CHINAS GREATER BAY AREA

Britta Kuhn

Neun Städte Guangdongs in Südostchina sollen mit Hongkong und Macao wirtschaftlich zusammenwachsen. Die Pläne und Hemmnisse dieser „Greater Bay Area“ diskutiere ich im Wirtschaftsdienst.[1]

Der GBA-Plan

Der „Outline Development Plan for the Guangdong-Hong Kong-Macao Greater Bay Area“ von 2019, kurz GBA-Plan, soll die beiden Sonderverwaltungszonen Hongkong und Macao eng mit dem gegenüberliegenden Perlflussdelta vernetzen. Partner auf festlandchinesischer Seite sind Guangzhou, Shenzhen, Foshan, Dongguan, Zhongshan, Zhuhai, Huizhou, Zhaoqing und Jiangmen. Schon bis 2022 will Beijing die Branchenstrukturen der GBA optimieren und so ein hochinnovatives Städte-Cluster von Weltgeltung formen. 2035 wäre das Projekt spätestens vollendet. In seinem Zentrum stehen Hongkong und Macao, deren wirtschaftliche Aktivitäten zunehmend auf die Nachbarschaft ausgedehnt und in die Volksrepublik integriert werden sollen.[2] Die gesamte Agglomeration erwirtschaftete schon 2019 mit mehr als 70 Mio. Bewohnern ein BIP von 1,7 Bio. USD.[3]

Schnelle wirtschaftliche Vernetzung…

Seit 2019 hat sich schon viel getan. Damit zum Beispiel die Reisezeiten zwischen den Hauptstädten der GBA auf eine Stunde oder weniger sinken, baut die chinesische Regierung vor allem das Schienen- und Straßennetz zwischen den Partnern kontinuierlich aus und schafft zusätzliche Hochgeschwindigkeitsverbindungen. Auch die Flughäfen der GBA wachsen in Riesenschritten – allein Hongkongs internationaler Flughafen wird bis 2024 für geplante 18,5 Mrd. USD erneuert und erweitert. Vielfältige Kooperations- und Experimentierzonen sollen die elf Städte verbinden, wobei meistens Aktivitäten aus Hongkong und Macao auf Guangdong ausgedehnt werden – nicht umgekehrt. In Qianhai (Shenzhen), Nansha (Guangzhou) und auf Hengqin (Zhuhai) erhalten zum Beispiel junge Menschen und Microunternehmer aus Hongkong und Macao Subventionen und weitere Unterstützung, um für Startups und Beschäftigung zu sorgen. Die chinesische Regierung öffnet also ihre Märkte und sorgt dafür, dass die beiden Sonderverwaltungszonen wirtschaftlich in der Volksrepublik aufgehen. Zwar gibt es auch konkrete Entwicklungs- und Integrationspläne innerhalb des Perlflussdeltas – im Vergleich zu den Gemeinschaftsprojekten mit Hongkong bzw. Macao nehmen sie sich jedoch bescheiden aus.[4]

…aber auch Entwicklungshindernisse

Die GBA muss drei Rechts- und Verwaltungssysteme und elf Stadtverwaltungen unter einen Hut bringen. Das ist nicht nur angesichts der geopolitischen Spannungen um Hongkong eine große Herausforderung. Allein für einen integrierten GBA-Binnenmarkt müssten zahlreiche Hürden im Waren-, Dienstleistungs-, Kapital-, Daten- und Personenverkehr abgebaut werden. Dies könnte nach Ansicht eines Ökonomenteams ähnlich wie in der Europäischen Union funktionieren. Der GBA-Plan selbst nährt jedoch eher die Vermutung, dass Hongkong und Macao zumindest wirtschaftlich lange vor 2047 bzw. 2049 im „Mutterland“ aufgehen sollen. Dann endet die Übergangsfrist, die der ehemaligen britischen bzw. portugiesischen Kolonie einen Autonomiestatus sichert. Schließlich könnten Handelskonflikte und die Corona-Pandemie die ehrgeizigen Pläne für die Greater Bay Area bremsen. Zumal die Diversifizierung globaler Lieferketten noch jahrelang weitergehen wird – weg von China, hin zu anderen asiatischen Volkswirtschaften.[5]


Quellen:

[1] Britta Kuhn, Chinas Greater Bay Area, Wirtschaftsdienst (2021) 101(Heft 4), S. 311-315.

[2] Constitutional and Mainland Affairs Bureau (18. Februar 2019), Outline Development Plan for the Guangdong-Hong Kong-Macao Greater Bay Area, Courtesy Translation, Hong Kong, https://www.bayarea.gov.hk/en/outline/plan.html (Zugriff: 11.2.2021).

[3] HKTDC Research, Statistics of the Guangdong-Hong Kong-Macao Greater Bay Area, Hong Kong Trade Development Council, https://research.hktdc.com/en/article/MzYzMDE5NzQ5 (Zugriff: 11.2.2021).

[4] Details: Britta Kuhn, a.a.O., S. 313 f. bzw. Constitutional and Mainland Affairs Bureau, a.a.O., S. 9 f., 20 f., 26, 30, 41 f., 56 f.; Wolfgang Hirn, Shenzhen: Die Weltwirtschaft von morgen, 2020, S. 248 f., 253 und 262-264; Roland Rohde, Flughäfen in Chinas Greater Bay Area bauen Kapazitäten aus, GTAI (Branchen), 7.10.2020, S. 1 und 3.

[5] Details: Britta Kuhn, a.a.O., S. 314 f. bzw. Constitutional and Mainland Affairs Bureau, a.a.O., S. 1 (Wortzitat „Mutterland“, Übersetzung Kuhn); Hirn, a.a.O., S. 265; Roland Rohde, Greater Bay Area in Südchina stößt an ihre Grenzen, GTAI (Bericht Wirtschaftsumfeld), 24.3.2020 (zu Handelskonflikten und Corona-Krise); 2022 Foundation, Creating the Greater Bay Area of the Future: Opportunities for Hong Kong, Main Report, 2019, S. 25-29, 43 und 57-60 (zu Hemmnissen und Integrationsplan nach EU-Vorbild).

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