BARGELD ABSCHAFFEN?


Britta Kuhn

Sina Kempfs Bachelor-Thesis erläutert, was für und gegen Bargeld spricht[1]

„Starökonomen“ wie Kenneth Rogoff wollen das Bargeld abschaffen. Länder wie Schweden sind schon dabei. Aber vor allem die Deutschen sträuben sich noch. Zu Recht?


Bargeldloser Zahlungsverkehr auf dem Vormarsch[2]

Die Digitalisierung schreitet auch im Zahlungsverkehr voran. Traditionelle Verfahren wie Kredit-/Debitkarten oder Online Banking werden immer bequemer und ihre Anbieter überbieten sich im Wettlauf gegen Hacker mit immer neuen Sicherheitsvorkehrungen. Mobile Zahlungsarten, das kontaktlose Übertragen von Finanzdaten und digitale Währungen wie Bitcoins genießen ebenfalls zunehmende Akzeptanz. Viele Vorteile liegen unmittelbar auf der Hand: bequem und einfach, schnell, jederzeitige örtlich und zeitlich verfügbar. Weitere Vorzüge könnten z.B. sein: Besserer Kundenservice (etwa durch Datenverknüpfung im Einzelhandel) oder weniger Inflation (etwa durch limitierte Bitcoins). Und doch wickelt Deutschland immer noch über 80% aller Bezahlvorgänge in bar ab, gegenüber „nur“ 46% in den USA oder 56% in Frankreich[3]. Warum nur? Sollte der Staat den Deutschen das Bargeld wegnehmen?

Wer profitiert von der Bargeldabschaffung?

Einflussreiche US-Ökonomen wie Kenneth Rogoff oder Lawrence Summer würden Bargeld gerne abschaffen. Ebenso europäische Volkswirte wie Willem Buiter oder Peter Bofinger[4]. Ihr Kernargument: Negative Nominalzinsen, also ein Strafzins für Sparer, lässt sich nur bargeldlos durchsetzen. Ansonsten horten nämlich Sparer in sicheren Ländern wie Deutschland ihr Geld zuhause. Strafzinsen beflügelten aber in Krisenzeiten die Wirtschaft, weil schuldenfinanzierte Investitionen umgekehrt bezuschusst würden. Neben privaten würden also auch staatliche Schulden bzw. Investitionen profitieren – ein von Keynesianern befürworteter Weg zu mehr Wachstum. Denn überhaupt werde weltweit zu viel gespart und zu wenig investiert, dadurch drohe eine „säkulare Stagnation“[5]. Weitere Argumente lauten von staatlicher Seite: Weniger Schattenwirtschaft im Allgemeinen, aber auch weniger spezifische Kriminalität durch z.B. Raubüberfälle und gefälschte Banknoten. Aus Händlersicht: Besseres Erkennen von Kundenwünschen und damit kundenspezifischere Angebote – siehe das US-amerikanische „Konsumententracking“ [6]. Auch Finanzdienstleister und IT-Anbieter profitieren, wenn jeder Mensch umfassend von ihren kostenpflichtigen Dienstleistungen abhängt.

Was spricht für Bargeld?

Liberale Ökonomen wie der „Wirtschaftsweise“ Lars Feld, aber auch die Deutsche Bundesbank, führen als wichtigsten Aspekt die persönliche Freiheit der Bürger an. Anonymität ist nach dieser Auffassung ein Gut, das vor unternehmerischem und staatlichem Zugriff zu schützen sei[7]. Die „Big Data-Debatte“ verdeutlicht, dass gerade in Deutschland viele Menschen „Datenkraken“ ablehnen. Aus rein volkswirtschaftlicher Sicht ist daneben die Enteignung von Sparern diskussionswürdig. Sie findet bereits traditionell statt aufgrund negativer Realzinsen, also Nominalzinsen unterhalb der Inflationsrate. Das erleichtert u.a. die Staatsverschuldung, verschärft also die faktische Abhängigkeit hochverschuldeter Regierungen von demokratisch nicht legitimierten „Institutionen“ aller Art. Welche Problematik dies verursacht, führt seit 2009/10 der Kampf zwischen griechischen Regierungen und EU, EZB und IWF vor Augen. Schließlich würde ein unerwünschtes Bargeldverbot die Flucht in Auslandswährungen und Warengeld wie Gold oder Wodka verstärken. Solange es ernsthafte Substitute gäbe, würde das Bargeldverbot also unterwandert.

Fazit und Ausblick

Mehrere Länder haben Barzahlungen über einem Grenzwert bereits verboten oder planen entsprechende Limits[8]. Auch wird der demografische Wandel das Bargeld zurückdrängen, weil jüngere Menschen i.d.R. weniger Sicherheitsrisiken bei mobilen Transaktionen befürchten[9]. In Deutschland dürfte es aber breiten Widerstand gegen die Bargeld-Abschaffung geben. Auch Volkswirte, die keine reinen Keynesianer sind, und/oder „Big Data“ kritisch sehen, werden für das Bargeld kämpfen. Bargeld erlaubt uns gegen alle totalitären Tendenzen des digitalen Zeitalters, wenigstens teilweise unbeobachtet und damit frei zu bleiben.

Quellen:

[1] Sina Kempf, „Bargeldlose Gesellschaft: Zukunftsszenarien und kritische Würdigung am Beispiel Deutschlands“, Bachelor Thesis, Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain, 28.8.2015.

[2] Soweit nicht anders angegeben ausführlich Sina Kempf, a.a.O., Kapitel 3.

[3] Sina Kempf, a.a.O., Kapitel 2, S. 2.

[4] Überblick: z.B. Christian Siedenbiedel, „Warum hängen wir so am Bargeld?“, Frankfurter Allgemeine Finanzen vom 31.5.2015, http://www.faz.net/aktuell/finanzen/digital-bezahlen/wieso-haengen-die-deutschen-so-am-bargeld-13620715.html (Zugriff 11.9.2015). Details: Z.B. Kenneth Rogoff, Costs and benefits to phasing out paper currency, 15.5.2014, http://scholar.harvard.edu/files/rogoff/files/c13431.pdf (Zugriff 11.9.2015).

[5] Grundlegend: Lawrence H. Summers, “U.S. Economic Prospects: Secular Stagnation, Hysteresis, and the Zero Lower Bound“, Keynote Address at the NABE Policy Conference, February 24, 2014. Business Economics Vol. 49, No. 2, http://larrysummers.com/wp-content/uploads/2014/06/NABE-speech-Lawrence-H.-Summers1.pdf (Zugriff 11.9.2015).

[6] Sina Kempf, a.a.O., v.a. S. 15 und 18 (Zitat).

[7] Reuters, „Bundesbank verteidigt Bargeld“, Handelsblatt vom 2.6.2015, S. 31. Umfassend aus Konsumentensicht: Sina Kempf, a.a.O., S. 16 f.

[8] Reuters, a.a.O.

[9] Sina Kempf, a.a.O., S. 16.

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Ein Gedanke zu „BARGELD ABSCHAFFEN?

  1. Bettina sagt:

    Das wäre ein weiterer Schritt zur Versklavung, wenn wir nicht mal mehr mit Geld einfach das machen können, was wir möchten. Wie gibt man jemandem Trinkgeld? Schwarzarbeit ade! Und was wird aus unserem persönlichen Bezug zum Geld, wenn es nur noch eine fiktive Zahl ist anstatt etwas „reales“?

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