DANK ABFALLVERMEIDUNG MEHR NAHRUNGSMITTEL FÜR ALLE


Britta Kuhn

„Feeding the World“ – Bachelor-Thesis von Sybille Wittmer[1]

Die gesamte Weltbevölkerung ließe sich problemlos ernähren, wenn die Ressourcen effizienter und umsichtiger eingesetzt würden. Denn ein Drittel unserer Lebensmittel landen im Müll, davon der Löwenanteil in privaten Hauhalten der Industrieländer. Die Abschlussarbeit diskutiert die wichtigsten Ansätze zur Lösung des weitweiten Ernährungsproblems sowie ihre Vor- und Nachteile. Besonderes Gewicht legt sie auf innovative Möglichkeiten der Abfallvermeidung.

Zu viele Lebensmittel enden im Abfall

Abb. 1: Lebensmittel-Verluste entlang der Wertschöpfungskette[2]Grafik Food losses

Entlang der gesamten Wertschöpfungskette landen über ein Drittel aller Nahrungsmittel im Müll. Mit Abstand am meisten verschwenden Endverbraucher in Industrieländern (vgl. Abbildung 1). Die Gründe für dieses Konsumentenverhalten liegen in schlechter Planung, unreflektiertem Wegwerfen nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums und schlichter Nachlässigkeit[3]. Allein in Deutschland entstehen jährlich rund 11 Millionen Tonnen Lebensmittel-Abfall, davon über 60 Prozent in Privathaushalten[4]. Jede Person produziert dabei durchschnittlich 53 kg oder 235 Euro vermeidbaren Müll[5]. Zu noch höheren Zahlen kam die OECD: Danach vergeudete Deutschland 540 kg Speisen pro Jahr und Person, lag damit aber „nur“ auf dem 12. Platz. Die größten Lebensmittelabfälle verursachten US-Amerikaner mit durchschnittlich 760 kg, Australier mit 690 kg und (erstaunlicherweise) Dänen mit 660 kg[6].

Technische Innovationen könnten Lebensmittel-Abfall vermeiden

Neben Aufklärungsmaßnahmen wie Informationsbroschüren oder schulischen Veranstaltungen würden insbesondere technische Neuerungen die Unsicherheit der Verbraucher bezüglich der Mindesthaltbarkeitsdauer von Lebensmitteln verringern[7]. In Deutschland erforscht insbesondere die Fraunhofer-Gesellschaft preiswerte und massentaugliche Alternativen zum aufgedruckten Mindesthaltbarkeitsdatum: So könnten zum Beispiel Spektrometer in Smartphones künftig die Lebensmittelqualität überprüfen. Sensorfolien in der Verpackung würden ebenfalls den Nahrungsverfall anzeigen, indem sie vor verdorbenen Speisen durch einen Farbwechsel warnten. Mit einem Frischescanner ließen sich beim Endverbraucher und im Handel Fleischwaren untersuchen. Biosensoren, also kleine Chips, könnten die Lebensmittelqualität beim Kauf und danach anzeigen. Im Ausland entwickelte daneben die Universität Manchester eine Sensorentechnik, die Haltbarkeitsdaten per Radiofrequenz vorhersagen kann. Schließlich wird intensiv an intelligenten Kühlschränken gearbeitet, die eine Haltbarkeitsfunktion umfassen, also die Produktfrische selbstständig beurteilen könnten.

Weitere Ansätze im Überblick

Die Abschlussarbeit evaluiert viele weitere Möglichkeiten, um den Hunger auf der Welt zu bekämpfen. Hierzu gehören vor allem bevölkerungspolitische Maßnahmen und eine effizientere und effektivere Nahrungsmittel-Produktion. Alle vorgeschlagenen Maßnahmen sind jedoch umstritten, wie Wittmer im Detail zeigt[8]. Als problematisch erweisen sich daneben die starken Schwankungen der Nahrungsmittelpreise, die sich durch Finanzmarktspekulationen verstärkten. Die G20, also die führenden Wirtschaftsnationen der Welt, wollen diese Schwankungen in Zusammenarbeit mit mehreren Internationalen Organisationen über das Informationssystem AMIS (Agricultural Market Information System) bekämpfen. Es beruht auf einem Vorbild, das im Jahr 2000 für den weltweiten Ölmarkt eingeführt wurde[9].

Gegenstimmen: Weniger Abfall ernährt noch lange nicht

Kritiker argumentieren allerdings, dass Ansätze zur Müllvermeidung kaum erläutern würden, wie genau die Hungernden von den dadurch gesparten Lebensmittel profitieren könnten. „Die quantifizierten Mengen von sog. Lebensmittelabfällen übertreiben die Größe der Mengen, die selbst bei effizientester Nutzung aller uns zu Verfügung stehenden Ressourcen entstehen würden“[10]. Die Diskussion lenke daher davon ab, was Hungernden wirklich helfen würde, nämlich nach Nobelpreisträger Amartya Sen ein politisch und ökonomisch funktionsfähiges System[11].

 


Quellen:

[1] Syblle Wittmer, „Sustainable Development of Food Security – A Critical Analysis of ‘Feeding the World’ “, Bachelor Thesis, Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain, 23.08.2012.

[2] Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO)/Jenny Gustavsson et al., “Global Food Losses and Food Waste”. Study conducted for the International Congress SAVE FOOD! at Interpack2011. Rom 2011, S. 6, figure 3 “Part of the initial production lost or wasted, at different FSC stages, for cereals in different regions”, http://www.fao.org/docrep/014/mb060e/mb060e00.pdf, abgerufen am 10.9.2012, Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der FAO. Bei Sybille Wittmer, a.a.O., S. V, Figure 3.

[3] The Economist, “The 9 billion-people question. A special report on feeding the world”.26.02.2011, S. 8. Bei Sybille Wittmer, a.a.O., S. 12.

[4] BMELV, „Ermittlung der Mengen weggeworfener Lebensmittel und Hauptursachen für die Entstehung von Lebensmittelabfällen in Deutschland“. Zusammenfassung einer Studie der Universität Stuttgart. März 2012, S. 2 „Verteilung der Lebensmittelabfälle nach Bereichen der Nahrungsmittelkette“, http://www.bmelv.de/SharedDocs/Downloads/Ernaehrung/WvL/Studie_Lebensmittelabfaelle_Faktenblatt.pdf?__blob=publicationFile, abgerufen am 10.9.2012. Bei Sybille Wittmer, a.a.O., S. V, Figure 4.

[5] BMELV, a.a.O., S. 4. Bei Sybille Wittmer, a.a.O., S. 13.

[6] SiliconIndia, „Top 10 Countries Which Waste Most Food“, 11.11.2011. Bei Sybille Wittmer, a.a.O., S. 15.

[7] Im Folgenden: Sybille Wittmer, a.a.O., S. 16 f. und dortige Einzelnachweise.

[8] Sybille Wittmer, a.a.O., Kapitel 2.

[9] Sybille Wittmer, a.a.O., Kapitel 3, v.a. S. 10.

[10] Ulrich Koester, „Wegwerfen von Lebensmitteln und der Hunger in der Welt“, Ökonomenstimme vom 21.06.2012, http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2012/06/wegwerfen-von-lebensmitteln-und-der-hunger-in-der-welt/ (abgerufen am 21.10.2012).

[11] Johannes Pennekamp, „Argumente für die Tonne“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 30.9.2012, S. 38.

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Ein Gedanke zu „DANK ABFALLVERMEIDUNG MEHR NAHRUNGSMITTEL FÜR ALLE

  1. Birgit sagt:

    Die oben genannten Zahlen und Fakten sollten vielleicht mal der Redaktion von „Wetten, dass ..?“ vorgelegt werden. Heute war die unglaublich einfallsreiche Wette eines Schwertkämpfers 25 von 30 Wassermelonen mit einem Regenschirm zu zerschlagen im ZDF zu sehen. Er hat sogar alle 30 halbiert: Glückwunsch.

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