INDIENS POTENZIAL

Britta Kuhn

Adam Robert benennt in „Superfast Primetime Ultimate Nation“ vier politische Aufgaben, um Indien zur politischen und wirtschaftlichen Supermacht zu entwickeln.[1]

Erstens „Superfast“: Volkswirtschaft deregulieren

Indiens Wirtschaft brauche mehr Humankapital und weniger Staatsversagen bzw. Bürokratie, findet der ehemalige Economist-Journalist Robert. Als Vorbild nennt er die Provinz Gujarat. Bisher arbeite der Großteil der Bevölkerung im Dienstleistungsbereich, nicht in der (wachstumsstärkeren) Produktion. Das Land benötige mehr Hochqualifizierte und Technischen Fortschritt.[2]

Zweitens „Primetime“: Dem Volk dienen

In der Politik müssten Familiendynastien wie die Gandhis und Korruption schwächer, die Demokratie dagegen stärker werden. Indiens Hauptprobleme lägen in Umweltzerstörung und Frauen-Benachteiligung. Zum Beispiel seien zwischen 1980 und 2010 schätzungsweise 12 Mio. Mädchen abgetrieben worden und weitere rund 11 Mio. Mädchen zwischen 7 und 15 Jahren durch Vernachlässigung oder Schlimmeres gestorben. In Bengalen würden Mütter ihre weiblichen Säuglinge vergiften, indem sie vor dem Stillen Salz auf ihre Brüste rieben. Laut McKinsey Global Institute wäre die indische Wirtschaft 60 Prozent größer, wenn Frauen bezahlte und produktivere Tätigkeiten ausüben könnten, weil sie gesünder und besser ausgebildet seien.[3]

Drittens „Ultimate“: Global Player werden

Die Außenbeziehungen zu Pakistan, China und den USA müsse Indien dringend verbessern. Statt sich mit Pakistan fortlaufend Konflikte zu liefern, sollten beide Länder mehr miteinander handeln und sich auf den chinesischen Rivalen konzentrieren. Militärisch werde Indien noch einige Jahrzehnte hinter China herhinken. Umso wichtiger sei es, die Beziehung zu den USA zu vertiefen, der regionalen Hegemonialmacht. Die Voraussetzungen dafür seien gut, da in den USA über 3 Mio. Inder lebten und China ein gemeinsamer Gegner sei.[4]

Viertens „Nation“: Gesellschaftliche Stabilität bewahren

Indiens große Stärke sieht der Autor im säkularen (d.h. in religiösen Fragen neutralen) Staat. Dieser religiöse Liberalismus sei unter Modi in Gefahr und müsse verteidigt werden. Ausführlich schildert er die destruktiven Kraft religiöser Konflikte in Indien, vor allem Übergriffe der dominierenden Hindu gegenüber Muslimen.[5]

Fazit und Kritik

Robert sieht in Indien enormes Potenzial, aber auch viele Herausforderungen. Er beschreibt, wie stark sich der Subkontinent in der Wirtschafts-, Innen-, Außen- und Gesellschaftspolitik nach vorne bewegen sollte. Dabei versteckt er kompakte Daten und interessante Informationen zwischen oft ermüdend langen, persönlichen Anekdoten. Auch ist das um Originalität bemühte, dafür leider gekünstelte Economist-Englisch für deutsche Leser teilweise unverständlich. Schließlich verzichtet der nicht mehr ganz aktuelle Text, geschrieben im Jahr 2016, auf Kapitelzusammenfassungen, wiederholt sich und wirkt unangemessen detailliert und ich-bezogen.[6] Dennoch lernen Indien-Anfänger einiges über die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Lage des Landes.

[1] Adam Robert, Superfast Primetime Ultimate Nation. The Relentless Invention of Modern India. Profile Books, London 2017.

[2] Vgl. Robert, a.a.O., Teil 1, Kapitel 1-5.

[3] Vgl. Robert, a.a.O., Teil 2, Kapitel 6-10. Frauen-Benachteiligung: Kap. 9, v.a. S. 136 (Todesfälle) und S. 149 (McKinsey Global Institute).

[4] Vgl. Robert, a.a.O., Teil 3, Kapitel 11-13.

[5] Vgl. Robert, a.a.O., Teil 4, Kapitel 14-17.

[6] Kompakte Daten zwischen persönlichen Anekdoten: z.B. Kapitel 1 (Detailreiche Eindrücke einer Bahnreise enthalten auf S. 13 Mitte – 16 oben einen interessanten Exkurs zur Wirtschaftsgeschichte); Wiederholungen: z.B. die 46 Mrd. USD chinesischer Investitionen in Pakistan in Kap. 11 und 12; Unangemessen detailreich und ich-bezogen: z.B. auf S. 213 der Hinweis, das Narendra Modi den Autor auch mal umarmt habe.

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