Pünktlichere Studierende durch „Anstups-Politik“?

Praxisprojekt von Tobias Becker, Daniel Hergl, Melika Mayeh, Jennifer Schiradin und Michael Stawskij

Britta Kuhn

Ein Praxisprojekt des Bachelor-Studiengangs Business Administration der Wiesbaden Business School untersuchte im Sommersemester 2013 in meinem Auftrag, inwiefern „Nudges“, also veränderte Entscheidungsstrukturen, die Studierenden zu einem pünktlicheren Besuch ihrer Lehrveranstaltungen bewegen könnten. Hierzu führten die Projektmitglieder eine wissenschaftliche Experimentreihe und zwei Befragungen durch. Ergebnis: Anstoß-Maßnahmen wirken, die Einstellung ändert sich aber schneller als das Verhalten.

Das Praxisprojekt unter Leitung von Prof. Dr. Bernhard Heidel führte zunächst eine „Nullmessung“ durch, indem es den Anteil zu spät kommender Studierender in verschiedenen Lehrveranstaltungen erhob. Ein erster Fragebogen u.a. zur Bedeutung von Pünktlichkeit aus Studierendensicht rundete diese Erhebung im „Laissez-Faire-Zustand“ ab. Es folgten zeitgleich, aber in unterschiedlichen Gruppen, ein weicher und ein harter „Nudge“: Im ersten Fall kamen die Dozenten ihrerseits 15 Minuten zu spät, im zweiten Fall prüften sie jeden Nachzügler mündlich in Gegenwart der Gruppe zum Vorlesungsstoff. Anschließend wurde gemessen, ob die Studierenden nun seltener zu spät kamen. Ein zweiter Fragebogen ließ u.a. die beiden Maßnahmen „verspäteter Dozent“ bzw. „mündliche Prüfung“ bewerten. Tatsächlich versteckten sich die Pünktlichkeitsfragen in beiden Bewertungsbögen zwischen anderen Themen zur Studiensituation, denn das gesamte Experiment verlief ohne Kenntnis der studentischen Versuchsteilnehmer.

Im Ergebnis senkten beide Anstups-Maßnahmen den Anteil der Zuspätkommer signifikant, insbesondere im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Hierbei erwies sich der verspätete Dozent als insgesamt erfolgreicher. Allerdings relativierte sich diese Aussage durch einen Ausreißer. Ohne ihn führte die mündliche Prüfung zu pünktlicheren Studierenden. Auch die Fragebögen ergaben, dass die mündliche Prüfung die Einstellung der Studierenden zum Thema Pünktlichkeit stärker veränderte als der unpünktliche Dozent. Offenbar reichte aber der Versuchszeitraum nicht aus, um von der Einstellungs- zu einer Verhaltensänderung zu gelangen. Deshalb wären künftig auch Experimente über mehrere Semester erstrebenswert, bei denen sich Anstupser mehrfach wiederholen lassen und so exakter verglichen und nachhaltiger wirken könnten.

Selbstverständlich hängt pünktliches Erscheinen von vielen Faktoren ab. Und selbstverständlich erreichte in der Befragung das Verspätungsargument „Verkehr“ absolute Spitzenwerte. Auch waren die mündlichen Prüfungen nicht frei von Situationskomik – speziell am frühen Morgen. Fassungslos machte mich dagegen, mit welchem Gleichmut die Studierenden meinen völlig respektlosen Verspätungsgrund „ich hatte einfach mal Lust, so wie Sie länger im Bett liegen zu bleiben“ hinnahmen.

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