INDONESIEN: DIE GROSSE UNBEKANNTE

Britta Kuhn

Indonesiens Bedeutung wird in westlichen Industrieländern unterschätzt. Im Fachbuchjournal bespreche ich deshalb zwei landeskundliche Bücher.[1] Hier einige „Appetitanreger“.

Ein bevölkerungsreiches Land

Indonesiens Einwohnerzahl erreicht Platz 4 nach China, Indien und den USA. Hier leben auch mehr Muslime als in Pakistan, Indien oder jedem Land des Nahen Ostens. Das Land war seit dem frühen 17. Jahrhundert eine niederländische Kolonie. erst 1949 kam die Unabhängigkeit. In den folgenden Jahrzehnten dominierte zunächst der linksgerichtete Sukarno Politik und Gesellschaft, anschließend der rechtsgerichteten Suharto. Nach der Asienkrise von 1997 demokratisierte und dezentralisierte sich das Inselarchipel. Dauerhafte Herausforderungen liegen in enormer ethnischer Vielfalt, Umweltkatastrophen, islamistischen und separatistischen Anschlägen sowie Korruption. Seit 2014 regiert Präsident „Jokowi“ Joko Widodo, der sich um Reformen bemüht.

Purdey/Missbach/McRae: Indonesia: State and Society in Transition[2]

Die Forscherinnen aus Australien und Deutschland konzentrieren sich auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung. Zunächst schildern sie Indonesiens Geschichte – von den Ureinwohnern über die Islamisierung, Kolonialisierung und Unabhängigkeit bis zum heute prägenden Wahhabismus. Danach geht es um die „Gelenkte Demokratie“ bzw. die autoritäre „Neue Ordnung“ des sozialistischen Präsidenten Sukarno bzw. seines Nachfolgers General Suharto zwischen 1950 und 1998. Die Asienkrise von 1997 führte zu einer Demokratisierung und Dezentralisierung des Landes. Es steht aber bis heute unter starkem Einfluss des Militärs und separatistischer Kräfte. All dies erklären die Autorinnen westlichen Lesern ausführlich. Nepotismus und Korruption hätten bisher kein Ende gefunden. Daneben detailliert das Buch z.B. die Dezentralisierungsbemühungen, die Rolle des politischen Islams, Bevölkerungswachstum, zunehmende Einkommensungleichheit und die Qualitätsdefizite des Bildungssystems. Schließlich geht es um Menschenrechtsverletzungen speziell in Konfliktregionen und um die zunehmende Unterdrückung von Frauen, Homosexuellen oder religiösen Minderheiten. Das Buch beschreibt aber auch Indonesiens Außenbeziehungen ausführlich. So schloss sich das Land zu keiner Zeit dem US-geführten Westen oder dem chinesisch-russischen Osten an. Stattdessen strebte es stets gute Beziehungen zu sämtlichen Blöcken an und unterhält heute enge Bindungen zu islamischen Regierungen und Geldgebern wie Saudi-Arabien. Die EU spielt dagegen eine sekundäre Rolle – unter anderem wegen des schwierigen kolonialen Erbes und Konflikten um indonesisches Palmöl.

Brad: Der Palmölboom in Indonesien[3]

Die Entwicklung dieser weltweit wichtigen Industrie ordnet die Politologin gesellschaftspolitisch ein. Ihr Buch schildert die verheerenden ökologischen und gesundheitlichen Folgen von Entwaldung und Brandrodung. Der Raubbau natürlicher Ressourcen wird historisch eingeordnet und politikwissenschaftlich analysiert. Entlang der Geschichte der indonesischen Palmölindustrie erfahren die Leser aber auch viel über die allgemeine Entwicklung des Landes. So sei z.B. freie Marktwirtschaft den jeweils herrschenden Eliten stets suspekt gewesen. Als Voraussetzung des „am Weltmarkt orientierten extraktivistischen Entwicklungsmodells“[4] macht die Autorin die traditionelle politische Zentralisierung aus. Im Zuge der Asienkrise sei der Einfluss internationaler Kapitalgeber wie Weltbank und Internationaler Währungsfonds gewachsen. Der politische und wirtschaftliche Umbruch nach der Asienkrise habe auch die weitere Entwicklung der Palmölindustrie maßgeblich verändert: Angebot und Nachfrage seien förmlich explodiert, Nebenwirkungen wie das staatliche Umsiedlungsprogramm Transmigrasi nicht ausgeblieben.

Aus ökonomischer Sicht ist der Politologen-Jargon des Buches zwar ziemlich gewöhnungsbedürftig. Es bietet aber zahlreiche Einsichten, Kritikansätze und Reformvorschläge hinsichtlich des indonesischen Wirtschaftsmodells.


Quellen:

[1] Kuhn, Britta, Indonesien – die große Unbekannte (Rezensionen). Fachbuchjournal, 2021, 13(2), S. 24-27, https://fachbuchjournal.partica.online/fachbuchjournal/fachbuchjournal-2-2021/flipbook/26/

[2] Purdey, Jemma/Missbach, Antje/McRae, Dave, Indonesia: State and Society in Transition, Lynne Rienner Publishers Inc., 2020

[3] Brad, Alina, Der Palmölboom in Indonesien. Zur Politischen Ökonomie einer umkämpften Ressource, transcript Verlag, Edition Politik, Band 78, 2019

[4] Brad, Alina, a.a.O., S. 17.

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