KUNDEN KÖNNEN OBSOLESZENZ VERRINGERN


Britta Kuhn

Ist die Wegwerfgesellschaft ein Auslaufmodell? Dieser Frage widme ich mich in der Zeitschrift WISU[1]. Noch ausführlicher antwortet die Bachelor-Thesis von Franziska Pilz[2].

Obsoleszenz-Arten am Beispiel von Notebooks[3]

Der lateinische Begriff steht für Abnutzung, die natürlich oder künstlich sein kann. In der aktuellen Debatte geht es um werkstofflichen, funktionalen, psychologischen und ökonomischen Verschleiß. Zum Beispiel halten viele Notebooks werkstofflich kürzer als möglich, weil ihre Software keine Hinweise gibt, dass und wie die Lüftung zu reinigen ist. Funktional werden ständige Aktualisierungen der Software verlangt, für die dann bald die Hardware nicht mehr genügt. Psychologisch verringert der Trend zu ständig neuen Kleingeräten wie Tablets die Nutzungsdauer. Ökonomisch lohnen sich Reparaturen häufig nicht, da Ersatzteile fehlen oder (wie die Arbeitszeit in Deutschland) teurer sind als neue Notebooks aus Fernost-Produktion.

Initiativen für langlebige Konsumgüter[4]

Frankreich kann seit 2015 geplante Obsoleszenz mit Haft- oder Geldstrafen sanktionieren. Allerdings müssen Kunden den Klageweg beschreiten. Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss will Produzenten dazu bewegen, freiwillig die Reparaturkomplexität zu verringern, die Mindestlebensdauer anzugeben und Gütesiegel einzuführen. Schon seit 2006 zertifiziert zum Beispiel ONR 192102 reparaturfreundliche Produkte, die mindestens 10 Jahre halten. In Deutschland verleiht die Firma HTV ein Haltbarkeitssiegel. In Repair Cafés helfen Ehrenamtliche den Gästen, Geräte zu reparieren – ähnlich wie die wachsende Zahl der Internet-Foren. Im Rahmen der Sharing Economy entstehen ständig neue (digitale) Plattformen und (analoge) Börsen, bei denen Konsumenten Gebrauchtes kaufen, tauschen oder teilen. Schließlich fördert der Trend zur Kreislaufwirtschaft Langlebigkeit.

Warum ist die Wegwerfgesellschaft noch nicht in der Tonne?[5]

Die genannten Initiativen haben den gesellschaftlichen Mainstream noch keineswegs durchdrungen. In den gesättigten westlichen Konsummärkten lässt sich der massive Renditedruck vor allem institutioneller Investoren nur durch kurze Produktlebenszyklen erfüllen. Dabei helfen intransparente Märkte und professionelles Marketing: Die Verbraucher erhalten das Gefühl, ständig Neues zu benötigen. Daneben verwies schon während der Weltwirtschaftskrise ein Vordenker der geplanten Obsoleszenz auf deren positive Beschäftigungseffekte[6]. Zwar wurde diese Argumentation vielfach widerlegt, sie hält sich aber hartnäckig in der volkswirtschaftlichen Standardlehre. Bisher leider kaum eine politische Rolle spielen zumindest in Deutschland: Der Kaufkraftentzug des vorzeitigen Verschleißes für breite Bevölkerungsschichten, die damit verbundene unnötige Mehrarbeit sowie dramatische Umweltbelastungen, gerade auch in armen Ländern wie Ghana.

Quellen:

[1] Britta Kuhn, „Obsoleszenz“, wisu – das wirtschaftsstudium 12/16, S. 1325.

[2] Franziska Pilz, „Obsoleszenz: Die Kontroverse und Alternativen“, Bachelor Thesis, Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain, 25.8.2016.

[3] Franziska Pilz, a.a.O., Kapitel 2-3 oder auch Siddharth Prakash, Günther Dehoust, Martin Gsell, Tobias Schleicher, Prof. Dr. Rainer Stamminger, „Einfluss der Nutzungsdauer von Produkten auf ihre Umweltwirkung: Schaffung einer Informationsgrundlage und Entwicklung von Strategien gegen „Obsoleszenz“, Gutachten im Auftrag des Umweltbundesamtes, Februar 2016, v.a. S. 64 f., 173 f., 181-186, http://www.umweltbundesamt.de/publikationen/einfluss-der-nutzungsdauer-von-produkten-auf-ihre-1 (Zugriff 1.9.2016).

[4] Franziska Pilz, a.a.O., Kapitel 5-6

[5] Franziska Pilz, a.a.O., Kapitel 4.

[6] Bernard London, „Ending the Depression Through Planned Obsolescence“, 1932, http://www.murks-nein-danke.de/blog/download/London_(1932)_Ending_the_depression_through_planned_obsolescence.pdf (Zugriff 1.9.2016). Bei Franziska Pilz, a.a.O., S. 9 f.

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