ÖKONOMEN FORDERN ECHTE FINANZMARKTREFORMEN

Britta Kuhn

„Ökonomie neu denken“ – dies verlangten namhafte Volkswirte wie Martin Hellwig, Thomas Mayer, Helge Peukert und Joseph Huber bei einer Konferenz am 26.2.2014[1] im Hinblick auf Finanzmarktregulierungen. Statt klein-klein-Reförmchen plädierten sie für drastisch erhöhte Eigenkapitalanforderungen sämtlicher Finanzmarktakteure bzw. für ein Ende der blasenbildenden Buchgeldschöpfung durch Kreditinstitute. Wichtige wirtschaftshistorische Erkenntnisse steuerte Moritz Schularick bei. Weniger anregend: Jörg Asmussens Keynote oder die Diskussion zur Geldtheorie und –politik. Und wie bei fast jeder Volkswirte-Tagung beherrschten bekannte Herren reiferen Jahrgangs das Podium, was den Erkenntnisgewinn überschaubar machte.

Höhepunkt „Neues Denken über Banken und Finanzmärkte“

Martin Hellwig (MPI für Gemeinschaftsgüter) führte erbarmungslos das Politikversagen der vergangenen Jahre vor: Vom Bestreben der rot-grünen Koalition, „nationale Champions“ in der Finanzwirtschaft zu schaffen, über die Warnungen der Monopolkommission, dass eine Krise wie 1931 drohe – von der Politik vollständig ignoriert – bis hin zur aktuellen Krisenbewältigungspolitik. Es fielen Sätze wie „Die Politik hat sich in den letzten Jahren nur als Lobbygruppe betätigt“ oder „Basel III ist ein Wettlauf nach unten.“ Auch Normalverbrauchen sähen Banken eher als Quelle von Geld denn von Risiken. Dabei seien Bankeinlagen eben letztlich kein Geld, sondern Schuldtitel. Überhaupt gelte es, Sprechblasen zu überwinden und stattdessen nachzudenken.

In der anschließenden Podiumsdiskussion kritisierte der hoch renommierte Ökonom die eigene Zunft: „Wir haben einen Zoo von Modellen und suchen uns immer das Passende heraus.“ Worauf Helge Peukert (Univ. Erfurt) mit erfrischendem Temperament auf die wirtschaftshistorischen Analysen eines Thomas Phillipon und des anwesenden Moritz Schularick (Univ. Bonn) verwies. Dieser einzige Unter-40-Jährige weit und breit erläuterte, dass der Finanzsektor noch nie so groß war wie im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts und dass Finanzkrisen i.d.R. einem starken Kreditwachstum folgen. Und er fragte, warum Finanzintermediation eigentlich immer teurer werden müsse – ihr BIP-Anteil sei von 3% in den 1960er Jahren auf heute 9% gestiegen – wo doch die Computerisierung die Stückkosten eigentlich hätten senken müssen. Hier verwies Ex-Deutschbanker Thomas Mayer auf inzwischen „rasiermesserdünne Margen“, Handelsblatt-Moderator Dirk Heilmann fragte nach dem volkswirtschaftlichen Nutzen eines überdimensionierten Finanzsektors, Peukert schlug ein Trennbankensystem als Unterbrecher der „interconnectedness“ von Finanzdienstleistern vor und am Ende waren sich alle einig, dass statt „reinen Schreibübungen“ wie dem deutschen Bankentestament (Hellwig) wenige Großmaßnahmen erforderlich wären: Nämlich eine 100-prozentige Einlagensicherung (Mayer), ein Systemwechsel zum Vollgeld[2] (Peukert) oder wesentlich mehr Eigenkapital für sämtliche Finanzdienstleister (Hellwig und Schularick).

Asmussen, Geldtheorie/-politik und die Unternehmenssicht

Jörg Asmussen (Bundesministerium für Arbeit und Soziales) empfahl sich in gewohnt pragmatischer Weise als künftiger Arbeits- und Sozialminister. „Falsche Alternativen“ wie Markt versus Staat, Mikro- versus Makroökonomik, Angebot versus Nachfrage, Wachstum versus Konsolidierung oder Dienstleistungs- versus Industriegesellschaft seien zu überwinden. Klang alles richtig, jedoch erzeugten Aussagen wie „Der Nationalstaat kann immer weniger regeln“ keinerlei Aha-Effekte. Höchstens überraschte die Geschwindigkeit, mit der aus dem EZB-Direktoriumsmitglied ein Vollblut-SPD-Politiker geworden ist.

Im anschließenden Podium diskutierten der z.Z. medial enorm präsente Marcel Fratzscher (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung), Joseph Huber (Univ. Halle-Wittenberg), Volker Wieland Sachverständigenrat / Univ. Frankfurt) und Jörg Rocholl (European School of Management and Technology) über Geld. Dass die Europäische Zentralbank vielleicht doch neben der Geldmenge auch die Vermögensentwicklung kontrollieren solle, um künftige Blasen zu verhindern, gehörte hierbei zu den interessanteren Themen. Keinen Konsens erzielten die Diskutanten bezüglich Hubers Vorschlag, von Giral- auf Vollgeld zu wechseln, um der EZB eine effektive Steuerung der explodierten Geldmenge M1 zu ermöglichen.

Schließlich legten noch Norbert Winkeljohann (PwC) und Jörg Boche (Volkswagen-Treasury) die Erwartungen der vielzitierten Realwirtschaft an Finanzwirtschaft und –wissenschaft dar.


Quellen:

[1] Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, Handelsblatt Research Institute und pwc; „Ökonomie neu denken. Die Wirtschaftswissenschaften zwischen Wirtschaft und Wissenschaft“, Frankfurt/Main, 26.2.2014.

[2] Details zum Vollgeld z.B.: Joseph Huber, „Vollgeld und 100%-Reserve (Vollreserve)“, 21.5.2013, http://vollgeld.de/blog/1952013vollgeld-und-100-reserve-chicago-plan; sehr umfassend: Monetative, http://www.monetative.de/ (Zugriff 7.3.2014). Kritische Würdigung in Kürze auf diesem Blog oder bei Helge Peukert, Das Moneyfest, Marburg 2013, Kapitel 8, S. 111 ff.

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