„BESSER WACHSEN“ IN WIESBADEN


Britta Kuhn

„Wiesbaden findet Stadt“ ist eine Kooperation der Landeshauptstadt mit der Hochschule RheinMain und deren AStA. Im April hatte der Kopenhagener „Radler-Papst“ über moderne Mobilität referiert[1]. Im Oktober ging es bei mir um „Wirtschaftswachstum: Ist immer mehr auch immer besser?“ Brauchen Frauen z.B. Lust-Pillen?

Brauchen Frauen Lust-Pillen?

Laut klassischer und neoklassischer Volkswirtschaftslehre erzeugt jedes Angebot die notwendige Nachfrage. Jüngstes Beispiel für dieses Say’sche Theorem: Das in den USA kürzlich zugelassene Addyi soll durch seinen Wirkstoff Flibanserin die weibliche Libido fördern. Kritiker sagen: Zufriedenen Frauen, die einfach nur weniger sexuelles Verlangen als ihre Partner verspüren, wird ein Problem eingeredet und damit ein neuer Markt geschaffen. Doch wer zahlt die schädlichen Nebenwirkungen des Psychopharmakons und wird es wirklich zu glücklicheren Partnerschaften beitragen?[2] Macht also eine angebotsinduzierte Nachfrage eine Bevölkerungsmehrheit immer glücklicher?

Dies war nur eines der Themenfelder, die einen Widerspruch zwischen quantitativem Wachstum und Lebensqualität vermuten. Weitere Themenfelder des Abends betrafen Mobilität, Finanzmärkte und Arbeitwelt, jeweils vielfältig auf diesem Blog und im entsprechenden Sammelband „Besser Wachsen“ behandelt. Und warum das Bruttoinlandsprodukt nach wie vor alternative Wohlfahrts-Maßstäbe dominiert? Weil diese meist zu kompliziert sind, wie zwei aktuelle Beispiele aus Deutschland zeigten[3].

Spannungsfeld Wissenschaft und Politik

AStA-Moderator Alexander Rackwitz und ich waren uns einig, dass sich Volkswirte (wieder) politisch stärker einmischen sollten. Wie weit jedoch der Weg von der wissenschaftlichen Idee in die praktische Tagespolitik ist, zeigte die anschließende Diskussion: Wiesbadens Stadtkämmerer Rainer Emmel verwies z.B. auf den schwierigen Haushaltsausgleich in meinem Konzept, da die Steuereinnahmen ja traditionell vom Wachstum abhingen. Und im Umgang mit erhöhten Eigenkapital-Anforderungen benannte er die Probleme der Nassauischen Sparkasse, die sehr wohl zu einer Kreditklemme bei den örtlichen Handwerkern geführt habe. Breit angelegte historische Studien[4] widersprechen also dem lokalen Marktgeschehen. Stadtrat Helmut Nehrbaß fand das Konzept rückwärts orientiert und wollte u.a. die konkreten Auswirkungen eines schrumpfenden Flugverkehrs genau berechnet wissen. Hierbei argumentierte er stark regional (Fraport und Rhein-Main-Gebiet), während „Besser wachsen“ die Weltbevölkerung vor Augen hat.

Weitere Diskussionsteilnehmer behandelten u.a. Umweltprobleme (z.B. endliche Ressourcen oder drohende Klimakatastrophe), die Geldpolitik (die zumindest in den Industrieländern kein Wachstum mehr erzeuge), oder den Trend zu nicht-monetären Netzwerke (einer „Tätigkeitsgesellschaft“, die staatliche Aufgaben und Ausgaben teilweise ersetzt, wie derzeit in der Flüchtlingshilfe). Vertiefenswert war auch der Vorschlag, das Steueraufkommen weniger wachstumsabhängig zu gestalten und die gesamte Wertschöpfungskette nachhaltig zu gestalten. Die Steuerreform wäre eine gemeinsame Aufgabe von Steuerrechtlern und Volkswirten. Eine nachhaltige Wertschöpfung auf allen Stufen setzt m.E. einen Prozessverantwortlichen voraus, im Beispiel der Textilproduktion etwa große Einzelhandelsketten wie H&M.

Fazit der Autorin

Meine Ausführungen zu den ethischen Problemen der heutigen Marktgesellschaft fanden in der Diskussion keinerlei Widerhall. Zentral waren ökologische Fragen, nationales oder sogar örtliches Denken und die fehlende Popularität nachhaltiger Maßnahmen, die dann politisch schwer umzusetzen seien. Wissenschaft und Politik arbeiten also auf unterschiedlichem Terrain. Umso wichtiger ist ein regelmäßiger Austausch!


Quellen:

[1] Z.B. Birgit Emnet, „In welcher Stadt wollen wir leben?“, Verlagsgruppe Rhein Main vom 25.4.2015.

[2] Nina Weber, „Neues Mittel Flibanserin: Lustpille für Frauen – was man wissen sollte“, Spiegel-Online Gesundheit vom 19.8.2015, http://www.spiegel.de/gesundheit/sex/flibanserin-das-muessen-sie-zum-viagra-fuer-frauen-wissen-a-1048841.html (Zugriff: 16.10.2015).

[3] Vgl. https://besser-wachsen.com/2013/12/09/neuer-wohlstandsbegriff-fur-deutschland/#more-707 oder direkt Deutscher Bundestag, Schlussbericht der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“, Drucksache 17/13300 , 3.5.2013, S. 275, Abb. 81. Direkt zum Bürgerdialog vgl. https://www.gut-leben-in-deutschland.de/DE/Ueber/der-dialog-im-ueberblick/_node.html (Zugriff: 16.10.2015).

[4] Vgl. https://besser-wachsen.com/2014/01/24/bankenregulierung-20-30-eigenkapital-fur-alle-statt-vorschriftendschungel/ oder direkt Claudia M.Buch, und Esteban Prieto, „Do Better Capitalized Banks Lend Less? Long-Run Panel Evidence from Germany”. Tübingen 2012. S. 1 und 19, http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/volltexte/2012/6253/ (Zugriff 7.10.2013); David Miles, „Bank capital requirements: Are they costly?” VoxEU.org, 17.1.2013, http://new.voxeu.org/article/bank-capital-requirements-are-they-costly (Zugriff 7.10.2013).

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