INDIENS GESCHICHTE FÜR ANFÄNGER

 

Britta Kuhn

Frühe Hochkulturen, Hinduismus, Islam und Kolonialmächte prägten den Subkontinent. Viele Einflüsse verschmolzen, andere provozieren bis heute Konflikte.[1]

Frühe Hochkulturen

Schon im dritten und zweiten Jahrtausend v. Chr. herrschten Könige und Großkönige (Rajas und Maharajas) über Städte mit Backsteinhäusern und Kanalisation. Ab 1500 v. Chr. wanderten die Arier von Nordwesten ein. Sie waren den indigenen Draviden überlegen und bildeten die Kastenordnung aus. Daneben hinterließen die Arier mit den Veden einen bedeutenden Wissensschatz. Er verschmolz im Hinduismus über Jahrtausende mit den religiösen und sozialen Vorstellungen der ursprünglichen Bewohner Indiens.

Im 3. Jahrhundert v. Chr. gründete der buddhistische Ashoka das erste indische Großreich auf Basis religiöser Toleranz und einer ausgedehnten Reichsverwaltung. Im 4.-6. Jahrhundert n. Chr. erreichte das Gupta-Reich eine Vormachtstellung und kulturelle Blüte. Beispielsweise erklärte der Astronom Aryabhata rund 1.000 Jahre vor Galilei, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Ab dem 8. Jahrhundert eroberten Muslime indisches Gebiet.

Muslimische (und indigene) Großreiche

Der erste türkische Sultan Mahmud von Ghazna herrschte ab 999. Seine Kavallerie war den indischen Fußheeren und Elefanten überlegen. An seinem Hof wirkten Künstler und Wissenschaftler (z.B. der Epiker Firdausi bzw. der Mathematiker Al Biruni). Mehr als 300 Jahre (1206-1526) dominierte das Sultanat von Delhi: Seine größte Ausdehnung erreichte es um 1330, indem es mongolische Invasoren abwehrte und viele hinduistische Königreiche des Südens zu Vasallen machte. Zwar entwickelte sich das Hindu-Reich Vijayanagar (Siegesstadt) ab 1340 zum Widerstandszentrum gegen den Islam. Ständige Kriege und Zerfallserscheinungen auf allen Seiten schafften aber Raum für frühe europäische Seemächte.

Bis zur vollständigen Machtübernahme der Briten vergingen weitere gut 300 Jahre: Islamische Moguln beherrschten große Teile Nord- und zeitweise auch Südindiens. Unter Akbar (1556-1605) herrschte religiöse Toleranz, so dass indische und arabisch-persische Kulturelemente verschmolzen – z.B. in Sprache (Urdu) und Baukunst (Tadch Mahal). Der letzte bedeutende Großmogul Aurangzeb (1658-1707) erreichte die maximale Ausdehnung nach Süden. Dadurch bröckelte aber seine Macht im Norden. Als fanatischer Moslem verfolgte er zudem die Hindus, was zu Kämpfen führte und den Aufstieg anderer Mächte begünstigte – neben den Briten vor allem der Marathen. Diese vermutlich indigenen Bewohner einte Shivaji Bhonsle (1630-1680) zur indischen Großmacht. Sie wurde von einem Peshwa (erster Minister) regiert. Uneinigkeit schwächte aber auch die Marathen ab Ende der 1770er Jahre.

Kolonialmächte

1498 fand Vasco da Gama den Seeweg nach Indien. Als erste Europäer bildeten dort folglich die Portugiesen Handelsstützpunkte. Schon 1534 wurde Goa ihre asiatische Hauptstadt, die sie erst 1961 (nach indischer Invasion) verließen. Portugal war also die erste und letzte Kolonialmacht auf dem Subkontinent! Später folgten Briten, Niederländer, Franzosen und Dänen.

Im Westen weitgehend bekannt ist die britische Kolonialgeschichte Indiens: 1600 wurde die Ostindische Kompanie gegründet. Sie sicherte über Madras, Bombay und Kalkutta ab 1639, 1661 bzw. 1696 zunächst den Handel. Anschließend übernahm sie schrittweise auch die politische Kontrolle. Allein in vier Kriegen gegen Frankreich und in drei Kriegen gegen die Marathen eroberten die Briten ab Mitte des 18. Jahrhunderts viel Gebiet. Den letzten Peshwa der Marathen setzen sie 1817 ab. Nach dem Großem Aufstand der Sepoys (indischer Söldner) 1857/58 wurde die Ostindische Kompanie aufgelöst und Indien britisches Vizekönigreich. Königin Viktoria nahm 1877 sogar den Titel „Kaiserin von Indien“ an. Die traditionellen indischen Fürstenstaaten hatten im hierarchischen System der British Raj kaum Mitbestimmungsrechte.

Nationalbewegung

Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der britischen Kolonialpolitik waren für die meisten Inder verheerend. Ihre gebildete und europäisierte Oberschicht strebte deshalb ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Regierungsbeteiligung. 1885 entstand der National-Kongress, die spätere Kongresspartei. Ab 1919 dominierte Mohandas Karamchand „Mahatma“ (Hochherziger) Gandhi den National-Kongress bis zu seiner Ermordung 1948 durch einen Hindu. Gandhi kämpfte u.a. mit gewaltlosen Feldzügen für Indiens Unabhängigkeit. Die Briten reagierten einerseits mit mehr politischer Teilhabe – ab 1919 in den Provinzen, ab 1935 auch auf zentraler Ebene. Andererseits förderten sie gezielt die Muslim-Liga. Das schwächte, wie beabsichtigt, den National-Kongress, beschleunigte aber auch den folgenreichen Bruch zwischen Hindu und Muslimen. Deren Anführer Mohammed Ali Jinnah fordert 1940 einen unabhängigen Staat Pakistan.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs wollten die geschwächten Briten ihre Kolonien so schnell wie möglich unabhängig machen. Eine Übergangsregierung bereitete auch Indiens Selbständigkeit vor. Verhärtete Positionen zwischen Muslim-Liga und National-Kongress trieben Indien mehrfach an den Rand des Bürgerkriegs. Die Konflikte zwangen die Briten zu einer schnellen Teilung. Indien wurde 1947 unabhängig, Jawaharlal Nehru Ministerpräsident einer föderalistischen Demokratie mit starker Zentralgewalt. Sie ist theoretisch säkular, d.h. weltlich und religiös tolerant.

Riesige Demokratie mit großen Herausforderungen

Wichtige indische Ministerpräsidenten waren bzw. sind neben Nehru (Kongresspartei, bis 1964), seine Tochter Indira Ghandi (Kongresspartei, mehrfach zwischen 1966 und bis zu ihrer Ermordung 1984 durch Sikhs), Manmohan Singh (Kongresspartei, 2004-2014) und Narendra Modi (seit 2014, Bharatiya Janata Party BJP). Nehru verfolgte eine sozialistisch orientierte Wirtschaftspolitik, indem er u.a. Schlüsselindustrien verstaatlichte. Ab 1990 führte die wirtschaftliche Liberalisierung zu jährlichen Wachstumsraten von 8-9%, die allerdings nur auf einzelnen Branchen wie IT beruhten. Seit 2014 will Modi den Wirtschaftsstandort mit der Strategie „Make in India“ stärken.

Außen- und innenpolitische Konflikte begleiten den Subkontinent bis heute: Gegen Pakistan gab es mehrere Kriege, der Streit um Kaschmir sorgt weiterhin für Spannungen zwischen beiden Atommächten. (Kaschmir gehört zu Indien, ist aber mehrheitlich muslimischen Glaubens.) China besetzte 1959 Tibet, der Dalai Lama lebt seither in Indien. Bangladesch ging 1971 aus Ost-Pakistan hervor, Grenzstreitigkeiten mit Indien blieben an der Tagesordnung.

Innenpolitisch lassen sich die diversen Ethnien, Sprachen und Religionen nur mühsam integrieren. Beispiel Sprachen: Indien verfügt über 22 Nationalsprachen![2] Hindi ließ sich nicht überall vermitteln, Englisch ist bis heute die Verkehrssprache des Landes. Dies erleichterte allerdings im höheren Bildungsbereich vieles, z.B. die Herausbildung weltbekannter Eliteuniversitäten oder einer globalen IT-Industrie. Beispiel Religionen bzw. deren politische Instrumentalisierung: 78% Hindus, 14% Muslime, je rund 2% Christen bzw. Sikhs, unter 1% Buddhisten bzw. Jains (Zensus 2011) leben bis heute nicht immer friedlich zusammen. Massaker, Flucht und Umsiedlung prägten v.a. das Verhältnis zwischen Hindus und Muslimen. So gehört Modi der hindu-nationalistischen BJP an; seit den 1920er Jahren sieht der gewaltbereite RSS (Nationaler Freiwilligenbund Rashtriya Swayamsevak Sangh) in indischen Muslimen den Hauptfeind; z.B. im Pundjab führten separatistische Bewegungen zeitweise zu bürgerkriegsähnlichen Kämpfen zwischen Hindus und Sikhs. Schließlich kämpft Indien gegen Überbevölkerung, gegen die Diskriminierung von Frauen aus unteren Gesellschaftsschichten[3] und gegen das Kastensystem[4]. Es wurde 1950 offiziell abgeschafft, ist aber bis heute präsent.


Quellen:

[1] Hermann Kinder und Werner Hilgemann, „dtv-Atlas zur Weltgeschichte, Band 1“, München 1964 oder später (keinerlei Aktualisierung seit 1964!), S. 43, 211, 221, 229, 274 f.; dieselben, „dtv-Atlas Weltgeschichte, Band 2“, München 2015 (neueste und erweiterte Auflage), S. 367, 447, 602 f.; Karen Schreitmüller, „Indien – Der Süden“, Dumont Reise-Handbuch, 4. aktualisierte Aufl., Ostfildern 2019, S. 35-55 und 64 f.

[2] Wichtige Sprachengruppen: 1. Indoarische Sprachen (v.a. in Nord- und Zentralindien, z.B. Hindi, Marathi und Konkani); 2. Dravidische Sprachen (v.a. in Südindien, z.B. Tamil, Telugu, Kannada, Malayalam); 3. Tibeto-birmanische Sprachen.

[3] Beispiele: Mitgiftmorde, kein Zugang zu Bildung, Vergewaltigungen (von den arrangierten Ehen ganz abgesehen). Erste Quotenregelungen für Frauen existieren auf kommunaler Ebene.

[4] Kastenystem Varna, die jahrtausendealte Ständeordnung der Arier: Der Mund ist der Brahmane (Priester), die Arme sind die Kshatriya (Krieger), die Schenkel die Vaishya (Händler), die Füße die Shudra (Diener). Später kamen die Unberührbaren dazu (Dalits und dunkelhäutige indigene Einwohner). Sie dienen niederen bzw. „unreinen“ Arbeiten. Zu den ehemals Unberührbaren („scheduled casts“) gehören heute 16% der Bevölkerung. Für sie gelten entsprechende Quoten, z.B. im Parlament oder bei Arbeitsplätzen. Die flexiblere Gesellschaftsordnung Jati gilt für gleiche Berufsgruppe, Namen oder Traditionen. Hier kann man wechseln, oben nicht.

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