Agrarmarktspekulation auf dem Prüfstand


Britta Kuhn

Teresa Wolfs Bachelor-Thesis diskutiert die Effekte von Agrarmarktderivaten auf Nahrungsmittelpreise [1]

Führt der Handel mit Agrarmarktderivaten zu steigenden und/oder volatileren Nahrungsmittelpreisen? Oder verbessern diese Futures umgekehrt die Markteffizienz?


Emotionale Debatte

Die Nachfrage nach Agrarprodukten wie Weizen, Mais und Soja steigt: Die Weltbevölkerung, der Futtermittelbedarf, aber auch Bioenergie nehmen immer weiter zu. Unklar ist, ob die Entwicklung am Derivatemarkt ohne Einfluss auf die Basisprodukte ist oder ob die dortigen Preissteigerungen und -schwankungen verschärft. In den Medien spielt der Handel mit Agrarderivaten eine wesentlich größere Rolle als andere Finanzmarktkontrakte und die Debatte verläuft besonders hitzig. Erst Ende Februar 2016 scheiterte eine Volksinitiative in der Schweiz, die Spekulationsgeschäfte mit Nahrungsmitteln hatte verbieten wollen[2].

Unschädlicher Derivatehandel?

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) fand für zehn Agrarprodukte zwischen 2008 und 2013 keine empirische Evidenz dafür, dass der Handel mit Terminkontrakten die zugrundeliegenden Rohstoffpreise an den Kassamärkten beeinflusst hätte[3]. Pies, Universität Halle, untersuchte indexbasierte Agrarfonds und argumentiert, dass nicht Indexspekulation Preisschwankungen am Agrarmarkt verstärke, sondern umgekehrt veränderte Nachfrage- und Angebotsmengen der Basisprodukte zu erhöhtem Absicherungsbedarf führten. Daneben widerspricht er Kritikern von Long-Only-Indexfonds, die in Preissteigerungsspekulation eine Ursache für höhere Agrarmarktpreise sehen. Nach Pies wirkte die Konstruktion dieser Fonds nämlich z.B. preisstabilisierend, da Wertsteigerungen durch den Zukauf billigerer Titel kompensiert worden seien, um den jeweiligen prozentualen Wertanteil konstant zu halten. Auch verbessern seines Erachtens steigende Preise die Liquiditätsversorgung von Märkten. Er unterstützt seine Argumentation, dass Spekulation die Agrarmärkte nicht belaste, mit 35 empirischen Studien. Gerade deren Ergebnisse zeigen jedoch, wie uneinheitlich das Bild ist: Mit Volatilität befassen sich 17 Untersuchungen. Davon weisen elf keinerlei Einfluss aus und drei eine höhere Volatilität. Je eine Untersuchung nennt reale Gründe, methodische Probleme bzw. verringerte Volatilität. Einflüsse auf das Preisniveau der Agrarprodukte analysieren 27 Untersuchungen. Davon finden 18 keinen Einfluss, sechs eine Auswirkung und die restlichen drei andere Gründe[4].

Schädlicher Derivatehandel?

Bass, Hochschule Bremen, argumentiert im Auftrag der Nichtregierungsorganisation Foodwatch gegen Pies: Der Terminmarkt dominiere den Kassamarkt, Futurespreise stellten die Referenz für physische Geschäfte dar.  Die Methodik des IfW hinterfragt Bass ebenfalls: So reflektierten die genutzten Daten über Indexinvestments nur wöchentliche statt täglicher Schwankungen. Insgesamt beeinflusst seines Erachtens Spekulation an den Terminmärkten die Volatilität an den Spotmärkten sehr wohl. Allerdings räumt Bass ein, dass die Analyseergebnisse je nach Studie stark schwanken: Während Standardmodelle eher keinen Zusammenhang zwischen Terminmärkten und Preisschwankungen am Kassamarkt fänden, sei es bei ausgefeilteren Methoden umgekehrt[5]. Diesem Gesamtergebnis widerspricht jedoch eine Meta-Studie von Haase, Universität Basel, diametral: Danach fänden gerade Standardmodelle angesichts Spekulation mehrheitlich höhere Preisschwankungen bei Weizen, Mais und Soja. Qualitativ höherwertige Studien sähen dagegen keinen oder einen dämpfenden Einfluss[6].

Fazit: Transparenz statt Manipulation!

Von einem wissenschaftlichen Konsens hinsichtlich der (Un-)Schädlichkeit von Agrarmarktderivaten für die Nahrungsmittelpreise kann keine Rede sein. Vielmehr schlussfolgert die Thesis, dass je nach Methode, Betrachtungszeitraum und Definition von Spekulation „das Ergebnis in die eine oder in die andere Richtung gelenkt werden“ könne. Mehr Transparenz brächte insofern das weltweite Agrarmarktinformationssystem AMIS. Seine Daten sollen eines Tages alle relevanten Informationen enthalten und könnten dann Marktentwicklungen auf Basis einheitlicher Definitionen analysieren[7].


Quellen:

[1] Teresa Wolf, „Stabilisiert oder destabilisiert Spekulation die Agrarmärkte? Die jüngere Diskussion“, Bachelor Thesis, Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain, 11.3.2016.

[2] Gabi Ochsenbein, „Kein Verbot für Nahrungsmittel-Spekulation“, SWI vom 28.2.2016, http://www.swissinfo.ch/ger/abstimmung-schweiz–keine-spekulation-mit-nahrungsmitteln-/41978472 (Zugriff 16.4.2016).

[3] Karl Finger und Stefan Reitz, zitiert nach Teresa Wolf, a.a.O., S. 13 f.

[4] Ingo Pies, zitiert nach Teresa Wolf, a.a.O., S. 12-14 und Abbildung 4, S. 23.

[5] Hans Heinrich Bass, zitiert nach Teresa Wolf, a.a.O., S. 15-18.

[6] Marco Haase, zitiert nach Teresa Wolf, a.a.O., S. 18.

[7] Teresa Wolf, a.a.O., S. 19 f., Zitat S. 19. Detailliert zum AMIS: http://www.amis-outlook.org/amis-about/en/ (Zugriff 16.4.2016).

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