Explodiert bald die Inflation?

Britta Kuhn

In der Corona-Pandemie lockert die EZB ihre Geldpolitik nochmals enorm, um das BIP-Wachstum zu stimulieren. Dass dies Inflation produziert, ist aber unwahrscheinlich.

Umstrittene Inflationsmessung

Inflation hat viele Ursachen und wird unterschiedlich gemessen. Im Euroraum z.B. durch den harmonisierten Verbraucherpreisindex, also die Preisentwicklung eines typischen Warenkorbs, der dem Konsum dient. Vermögenspreisblasen oder ungenutzte Liquidität ändern diese Preise zunächst nicht, schwankende Energiepreise dagegen schon. Vielleicht auch deshalb lässt sich die klassische Quantitätstheorie empirisch nur für lange Zeiträume und Länder mit jährlichen Inflationsraten ab 12% belegen.[1] Diese Theorie besagt stark vereinfacht: Wenn sich die Geldmenge verdoppelt, Geldnachfrage und Wertschöpfung aber konstant bleiben, verdoppelt sich auch das Preisniveau.

Inflationstreiber in der Krise[2]

Angebotsseitig verteuern erstens Abschottung und Glokalisierung die Fertigung. Denn die Produktion vor Ort ist häufig teurer als ein Import, z.B. beim Mund-Nasen-Schutz. Zweitens entsteht durch Corona-Einschränkungen oft zusätzlicher Aufwand, z.B. durch Hygieneauflagen in Friseurgeschäften. Drittens fördert die allgemeine Konsolidierungswelle die Preismacht von Großunternehmen. Viertens stärkt auch der spezielle Digitalisierungsschub die Macht großer Plattformen wie z.B. sozialen Netzwerken. Weniger Wettbewerb treibt auch hier die Preise.

Nachfrageseitig wirkt erstens die geldpolitische Stimulierung preistreibend. Z.B. fördern höhere Prämien für eine Kreditaufnahme (TLTRO oder Targeted longer term refinancing operations) den Konsum. Dies gilt auch für die fiskalpolitische Stimulierung, z.B. die im deutschen Konjunkturpaket enthaltene Mehrwertsteuersenkung. Schließlich trägt kollektive Panik zu Preisspiralen bei. Man denke an Desinfektionsmittel, für die einige Menschen im Internet zeitweise Mondpreise bezahlten.

Inflationsbremser in der Krise

Angebotsseitig sinken die Preise (Deflation) oder steigen langsamer als zuvor (Desinflation), weil erstens Lockerungen der Corona-Beschränkungen die Globalisierung wieder in Fahrt bringen, z.B. in Produktion und Tourismus. Zweitens stieg der Technischen Fortschritt in der Krise sprunghaft. Digitale Angebote wie E-Books sind regelmäßig billiger, allgemein wirkt technischer Fortschritt eher preisdämpfend. Drittens führte das Rohstoff-Überangebot in der Krise zeitweise sogar zu negativen Ölpreisen, weil die randvollen Lager keine weiteren Lieferungen aufnehmen konnten.

Nachfrageseitig bremsen erstens Arbeitslosigkeit bzw. Kurzarbeit den Preisanstieg, weil das verfügbare Einkommen sinkt. Zweitens verringern Corona-Beschränkungen z.B. im Tourismus schlicht die Konsummöglichkeiten. Drittens hemmen Pessimismus und Angst die Konsumlust unter dem Strich – das können Hamsterkäufe von Toilettenpapier und Konservendosen nicht aufwiegen.

Per Saldo kein Inflationsanstieg in Sicht

Deutschlands Inflationsrate lag zwischen 2010 und 2019 durchschnittlich bei nur 1,3%“[3] und damit unter dem Ziel von bisher 2%. Aktuell vermutet die COVID-19-Wirtschaftsforschung einen „keynesianischen Angebotsschock[4], bei dem die Nachfrage stärker sinkt als das Angebot. Entsprechend niedrig sind die Inflationserwartungen im Euroraum.[5] Speziell in Deutschland kommt hinzu, dass Inflation aus historischen Gründen besonders unbeliebt ist. In der Hyperinflation der 1920er Jahre und der Währungsreform 1948 verloren Kleinsparer ihr gesamtes Vermögen.[6] Es dürfte dem Euroraum insofern eher wie Japan ergehen: Dort sind Geld- und Fiskalpolitik schon lange ultraexpansiv. Die japanische Inflation erreichte aber in den letzten zehn Jahren nur durchschnittlich 0,5%. Darunter gab es sogar vier Jahre mit Deflation.[7]

Fazit der Autorin

Angesichts dauerhaft niedriger Inflationsprognosen erscheint bemerkenswert, dass die großen Notenbanken ihre Inflationsziele derzeit flexibilisieren. Den Anfang machte die US-Fed im August. Average inflation targeting wird auch im Euroraum diskutiert. Dann wären nicht mehr 2% die Zielmarke, sondern mehr oder weniger als 2% in einem nicht näher definierten Zeitraum. Schon 2010 schlug u.a. der einflussreiche Ökonom Blanchard sogar ein Inflationsziel von 4% vor.[8] Es wäre wohl nur mit geld- und fiskalpolitischen Lockerungen erreichbar, die noch viel weiter reichten als in der „Vorreiter“-Volkswirtschaft Japan. Oder Inflation müsste anders gemessen werden.


Quellen:

[1] Pedro Teles/Harald Uhlig/João Valle e Azevedo, Is Quantity Theory Still Alive?, in: The Economic Journal 126 (591), 2016, S. 442–464, v.a. S. 444 f.

[2] Überblicksartig und teilweise ähnlich zu Inflationstreibern und -bremsern: Britta Kuhn, Wer bezahlt die Corona-Krise?, in: WBS-Highlights 2020, S.24–31, S. 26 f. (download über Hochschulseite); Hans C. Müller/André Schorn, Kommt jetzt die Inflation?, in: Handelsblatt Nr. 97, 20.5.2020, S. 24 f.

[3] Inflation, consumer prices (annual %), https://data.worldbank.org/indicator/FP.CPI.TOTL.ZG?end=2019&start=1997&view=map&year=2019 (11. 9. 2020).

[4] Veronica Guerrieri/ Guido Lorenzoni/ Ludwig Straub/Iván Werning, Macroeconomic Implications of COVID-19: Can Negative Supply Shocks Cause Demand Shortages? Cambridge, MA (NBER Working Paper, 26918, 2020).

[5] Asshoff et al. fanden nur kurzfristig steigende, aber mittelfristig niedrige Inflationserwartungen. Vgl. Sina Asshoff/Ansgar Belke/Thomas Osowski, Unconventional monetary policy and inflation expectations in the Euro area, CEPS Working Docment 01/2020.

[6] Neue Forschung argumentiert allerdings, dass dieser Inflationsabneigung ein Missverständnis der eigenen Geschichte zugrunde läge. Vgl. Nils Redeker/Lukas Haffert/Tobias Rommel, Misremembering Weimar: unpacking the historic roots of Germany’s monetary policy discourse. Jacques Delors Institut Berlin (Policy Paper, 2019).

[7] Inflation, consumer prices (annual %), a.a.O.

[8] Olivier Blanchard/Giovanni Dell’Ariccia/Paolo Mauro, Rethinking macro policy, 16. 2. 2010, https://voxeu.org/article/rethinking-macro-policy.

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