WEM GEHÖRT DIE WELT?


Britta Kuhn

Ein Handelsblatt-Buch untersucht „Die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus“ [1]. Mit aktuellen Infographiken und Zahlen. Aber auch mit kurzweiligen Porträts der oft unbekannten Entscheider.

Viele (un-)heimliche Strippenzieher

Sie sind fast immer weiß, deutlich über 50 und Männer: Die in Teil I beschriebenen „Macher“, nämlich die Leiter von Vermögensverwaltern wie Blackrock (Larry Fink), Staatsfonds wie Norges Invest (Yngve Slyngstad), Pensionskassen, Private Equity Fonds, Hedgefonds oder Familiendynastien. Aber auch die Entscheider, die Teil II des Buches nach Branchen sortiert. Beispielsweise Jeffrey Brotman bei Costco (Handel) oder Wang Yilin bei PetroChina (Öl). Natürlich gehört diesen Männern nicht die Welt – der gleichlautende Buchtitel ist insofern griffig, jedoch irreführend. Aber sie bestimmen, was läuft. So verhinderte Larry Fink bei der Deutschen Bank den ehemaligen Vorstandschef Ackermann als Aufsichtsratsvorsitzenden – schließlich stellt Blackrock dort mit 6,2% den größten Einzelaktionär. Auch an weiteren Dax-Konzernen ist der US-Asset Manager maßgeblich beteiligt und übt eher hinter den Kulissen als auf offener Bühne seinen Einfluss aus. Das kann man natürlich gut finden: Blackrock (rund 5 Billionen US-Dollar verwaltetes Vermögen) strebt z.B. nach Nachhaltigkeit. Noch viel vorbildlicher agiert Norges Invest (ca. 825 Mrd. US-Dollar Vermögen): Der Großanleger fördert durch seine Investitionsentscheidungen außerdem Unbestechlichkeit, Humanität, Transparenz und – eingeschränkt – Steuerehrlichkeit. Aber nicht nur Musterschüler bestimmen das Spiel. So verfügt z.B. die thailändische Krone über geschätzte 53 Milliarden US-Dollar, erhält aber in den Bewertungskategorien Steuerehrlichkeit, Humanität und Transparenz der Anlage vom Handelsblatt jeweils nur einen von fünf möglichen Punkten.

Grafiken, Zahlen und Personenprofile

Kompakte Abbildungen verdeutlichen, was wem gehört: Z.B. halten allein die drei Asset-Manager Blackrock, Vanguard und State Street zusammen über 15% an Apple [2]. Kaum vorstellbar, dass Marc Zuckerberg Hinweise von Larry Fink, John Bogle und Jay Hooley ignoriert [3]. Insofern erstaunt auch nicht, dass nur 14% des Dax bei privaten Haushalten liegen [4], würstchenessende Rentner in Deutschlands Hauptversammlungen also reine Folklore darbieten. Zahlenübersichten zu Beginn jedes Abschnitts fassen daneben das Gewicht der jeweiligen Institution zusammen. So spielen Vermögensverwalter und die wenig bekannten Pensionskassen eine ungleich größere Rolle als Staatsfonds oder die oft als „Heuschrecken“ kritisierten Private Equity Gesellschaften [5]. Unterhaltsam und teilweise informativ lesen sich schließlich die zahlreichen Personenbeschreibungen, die dank Fotos den Institutionen ein Gesicht verleihen. Das ist vor allem interessant, wenn es in den arabischen und asiatischen Raum geht. Denn eher selten berichten deutsche Medien z.B. von Norihiro Takahashi (Japan Government Pension Investment Fund GPIF), Khalifa bin Zayed al Nahyan (Abu Dhabi Investment Authority ADIA) oder Wang Yupu (Sinopec) [6]. Über deutsche Entscheider wie die Quant-Erben, Dieter Zetsche oder Ferdinand Piëch schrieb dagegen auch schon die „Bunte“ [7].

Fazit

Das Handelsblatt gilt nicht als Hort des marxistischen Klassenkampfs. Das macht die sorgfältige Recherche der weltweiten Machtkonzentration besonders glaubwürdig. Wer das umfangreiche Buch selektiv liest, lernt viel über Entscheidungsträger, die das Rampenlicht scheuen: Über ihren Werdegang, ihre Beweggründe und die Volumina, die sie steuern. Aus volkswirtschaftlicher Sicht beängstigt dabei, wie weit der globale Wettbewerb vom Marktideal der vollkommenen (atomistischen) Konkurrenz entfernt ist.


Quellen:

[1] Hans-Jürgen Jakobs, „Wem gehört die Welt? Die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus“, München 2016. Zusammenfassung und wenige (leicht veränderte Einzelporträts in ders., „Die neuen Machthaber“, Handelsblatt vom 18./19./20.11.2016, S. 57-64.

[2] Hans-Jürgen Jakobs, a.a.O., S. 614 f.

[3] Porträts jeweils bei Hans-Jürgen Jakobs, a.a.O., S. 180 ff. (Zuckerberg), S. 21 ff. (Fink), S. 28 ff. (Bogle) und S. 31 ff. (Hooley).

[4] Hans-Jürgen Jakobs, a.a.O., S. 613.

[5] Vgl. die jeweilige Nr. 1 hinsichtlich des verwalteten Vermögen (Hans-Jürgen Jakobs, a.a.O.): Blackrock 4.662 Mrd. USD (Vermögensverwalter, S. 20, 2014), Social Security Trust Funds 2.789 Mrd. USD (Pensionskassen, S. 48, 2014), Norges Invest 825 Mrd. USD (Staatsfonds, S. 70, 2015), Blackstone 333 Mrd. USD (Private Equity, S. 105, 2015).

[6] Hans-Jürgen Jakobs, a.a.O., GPIF: S. 51 ff.; ADIA: S. 74 ff.; Sinopec: S. 444 f.

[7] Hans-Jürgen Jakobs, a.a.O., BMW Group: S. 252 ff.; Daimler: S. 339 ff.; VW: S. 332 ff.

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