CLOUDWORKING: SELBSTOPTIMIERUNG ODER DIGITALES PREKARIAT?


Britta Kuhn

Nils Roijk analysiert in seiner Bachelor-Thesis moderne Arbeitsbedingungen[1]

Cloudworker sind freie Mitarbeiter, die nach digitaler Vermittlung Projektaufgaben für Unternehmen bearbeiten. Ist dieser schnell wachsende Markt eine gute Sache?

Treiber und Nutznießer des Cloudworkings

Mobile Breitbandanschlüsse, wettbewerbsintensive Weltmärkte und die „Generation Y“ haben aus Cloudworking einen Trend gemacht: Im Jahr 2014 registrierte allein das globale Vermittlungsnetz Elance-oDesk 3,7 Millionen Auftraggeber und 9,3 Millionen freie Mitarbeiter, von denen 31% IT-Leistungen erbrachten, 21% Texte und Übersetzungen erstellten und je weitere 20% Design- oder Verwaltungsaufgaben bearbeiteten[2].

Vor allem junge Menschen möchten laut Umfragen unabhängig von Zeit und Raum arbeiten und können auch ohne festen Job erste Berufserfahrungen sammeln[3]. Erhalten sie positive Bewertungen ihrer Auftraggeber, konkurrieren sie vornehmlich über ihren guten Ruf, so dass hochspezialisierte und erfahrene Auftragnehmer hohe Einkommen erzielen können[4]. Unternehmen sparen Lohnsteuern und Sozialversicherungsabgaben, Lohnfortzahlung bei Krankheit und im Urlaub sowie administrativen Aufwand in der Personalabteilung. Daneben scheinen in Deutschland zumindest die branchenübergreifenden Durchschnittlöhne der Cloudworker wesentlich niedriger zu liegen als bei herkömmlichen IT-Freiberuflern. Auch verkürzt sich der Rekrutierungszeitraum dramatisch[5]. Da der Wettbewerb um die Projekte schließlich weltweit ausgetragen wird, stammen die Aufträge vor allem aus reichen Ländern wie den USA, Australien, UK oder Kanada und wandern in arme Länder wie Indien, die Philippinen, die Ukraine oder Bangladesch. Gut ausgebildete Arbeitskräfte in Entwicklungs- und Schwellenländern erzielen dadurch Löhne, deren lokale Kaufkraft ungleich höher als in Deutschland ist[6]. Ein wichtiger gesamtwirtschaftlicher Entwicklungsbeitrag, der den internationalen Migrationsdruck lindert.

Bremser und Verlierer

Für die Stammbelegschaft stellen Cloudworker eine ernste Bedrohung dar, soweit Stellen abgebaut werden. Gewerkschaften sehen das Thema daher schon länger äußerst skeptisch[7]. Für die digitalen Freiberufler entfällt der traditionelle Kündigungsschutz[8], Qualifizierungsmaßnahmen des Auftraggebers finden nicht statt und auch um alle administrativen Nebenarbeiten wie Altversvorsorge oder Krankenversicherung müssen sie sich komplett selbst kümmern. Der Auftraggeber schließlich mag kurzfristig finanziell profitieren, aber langfristig baut er weniger betriebsspezifisches Humankapital auf. Auch muss er damit rechnen, dass gute Kräfte ausgebucht sind, wenn er sie benötigt.

Fazit und Ausblick

Gewinner des Cloudworkings sind vor allem Unternehmen in Industrieländern und qualifizierte Arbeitskräfte in Entwicklungs- und Schwellenländer. Junge Arbeitskräfte aus reichen Ländern dürften sich zumindest subjektiv ebenfalls zu den Gewinnern rechnen, zumal sie die Alternative eines unbefristeten Arbeitsvertrags oft gar nicht mehr kennenlernen. Verlierer sind vor allem Stammbeschäftigte, deren Tätigkeit nicht ergänzt, sondern ersetzt wird.

Ist das Angestelltenverhältnis also ein Auslaufmodell? Ich glaube nicht. Wie bei der Institution Ehe werden sich auch am Arbeitsmarkt weiterhin Partner finden, die langfristige Verbindlichkeit bevorzugen. Aber es werden weniger sein und die unverbindlichen Gemeinschaften werden sich auch hier den Festverträgen rechtlich angleichen: Roijk thematisiert z.B., dass der Mindestlohn für Cloudworker nicht greift und die eingesetzte Überwachungssoftware keinen Datenschutz bietet[9]. Noch nicht.


Quellen:

[1] Nils Roijk, „Cloudworking: Bestandsaufnahme, Potenziale und Grenzen aus Arbeitnehmer- und Arbeitgebersicht“, Bachelor Thesis, Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain, 19.3.2015.

[2] Elance-oDesk, „Annual Impact Report 2014“, S. 13 (Nutzer); S. 24 (Branchen), http://try.odesk.com/annual-impact-report/ (Zugriff 27.3.2015). Vgl. auch Nils Roijk, a.a.O., S. 10.

[3] Ausführlich Nils Roijk, a.a.O., Abschnitt 3.1. und 4.1, S. 12.

[4] Nils Roijk, a.a.O., S. 15.

[5] Nils Roijk, a.a.O., S. 13 f. (Lohnnebenkosten und Lohnvergleich); S. 16 (Rekrutierungszeitraum).

[6] Nils Roijk, a.a.O., S. 11 und S. 15.

[7] Z.B. ver.di, „Arbeiten in der Wolke“, https://www.verdi.de/themen/arbeit/++co++fd9e2f52-82fe-11e1-5004-0019b9e321e1 ; Oder Alex Hoffmann, „Warum Verdi vor Cloudworking warnt“, Gründerszene vom 16.1.2013, http://www.gruenderszene.de/allgemein/verdi-cloudworking (Zugriff beide 27.3.2015).

[8] Nils Roijk, a.a.O., S. 12.

[9] Nils Roijk, a.a.O., S. 17 f.

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