IST DEFLATION SCHÄDLICH?


Britta Kuhn

Ole Schmidts Bachelor Thesis analysiert die Geldpolitik der EZB

Sind sinkende Preise wirklich so wirtschaftsschädigend, wie die traditionelle Geldtheorie meint? Oder ist es eher die geldpolitische Reaktion auf die Deflation?

Deflationsgefahren in der ökonomischen Theorie

Das Standardlehrbuch von Mankiw und Taylor (2017, S. 585) unterscheidet zunächst sinkende Preise und abnehmendes Preiswachstum. Nur sinkende Preise stellen Deflation dar. Dann weist es darauf hin, dass bloß dauerhafte Deflation möglicherweise Probleme schaffe. Dieses Phänomen sei bisher nur in Japan vorgekommen. Schädlich sei Deflation dann vielleicht erstens bei hochpreisigen Gebrauchsgütern wie Möbeln, weil die Kunden hier Kaufentscheidungen verzögern könnten. Bei täglichen Verbrauchsgütern wie Lebensmitteln bestünde diese Gefahr hingegen nicht. Zweitens schränke Deflation den zinspolitischen Spielraum der Zentralbanken ein, weil Zinssenkungen die Wirtschaft nicht mehr ankurbeln könnten. Drittens steige die reale Schuldenlast der Kreditgeber, was eventuell zu niedrigeren Investitionen und damit einer sinkenden gesamtwirtschaftlichen Nachfrage führe. Viertens drohten den Unternehmen höhere Produktionskosten, da die Nominallöhne bestenfalls eingefroren würden, also in der Realität selten sänken. Schmidt (2017, Kap. 2.3) erläutert daneben, wie verbundene Ereignisse zu einer Abwärtsspirale insbesondere der Nachfrage führen können, dass eine Überschuldung der Volkswirtschaft inklusive Bankinsolvenzen drohe und dass eine ungeplante Vermögensumverteilung stattfinde.

Praktische Deflationsgefahren auf dem Prüfstand

Empirische Studien zeigen, dass die tatsächlichen Deflationsgefahren viel geringer sind als theoretisch angenommen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIS untersuchte makroökonomische Schlüsselgrößen in 38 Volkswirtschaften über 140 Jahre (Borio et al. 2015). Das Institut für Weltwirtschaft IfW ging mikroökonomisch vor: In 116 von 190 untersuchten Fällen stieg demnach die Nachfrage trotz Preissenkungen. Niedrigere Preise resultierten nämlich häufig aus technischem Fortschritt und ermunterten zu höheren Konsumausgaben (Klodt und Hartmann 2014, S. 7).

Schmidt (2017, Kap. 2.4-2.5) nimmt die IfW-Studie genauer unter die Lupe und kritisiert: Erstens könne auch technischer Fortschritt zum Kaufaufschub animieren, nämlich um ein deutlich verbessertes Produkt zu erhalten. Zweitens seien auch deregulierte Märkte für Preissenkungen verantwortlich. Drittens ignoriere die Untersuchung völlig, dass sich Verbrauchertrends veränderten. Er verdeutlicht dies an der gestiegenen Nachfrage nach elektrischen Rasiergeräten.

Auswirkungen der EZB-Politik

(Schmidt 2017, Kap. 2.7) identifiziert Konflikte zwischen den Zentralbankzielen stabiler Preise und stabiler Finanzmärkte. So diene das Anleihen-Kaufprogramm dazu, der erwünschten Inflationsrate von 2% näher zu kommen. Allerdings drohten durch die damit verbundene Liquiditätsschwemme Spekulationsblasen. Deren Platzen könne erst recht zu Deflation führen. Insofern schlussfolgert er: Es „ist es eher der Umgang mit der Deflation, der einen potenziellen Schaden mit sich bringt, als die Deflation selbst.“ (Schmidt 2017, S. 15).

Literaturverzeichnis

Borio, Claudio, et al. (2015): The costs of deflations: a historical perspective. In: BIS Quarterly Review,, S. 31–54.

Klodt Henning, Anna Hartmann (2014): Deflation und Konsumstau: Mikroökonomische Evidenz. Kiel Institute for the World Economy. In: Working Papers (No. 1935).

Mankiw, Nicholas Gregory; Taylor, Mark P. (2017): Economics. Fourth edition. Andover, Hampshire: Cengage Learning.

Schmidt, Ole (2017): Ist Deflation schädlich? Bachelor Thesis, Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain, 15.9.2017.

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