Droht die Große Depression?


Britta Kuhn

Die Corona-Pandemie stellt alle Rezessionen seit 1945 in den Schatten. Wirtschaftshistorische Studien geben aber Entwarnung, v.a. bei gezielter Pandemiebekämpfung.

Angebots- UND Nachfrageschock

Die Corona-Krise zeigt eine neue Qualität: Erstens brachen im Frühjahr 2020 Produktion und Verbrauch fast gleichzeitig zusammen. Zweitens ist die gesamte Weltwirtschaft betroffen. Frühere Krisen betrafen vornehmlich die Nachfrage (z.B. Finanzkrise 2008 ff.) oder das Angebot (z.B. Ölkrise 1973 ff.) bzw. wirkten regional (z.B. Asienkrise 1997) oder sektoral (Dotcom-Blase 2000) begrenzt. Schon im April 2020 kamen deshalb Vergleiche mit der Großen Depression auf, die von 1929-1934 dauerte. Prognostizierte BIP-Wachstumsverluste bis zu 20,6 Prozentpunkte allein in diesem Jahr sorgten für Schlagzeilen (Dorn 2020). Dieses Extremszenario des Ifo-Instituts ging von einer relativ langen wirtschaftlichen Einschränkung aus. Auch alle anderen Prognosen stehen und fallen mit der Länge und Intensität der Pandemie bzw. politischer Begleitmaßnahmen.

Vergleich mit früheren Krisen und Pandemien

Obwohl es für COVID-19 keine validen Vorbilder gibt, hilft ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte:

  • In 18 Industrieländern kam es zwischen 1870 und 2016 in nur 1,8% der Fälle zu einem BIP-Einbruch von über 10%. Diese Rückgänge waren hauptsächlich kriegsbedingt und die Erholung dauert durchschnittlich fünf Jahre. Ab 1960 und bei BIP-Minderungen von mehr als 5% verringerte sich die Erholungsdauer auf vier Jahre (The Economist 2020).
  • Der Pest fiel zwischen 1347 und 1351 mindestens ein Drittel aller Europäer zum Opfer. Dies erhöhte Pro-Kopf-Einkommen und Löhne, Produktivität und Urbanisierung, sowie Angebot und Nachfrage von Industriegütern (Voigtlander und Voth 2013).
  • Der Spanischen Grippe erlagen 1918/19 mindestens 40 Mio. Menschen, darunter außergewöhnlich viele jüngere Menschen zwischen 15 und 44 Jahren. In den USA starben 675.000 Menschen an dieser Pandemie, die große und robust positive Auswirkungen auf das Pro-Kopf-Wachstum der US-Bundesstaaten hatte (Brainerd und Siegler 2003). Allerdings überrascht kaum, dass die Überlebenden (zwangsläufig?) produktiver wurden. Speziell im Fall der Spanischen Grippe gab es zudem Aufholeffekte der kriegsbedingten BIP-Einbrüche. Auch deshalb wird vermutet, dass sich die Wirtschaft von der Corona-Pandemie langsamer und schlechter erholen könnte (Asquith 2020).
  • Selbstverständlich wirkten historische Pandemien regional unterschiedlich (Alfani 2013) und auch jüngere Wirtschaftskrisen weisen statistische Ausreißer auf. So hatte Italien bis zur Corona-Krise noch nicht sein reales BIP von 2008 wiedererlangt (The Economist 2020).

Gezielte Pandemiebekämpfung hilft

Während der Spanischen Grippe litten US-Städte mit und ohne politische Begleitmaßnahmen zur Pandemiebekämpfung gleichermaßen unter wirtschaftlichen Einbrüchen – allerdings nur kurzfristig. Mittelfristig trugen „nicht-pharmazeutische Interventionen“ zur ökonomischen Erholung bei (Correia et al. 2020). Während der COVID-19-Pandemie wurde für die USA geschätzt, dass differenzierte Lockdowns die Infektionszahlen und ökonomischen Verluste minimieren könnten. Zielgruppe der strengsten Einschränkungen wären Risikogruppen und Ältere (Acemoglu et al. 2020).

Insgesamt gilt also: Eine zweite Große Depression erscheint unwahrscheinlich. Zumal die Politik keinen zweiten, flächendeckenden Lockdown beschließen dürfte und die aktuellen geld- und fiskalpolitischen Stimulierungsmaßnahmen historisches Ausmaß erreichen.


Literaturverzeichnis:

Alfani, Guido (2013): Plague in seventeenth-century Europe and the decline of Italy: an epidemiological hypothesis. In: European Review of Economic History 17 (4), S. 408–430.

Asquith, Brian (2020): What Can We Learn From the 1918 Pandemic? Careful Economics and Policy Lessons From Influenza. Upjohn Institute for Employment Research (Policy Paper, 2020-022).

Brainerd, Elizabeth; Siegler, Mark V. (2003): The Economic Effects of the 1918 Influenza Epidemic (CEPR Discussion Paper, 3791).

Correia, Sergio; Luck, Stephan; Verner, Emil (2020): Pandemics Depress the Economy, Public Health Interventions Do Not: Evidence from the 1918 Flu.

Dorn, Florian et al. (2020): Die volkswirtschaftlichen Kosten des Corona-Shutdown für Deutschland: Eine Szenarienrechnung (ifo Schnelldienst, Vol. 73, Iss. 04, S. 29-35).

The Economist (2020): Free exchange. From V to victory, 21.03.2020, S. 62.

Voigtlander, Nico; Voth, Hans-Joachim (2013): The Three Horsemen of Riches: Plague, War, and Urbanization in Early Modern Europe. In: The Review of Economic Studies 80 (2), S. 774–811.

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