Chinas Belt and Road Initiative im Wandel

Britta Kuhn

Chinas „Neue Seidenstraße“ BRI setzt zunehmend auf Digitalisierung und Normierung statt auf Transport- und Energieinvestitionen. Wie fundamental sich die Strategie geändert hat, erläutere ich im Wirtschaftsdienst.[1]

Rückzug aus unrentablen Bauprojekten

Schon vor der Corona-Pandemie belasteten finanzielle und geopolitische Probleme viele Energie- und Transportvorhaben entlang der Neuen Seidenstraße.[2] Trotz sehr unterschiedlicher Schätzungen, wie hoch Chinas Investitionen bisher waren, ist klar: Sie gehen seit Jahren zurück. Nach der vertrauenswürdigsten Quelle summieren sich die Ausgaben auf knapp 800 Mrd. USD. Davon entfielen aber nur noch 55 Mrd. USD auf das Corona-Jahr 2020 und 21 Mrd. USD auf das erste Halbjahr 2021.[3] Öffentliche Großprojekte waren nämlich in fragilen Staaten wie Pakistan noch unrentabler als in reichen OECD-Ländern, die über widerstandsfähige Institutionen verfügen. Der Wirtschaftsdienst-Artikel bietet hierzu empirische Belege. Auch zeigt er, dass die Volksrepublik enorme Außenstände entlang der „Belt and Road“ hat. Sie werden zumindest teilweise gestundet, beispielsweise im Rahmen der G20-Initiative zur Aussetzung des Schuldendienstes.[4]

Geopolitisch veränderte Lage

Seit Corona diversifizieren die wohlhabenden Demokratien daneben ihre Lieferketten und beginnen, Chinas geostrategischen Führungsanspruch zu bekämpfen: Der IWF erhöhte seinen Kreditrahmen im April 2020 und im August 2021 massiv; die G7 verabschiedete im Juni 2021 eine ehrgeizige globale Infrastrukturpartnerschaft. Selbst die EU-Außenminister machen seither Druck, um der „Konnektivitätsstrategie“ der EU-Kommission Leben einzuhauchen. Ganz zu schweigen von den USA, die im Indopazifik ihre Sicherheitspartnerschaften ausbauten – etwa „Quad“ mit Japan, Australien und Indien im März 2021 – oder neue Bündnisse schufen – zuletzt „AUKUS“ mit Australien und dem Vereinigten Königreich. Schon 2019 hatten die USA, Australien und Japan mit zusätzlichen Finanzierungsquellen auf die BRI reagiert, unter anderem über ihr gemeinsames „Blue Dot Network“.[5] Selbst die ost- und südosteuropäischen Partner der 17+1-Initiative gehen auf Distanz zur Volksrepublik. Schließlich stoßen umweltschädliche Vorhaben zunehmend auf Widerstand.[6]

Digitalisierung und Standardisierung

Aber Beijing reagiert: Unter anderem unterzeichneten 29 Länder der Seidenstraße im Juni 2021 das „BRI Green Partnership“. Daneben baut Xi Jinping die „Digital Silk Road“ DSR mit Priorität aus. Die dabei geförderten Technologieprojekte sind nicht nur preisgünstiger als Energie- und Transportinvestitionen. Sie werden auch mit chinesischen Normen verknüpft, die an Bedeutung gewinnen. Auch innenpolitisch arbeitet die Volksrepublik intensiv an deren Vereinheitlichung, nämlich im Rahmen von „China Standards 2035“. International besetzt das Land zunehmend die relevanten Normierungsorganisation ISO, IEC und ITU.[7] Weitere Initiativen, die Chinas weltweiten Führungsanspruch untermauern sollen, sind die „Health Silk Road“ und die „Space Silk Road“, die der Wirtschaftsdienst-Beitrag jedoch nicht vertieft.

Quellen:

[1] Britta Kuhn, „Chinas Belt and Road Initiative wandelt sich“, Wirtschaftsdienst 101(11), 901-905, https://www.wirtschaftsdienst.eu/pdf-download/jahr/2021/heft/11/beitrag/chinas-belt-and-road-initiative-wandelt-sich.html.

[2] Britta Kuhn, Chinas Neue Seidenstraße, Wirtschaftsdienst 99(12), 880-882, https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2019/heft/12/beitrag/chinas-neue-seidenstrasse.html.

[3] Britta Kuhn, Chinas Belt and Road Initiative wandelt sich, a.a.O., Abb. 1, S. 902. Details: American Enterprise Institute, China Global Investment Tracker, https://www.aei.org/china-global-investment-tracker/ (Zugriff: 10.9.21; Daten bis Juni 2021).

[4] Details: Britta Kuhn, Chinas Belt and Road Initiative wandelt sich, a.a.O., S. 901 f. (unrentable Bauprojekte) und S. 903 f. (gestundete Schulden).

[5] Details: Britta Kuhn, a.a.O., S. 903.

[6] Details: Details: Britta Kuhn, a.a.O., S. 904 (Umwelt) und S. 902 f. (17+1)

[7] ISO = Internationale Organisation für Normung; IEC = Internationale Elektrotechnische Kommission; ITU = Internationale Fernmeldeunion. Details zu DSR und Standardisierung: Britta Kuhn, a.a.O., S. 904.

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