ZWEI VON DREI WOLLEN „GENUDGED“ WERDEN!

Britta Kuhn

Praxisprojekt von Jessica Busch, Antonia Dürl, Marlene Stähle, Laura Wahl und Katrin Werschnitzky

An der Stockholmer U-Bahn-Station „Odenplan“ nutzten 66% mehr Menschen die Treppe statt der Rolltreppe, nachdem die Treppe zu einem riesigen Klavier umgebaut worden war[1]. Aber nicht alle Anstups-Maßnahmen (Nudges) sind derart kreativ und freiwillig. Wie also bewerten Menschen unterschiedliche Nudges im Vergleich zu Ge- und Verboten bzw. dem Laissez-faire-Zustand? Dies untersuchten Studentinnen der Wiesbaden Business School mit einer umfassenden Befragung in der Wiesbadener Fußgängerzone.

Gesamtergebnisse

Die zufällig ausgewählten 100 Passanten wurden zu den sechs Themenbereichen Geschwindigkeitsbegrenzungen in geschlossenen Ortschaften, Energieverbrauch privater Haushalte, Organspenden, Süßigkeiten im Kassenbereich von Supermärkten, Fast Food Konsum und Rauchen befragt. Im Durchschnitt bevorzugten 66% Nudges, 30% hielten keine Maßnahme für nötig und nur 4% sprachen sich für Ge- bzw. Verbote aus. Die zwei Drittel Nudge-Befürworter verteilten sich sehr unterschiedlich auf die vier möglichen Maßnahmen: je 25% sprachen sich für weiche bzw. harte Förderanreize aus, nur 12% favorisierten weiche Strafen, ganze 4% harte Strafen[2]. Diese Aufteilung variierte nur geringfügig je Befragungsgebiet, wie Abbildung 1 verdeutlicht.

Abbildung 1: Präferenzen der Befragten je Maßnahme[3]

Abbildung 1

 

Einzelergebnisse am Beispiel Rauchen

Die 100 Befragten waren zufällig ausgewählt worden. Gemäß Abbildung 2 repräsentierten sie alle Altersklassen und Berufsgruppen.

Abbildung 2: Altersklassen und Berufsgruppen der Befragten [4]

    Altersklassen                                               Berufsgruppen

Die Interviewteilnehmer beantworteten zunächst, ob sie sich schon einmal durch Vorschriften in ihrem Handeln eingeschränkt gefühlt hätten und wurden in diesem Fall um ein konkretes Beispiel gebeten. Von den 59 Personen, die sie schon einmal bevormundet gefühlt hatten, nannten 39% ein Beispiel aus dem Straßenverkehr, 19% das Thema Suchtmittel und 11% den Bereich Privatvermögen. Die restlichen 31% verteilten sich auf sonstige Themenkomplexe[5]. Anschließend ging es in die sechs Themenbereiche, die jeweils mit einer offenen Frage begannen, z.B. beim Thema Rauchen: „Was sollte die Politik tun, damit Menschen weniger rauchen?“ Danach mussten sich die Befragten für eine von sechs Möglichkeiten entscheiden, um Menschen zum Nichtrauchen zu bewegen. Im Raucherbeispiel befürworteten 9 Personen ein komplettes Rauchverbot, 31 wollten den Laissez-faire-Zustand. Die übrigen 60 sprachen sich für Nudges aus: 8 für abschreckende Fotos auf den Verpackungen, von den Studentinnen als softe Förderung bezeichnet, 18 für Raucherzonen (harte Förderung), 28 für 2 Euro Zwangsabgabe an die Deutsche Krebshilfe (weiche Bestrafung) und immerhin noch 6 dafür, dass jeder Raucher ein halbes Jahr lang einen Patienten betreuen solle, der aufgrund des Rauchens unter Krebs leide (harte Bestrafung)[6]. Schließlich wurden die Interviewpartner noch nach ihrem persönlichen „Involvement“ in jedes Thema gefragt, also z.B. beim Rauchen erkundet, wer noch nie geraucht habe, das Rauchen aufgegeben hatte oder aktuell Raucher ist. Die Bereitschaft, Nudges zu akzeptieren, hing aber nur beim Rauchen mit dieser persönlichen Betroffenheit zusammen: So bevorzugten 80% der Nie-Raucher Nudges gegenüber Verboten bzw. Laissez-faire, aber „nur“ 65% der Ex-Raucher bzw. 40% der Raucher[7]. Raucher und Ex-Raucher votierten dagegen deutlich häufiger dafür, keine weitere Maßnahme umzusetzen.

Weiterer Forschungsbedarf

Das statistisch professionell ausgewertete Praxisprojekt unter Leitung von Ullrich Wilding nannte u.a. folgende Optimierungsmöglichkeiten auf Basis der Befragungserfahrungen: Eine größere Stichprobe, mehr Befragungsstandorte, zusätzliche (polarisierende) Themenbereiche und völlige Anonymität, um sozial erwünschte Fragen auszuschließen[8]. Daneben wären noch durchdachtere Formulierungen der Antwortmöglichkeiten vorteilhaft, um Utopien wie „Jeder Raucher sollte ein halbes Jahr lang einen Patienten mit durch Rauchen herbeigeführtem Krebs betreuen“ künftig zu vermeiden[9] und die Abgrenzung zwischen den vier Nudge-Ausprägungen harte/weiche Förderung/Bestrafung künftig deutlicher zu machen.


Quellen:

[1] TheFunTheory.com, Piano stairs, http://www.thefuntheory.com/ (Abruf 29.1.2014).

[2] Jessica Busch, Antonia Dürl, Marlene Stähle, Laura Wahl und Katrin Werschnitzky , „Bewerten von Vorschriften“. Hausarbeit i.R.d. Veranstaltung “Skills IV (Praxisprojekte) des Studiengangs Bachelor of Arts in Business Administration, Wiesbaden Business School, 7.1.2014, S. 19.

[3] Jessica Busch et al., a.a.O., S. 20, Abbildung 7.

[4] Jessica Busch, Antonia Dürl, Marlene Stähle, Laura Wahl und Katrin Werschnitzky , „Bewerten von Vorschriften“. Skills IV Praxisprojekt, Präsentation des Studiengangs Bachelor of Arts in Business Administration, Wiesbaden Business School, 16.12.2013, S. 10.

[5] Jessica Busch et al., a.a.O., Hausarbeit S. 16.

[6] Jessica Busch et al., a.a.O., Hausarbeit S. 20, Tabelle 6 i.V.m. Präsentation S. 8.

[7] Jessica Busch et al., a.a.O., Präsentation S. 19.

[8] Jessica Busch et al., a.a.O., Hausarbeit S. 33.

[9] Jessica Busch et al., a.a.O., Präsentation S. 24.

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