten bereits viele Unternehmen, gerade in Deutschland. Die Möglichkeit eines Dienstfahrrads gibt es bei Google seit 2007. Immer mehr Firmen ermöglichen hierbei auch den privaten Gebrauch und überprüfen das Fahrzeug regelmäßig. Schließlich fördern interaktive Fitness-Programme mit PC-Unterstützung die Gesundheit, indem zum Beispiel eine E-Mail Beschäftigte an ihre Ausgleichsübungen erinnert[4].

Probleme mit Nudging: Fitness-Armbänder und Social Freezing

Die Gefahren personalpolitischer Anstöße verdeutlichen zwei Beispiele: Fitness-Armbänder machen die Beschäftigten für den Arbeitgeber völlig transparent, soweit keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden[5]. Auch das bezahlte Einfrieren von Eizellen greift erheblich in die Privatsphäre der Mitarbeiterinnen ein und beflügelt ethisch umstrittene Verhaltensweisen. In einer repräsentativen TNS Emnid-Umfrage für Deutschland befürworteten aber bemerkenswerte 53% der 14-29-Jährigen und 37% aller Befragten diese Option[6]. In beiden Beispielen dürfte Nudging die Selbstoptimierung und damit Leistungsdenken sowie Stress verstärken.

Fazit

Anstups-Maßnahmen können die traditionelle Bandbreite der Mitarbeitermotivation deutlich erweitern. Einfache Anwendungsfelder bieten vor allem „Bewegung“ und „Ernährung“. Manipulationsgefahren sollten aber nicht unterschätzt und über den gesellschaftspolitischen Diskussionsprozess vermieden werden.


Quellen:

[1] Antonia Dürl, „‘Nudging‘ als Instrument der Mitarbeitermotivation“, Bachelor Thesis, Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain, 13.3.2015.

[2] Ausführlich Antonia Dürl, a.a.O., Kapitel 2, v.a. S. 4 f.; Grundlagenwerk: Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein, „Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt“, Berlin 2009.

[3] Antonia Dürl, a.a.O., Abschnitt 3.1 (Beruf und Familie), Abschnitt 3.3 (Kreativität), Anhang A.1 und A.3 (Ernährung).

[4] Antonia Dürl, a.a.O., Abschnitt 3.2.

[5] Antonia Dürl, a.a.O., S. 13.

[6] Antonia Dürl, a.a.O., S. 11 und Zeit Online, „Junge Deutsche zeigen sich offen für Social Freezing“, 22.10.2014, http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-10/social-freezing-umfrage-zeit (Zugriff 30.3.2015).

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