HETERODOXES ZU FLUCHT UND MIGRATION


Britta Kuhn

Seit 2015 erschienen zahlreiche Bücher, die einen besseren Umgang mit Flüchtlingen und Migranten fordern. Hier die Kurzbesprechung ganz unterschiedlicher Werke von Betts/Collier, Bertelsmann, Kaddor und Qaiser.

Alexander Betts/Paul Collier: Gestrandet

„Warum unsere Flüchtlingspolitik allen schadet – und was jetzt zu tun ist“, so die Übersetzung des Originals „Refuge. Transforming a Broken Refugee System“, das ich in der Zeitschrift Sozialer Fortschritt in aller Ausführlichkeit bespreche.[1] Der Politologe Betts und der Ökonom Collier gehen v.a. mit der aktuellen europäischen Flüchtlingspolitik hart ins Gericht: Flucht und Migration werde politisch zu wenig differenziert. Die weltweiten Fluchtursachen lägen heute weniger in individueller politischer Verfolgung als in zusammengebrochenen Staaten. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR sei falsch organisiert, die Lagerpolitik völlig verfehlt. Flüchtlingspolitik stelle aber eine langfristige Entwicklungsaufgabe dar, da 90% der Betroffenen in Entwicklungsländern lebten. Statt dauerhafter Alimentierung und Fehlanreize empfehlen die Oxford-Wissenschaftler Autonomie durch schnelle Arbeitserlaubnis und Bildung. Wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten am Zufluchtsort erleichterten auch den Wiederaufbau der Heimat nach Konfliktende. Ausführlich erläutern die Autoren, warum heimatnahe Zufluchtsorte, die von reichen Ländern mitfinanziert werden, allen Beteiligten wesentlich mehr nützen als insbesondere der deutsche Alleingang im Sommer 2015. Anhand der sehr unterschiedlichen Lösungswege Ugandas und Jordaniens detaillieren sie, wie umsetzbare Alternativen aussehen könnten.

Betts und Collier bieten eine kenntnisreiche Historie der Flüchtlingspolitik seit 1945. Ihre auch anreizorientierte Analyse verdeutlicht, wie sehr die Ärmsten der Armen unter situativen Interventionen einzelner Staaten oder des UNHCR leiden und wie die Entwicklungsaufgabe langfristig effektiv gestaltet werden könnte. Allerdings wiederholen sie sich sehr häufig, z.B. hinsichtlich der Lagerproblematik oder der deutschen Politikfehler im Sommer 2015. Auch wird nicht ganz klar, wie sie sich die strikt unterschiedliche Behandlung von Flüchtlingen und Migranten konkret vorstellen, wenn ein Konflikt – wie im zentralen Fall Syriens – nicht kurzfristig gelöst wird. Insgesamt bietet ihr Buch aber pragmatische und unangepasste Reformvorschläge, die das weltweite Elend der Flüchtlinge lindern könnten.

Bertelsmann Stiftung: Escaping the Escape

“Toward Solutions for the Humanitarian Migration Crisis” lautet der Untertitel.[2] Länderexperten, darunter viele international tätige Akademiker, schildern die Situation in ihrem Land und machen Vorschläge zur künftigen Migrationspolitik. Die Palette umfasst die Ukraine, den Balkan, Griechenland und die Türkei, daneben Afghanistan, Iran, Irak, Syrien, Jordanien und Libanon. Auch die Perspektiven in Gazastreifen, Ägypten, Libyen, Tunesien, Algerien und Marokko finden ihr Kapitel, daneben Jemen, Somalia, Eritrea, Sudan und Süd-Sudan.

Positiv sind v.a. die vielen Zahlen und Faktenhintergründe zur aktuellen Landeskunde, die überwiegend einheimische Autoren bieten. Daneben laden weiterführende Quellenangaben zum tieferen Studium ein. Die politischen Empfehlungen leiden dagegen unter der etwas einseitigen Bertelsmann-Ideologie, die sich auch schwerlich kurzfristig umsetzen lässt (z.B. der Vorschlag, Eritrea wirtschaftlich zu liberalisieren). Weitere Vorschläge sind nicht gerade neu (z.B. die Erkenntnis, dass die besser ausgebildete städtische Bevölkerung das Land verlässt, weil sich die Ärmsten eine Flucht gar nicht leisten können). Schließlich bleibt vieles zu allgemein oder wiederholt sich (z.B. die Tatsache, dass man den Syrien-Krieg beenden bzw. an der Wurzel bekämpfen muss: Klar, aber wie?).[3]

Lamya Kaddor: Die Zerreissprobe

„Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht“[4], heißt es hier im Untertitel. Die Islamwissenschaftlerin wendet sich gegen „Deutschomanie“, die rassistisch motiviert sei, möchte Ängste gegenüber dem Islam abbauen und einen „Weckruf“ an die deutsche Gesellschaft senden. Sie legte den Schwerpunkt also nicht auf die Integrationsanstrengungen der Einwanderer, sondern auf die Anforderungen an die deutsche Gesellschaft. Diese müsse aktiver gegen Fremdenhass und Volksverhetzung, z.B. im Internet, vorgehen.[5]

Die medial präsente Muslimin mit syrischen Wurzeln bietet interessante Außenansichten, z.B. die Historie der Immigration nach Deutschland als eine Geschichte des Fremdenhasses. Anhand der Hugenotten argumentiert sie z.B., dass auch kulturelle Nähe und hohe Bildung nicht vor Ablehnung geschützt hätten. Auch kritisiert sie die westliche Politik als mitverantwortlich für Extremismus. Beispiel Saudi-Arabien: „Wir beliefern ein Unrechtsregime mit Waffen…“, obwohl „gerade von dort aus seit Jahrzehnten ideologische Grundlagen für ebenjenen Terrorismus exportiert werden.“ Allerdings ist die Argumentation recht persönlich und emotional, teilweise sogar nicht nachvollziehbar, etwa wenn es heißt: „Es kam zum Brexit und damit auch ein Stück zum Demokr-exit.“[6]

Jamal Quaiser: Der fremde Erfolgsfaktor

“Warum wir in Deutschland die Einwanderer dringend benötigen”, so der Untertitel.[7] Unternehmer Quaiser plädiert für einen schnellen Arbeitsmarktzugang von Einwanderern, ihre zügige Qualifizierung und eine flexiblere Anerkennung beruflicher Qualifikationen. Bislang sei Deutschland für Unternehmertypen eher unattraktiv und wertvolle Migranten würden Deutschland wieder verlassen. Das FDP-Mitglied kam mit acht Jahren aus Pakistan zunächst nach England, später nach Deutschland. Er begrüßt das englische Schulsystem, während das deutsche für Immigranten demotivierend sei: So käme ein Schüler, der nur in Chemie, Mathe und Physik brilliere, im Vereinigten Königreich nach Cambridge. In Deutschland würde er (mangels Abitur) Taxifahrer.[8]

Quaiser bietet viele praktische Verbesserungsvorschläge. Beispiel Insolvenzverfahren: Sie dauerten in Frankreich oder Großbritannien nur ein Jahr, in Deutschland dagegen viel zu lang. Beispiel flexiblere Anerkennung beruflicher Qualifikationen: Ein englischer Busfahrer benötige nur eine viermonatige Ausbildung. Und müsse ein Busfahrer wirklich perfekt die Landessprache beherrschen? Allerdings enthält das Buch auch viele Banalitäten und Fehler. So ist die Integrationskraft des Fußballs hinlänglich bekannt und Deutschland belegt keineswegs in den PISA-Tests „regelmäßig nur einen der hinteren Plätze“.[9] Beides schränkt die Überzeugungskraft erheblich ein.

Fazit

Flucht und Migration stehen weltweit erst am Anfang. Deshalb sind Lösungsvorschläge aus allen Richtungen willkommen. Konkrete und kurzfristig umsetzbare Schritte bringen dabei m.E. mehr als Langfrist-Visionen wie „Armutsbekämpfung an der Wurzel“. Auch sollte die Debatte nicht nur westlichen Akademikern überlassen werden, sondern die Erfahrungen der Betroffenen und Landeskundigen stärker berücksichtigen.


Quellen:
[1] Sozialer Fortschritt, Jahrgang 67 (2018), S. 137-139. Deutsche Fassung des Buches: Siedler, München 2017. Original: Penguin Books, London 2017.
[2] Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2017.
[3] ebenda, S. 236 (Eritrea, S. 338 (soziale Schicht der Flüchtenden), z.B. S. 46 und 195 (Syrien-Krieg).
[4] Rowohlt, Berlin 2016.
[5] Lamya Kaddor, a.a.O., z.B. S. 19 („Deutschomanie“), S. 20 (Ängste), S. 16 f. (Weckruf“) und Kap. 4 (Schwerpunkt Internet).
[6] Lamya Kaddor, a.a.O., S. 46 (Hugenotten), S. 235 (Saudi-Arabien) und S. 237 (Brexit).
[7] Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2016.
[8] Jamal Quaiser, a.a.O., S. 83.
[9] Jamal Quaiser, a.a.O., S. 238 (Insolvenzverfahren), S. 163 (Busfahrer), Kap. 6 (Fußball) und S. 84 (PISA).
 

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