MIGRATION ECONOMICS (1): BORJAS


Britta Kuhn

In der Flüchtlingskrise wetteifern Wirtschaftsforschungsinstitute mit widersprüchlichen Gutachten. Was sagen Migrationsforscher wie George Borjas, die das Thema seit Jahrzehnten bearbeiten?

Widersprüchliche Gutachten in der deutschen Debatte

Marcel Fratzscher vom DIW reagierte im Herbst 2015 als einer der Ersten auf die veränderte Flüchtlingspolitik der deutschen Bundeskanzlerin: Einwanderer seien für Deutschland ein gutes Geschäft, selbst im pessimistischen Szenario würden sie ab 2025 ihre Kosten wieder einspielen, im wahrscheinlichen Fall schon ab 2020, vielleicht sogar noch früher[1]. Schon 2014 hatte Holger Bonin vom ZEW im Auftrag der Bertelsmann Stiftung errechnet, dass die 2012 in Deutschland lebenden Immigranten in ihrem Leben durchschnittlich 22.300 € mehr an den deutschen Staat überweisen würden, als sie in Form von Transfers erhielten[2]. Dagegen verwies Hans-Werner Sinn vom ifo Institut auf fiskalische Nettokosten je Einwanderer und Jahr von 1.800 Euro[3]. Angesichts der Flüchtlingswelle veröffentlichte auch Bonin Ende 2015 weniger optimistischen Szenarien, die sein (Ex-)Chef Clemens Fuest im April 2016 zusammenfasste: 1 Mio. Flüchtlinge würden den deutschen Staatshaushalt mit einmalig 150-250 Mrd. € belasteten[4].

Die Unterschiede erstaunen kaum: Migrationsforschung ist ein kompliziertes Gebiet. Selbst ausgewiesene Experten ermitteln je nach regionaler, zeitlicher und Arbeitsmarkt-Eingrenzung gemischte Ergebnissen.

George J. Borjas: Forschung bietet vielfältiges Bild

Der gebürtige Kubaner gilt als führender US-Migrationsforscher. Sein jüngstes Buch „Immigration Economics“ analysiert die ökonomischen Aspekte der Einwanderung im aufnehmenden Arbeitsmarkt modelltheoretisch, ökonometrisch und anhand historischer Feldstudien. Dabei nutzt der Harvard-Ökonom praktisch sämtliche empirischen Studien, die in englischer Sprache veröffentlicht wurden, und zeigt deren widersprüchliche Ergebnisse auf. Ökonomische Modelle unterstellten z.B. immer steigende Löhne bei ergänzender (komplementärer) und sinkende Löhne bei ersetzender (substitutiver) Arbeit. Tatsächlich leuchtet es intuitiv ein, dass z.B. das Bäckerhandwerk in Deutschland mehr verdient, wenn die freien Stellen mit Syrern besetzt werden bzw. dass umgekehrt die Löhne für Paketlieferanten durch zusätzlich Konkurrenz aus dem Ausland sinken. Nach Borjas kommen empirische Arbeiten aber z.B. selbst für substitutive Arbeiter manchmal zu vernachlässigbaren oder sogar positiven Lohneffekten[5].

Weltweite Migration nützlich, Einwanderung in Einzelländer überschätzt

Den Nettonutzen der Einwanderung für einzelne Länder wie die USA hält Borjas für gering. Anders lägen die Dinge bei weltweiter Wanderung, soweit die „institutionelle und ökonomische Infrastruktur“ der entwickelten Länder trotz millionenfacher Immigration von Arbeitskräften in Takt bliebe: Anders als bei Einwanderung in einzelne Länder, welche die meisten Studien analysieren, gelte: „the ‘global immigration surplus’ is huge and seemingly could do away with much of world poverty”. Borjas Simulation zeigt, warum: Wenn die vielen armen Menschen dieser Welt in die bevölkerungsarmen reichen Länder wanderten, glichen sich die Löhne weltweit an. Es sänken aber nur die Löhne der wenigen vormals Reichen, während die Löhne der zahlreichen vormals Armen stiegen. Unter der (wichtigen!) Annahme einer unverändert guten Infrastruktur in reichen Ländern wüchse das weltweite BIP also umso stärker, je mehr Menschen wanderten[6]. Die nationale Einwanderungslösung der deutschen Bundeskanzlerin zwischen Mitte 2015 und Frühjahr 2016 beurteilte Borjas insofern kritischer als viele deutsche Ökonomen[7].

Hochqualifizierte und die zweite Generation

Den BIP-Beitrag hochqualifizierter Migranten überschätzen nach Borjas die meisten Studien, weil sie positive Humankapital-Externalitäten unterstellen. Das bedeutet, dass z.B. gut ausgebildete Immigranten die allgemeine Arbeitsproduktivität im Aufnahmeland beflügeln würden. Zwei Studien zur Entlassung jüdischer Mathematik- bzw. Physik-Professoren unter den Nationalsozialisten in Deutschland hätten aber z.B. nur stark negative externe Effekte für die studentische Produktivität gefunden, nicht für diejenige der bleibenden Kollegen[8].

Über Einwandererkinder ergab Borjas Literaturstudium, dass deren durchschnittliche Befähigung stark mit der Elterngeneration korreliere[9] – man denke in Deutschland an das durchschnittlich niedrigere Bildungsniveau türkischer Einwandererkinder im Vergleich zu Kindern, deren häufiger sehr gut ausgebildeten Eltern 1979 aus dem Iran flüchteten.

Antithesen zu Borjas und weitere Studien

Borjas kritische Haltung gegenüber Einwanderung blieb nicht widerspruchsfrei. Erst im April 2016 kritisierten David Card und Giovanni Peri Borjas Buch „Immigration Economics“ als einseitig[10]. Am 27.5.2016 stelle ich die Ergebnisse dieser beiden Migrationsforscher und weitere Befunde vor.


Quellen:

[1] Marcel Fratzscher und Simon Junker, „Integration von Flüchtlingen – eine langfristig lohnende Investition“, DIW Wochenbericht Nr. 45.2015, S. 1083-1087, Abb. 1, S. 86, https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.518252.de/15-45-4.pdf (Abruf 16.3.2016). Vgl. auch Marcel Fratzscher, „Die große Chance“, Handelsblatt vom 30.10.2015, S. 46-47.

[2] Holger Bonin, „Der Beitrag von Ausländern und künftiger Zuwanderung zum deutschen Staatshaushalt“, 2014, S. 1, https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/der-beitrag-von-auslaendern-und-kuenftiger-zuwanderung-zum-deutschen-staatshaushalt/ (Abruf 16.3.2016).

[3] Frankfurter Allgemeine Wirtschaft, „Migration ist ein Verlustgeschäft“, 29.12.2014, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/ifo-chef-sinn-migration-ist-verlustgeschaeft-fuer-deutschland-13344263.html (Abruf 16.3.2016).

[4] Holger Bonin, „Flüchtlinge willkommen!? Die Asylkrise aus volkswirtschaftlicher Perspektive“, 11.11.2015, https://www.uni-kassel.de/fb07/fileadmin/datas/fb07/5-Institute/IVWL/Frank/teaching/diverse_bf/151111_Asykrise_Bonin.pdf (Abruf 16.4.2016); Hermann J. Olbermann, Interview mit Clemens Fuest, „Der Einfluss ist fundamental“, Rotary Magazin für Deutschland & Österreich, April 2016, S. 70-73, S. 73, http://rotary.de/wirtschaft/der-einfluss-ist-fundamental-a-8804.html?seiteDrucken (Abruf 16.4.2016). Vgl. auch Clemens Fuest, „Fiskalische Last“, Handelsblatt vom 30.10.2015, S. 48-49.

[5] George J. Borjas, Immigration Economics, Cambridge/Mass. und London 2014, Kap. 3-5 und S. 257-275 (empirische Studien); S. 63 f. (Löhne substitutiver Arbeiter).

[6] George J. Borjas, a.a.O., S. 7 (Infrastruktur Aufnahmeländer); S. 161 (Zitat); Tab. 7.3, S. 166 (Simulation).

[7] Winand von Petersdorff, „Eine Million Flüchtlinge sind gewiss zu viel“, Frankfurter Allgemeine Wirtschaft vom 26.1.2016, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/migrationsforscher-george-borjas-eine-million-fluechtlinge-sind-gewiss-zu-viel-14031850.html (Abruf 16.3.2016).

[8] George J. Borjas, a.a.O., S. 170 f. (Externalitäten Hochqualifizierter); S. 180-183, v.a. Figure 8.3. auf S. 182 (Waldinger-Studien von 2010 bzw. 2012 zur NS-Zeit in Deutschland).

[9] George J. Borjas, a.a.O., S. 7 und Kap. 9.

[10] David Card und Giovanni Peri, „Immigration Economics: A Review“, April 2016, http://davidcard.berkeley.edu/papers/card-peri-jel-april-6-2016.pdf (Abruf 18.4.2016).

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