CHINA FIRST ?

Britta Kuhn

Über die USA wissen wir im Westen viel, über China fast nichts. Folgende Bücher bieten lesbare Einsichten in die vielleicht wichtigste Wirtschaftsmacht der Welt.

Kroeber – Chinas Wirtschaft

Der Mitbegründer der Pekinger Wirtschaftsberatung Gavekal Dragonomics erklärt, worin sich China von anderen kommunistischen Gesellschaftsordnungen, seinen ostasiatischen Nachbarn und westlichen Industrienationen unterscheidet (Kroeber, 2016). Er verdeutlicht, wie es historisch dazu kam und warum das Land der Mitte auch künftig einen ganz eigenen Weg beschreiten dürfte. Kapitel 1 vermittelt einen Gesamtüberblick: Wirtschaftliche Liberalisierung müsse in China keineswegs mit politischer Öffnung einhergehen. Die Staatsführung habe aus dem Scheitern anderer kommunistischer Systeme gelernt, dass die Bevölkerung einen höheren Lebensstandard spüren müsse. Die Volksrepublik beschreite außerdem erfolgreiche Wege Japans, Südkoreas und Taiwans, z.B. in puncto Agrarreform und Exportorientierung. Die Folgekapitel analysieren einzelne Branchen und Politikbereiche. Klar wird, warum Kroeber das Land weit davon entfernt sieht, eine technologische Führungsposition zu erreichen und die USA als wirtschaftliche Weltmacht zu überholen.
Insgesamt ist das Buch lesenswert, weil es die wichtigsten Entwicklungen zahlenorientiert und einfach erklärt. Meine ausführliche Besprechung folgt demnächst in: Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung, DIW Berlin, vol. 87, 01.2018.

Spence – Chinas Geschichte

Der US-Sinologe stellt Chinas Geschichte vom 17. Jahrhundert bis 1989 dar (Spence, 2008). Auf fast 900 (deutschsprachigen) Seiten bietet der Geschichtsprofessor der Yale University Einblicke von der Ming-Dynastie bis zur Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Tiananmenplatz. Westliche Leser können so die Leerstelle füllen, die ihr schulischer Geschichtsunterricht hinterließ. Sie erhalten einen fundierten Zugang zu Politik und Gesellschaft eines riesigen Reiches, seinen historischen Verletzungen und kollektiven Lehren. Überdeutlich werden daneben tief verwurzelte Spannungen, die sich eines Tages Luft verschaffen könnten – man denke aktuell nur an rund 10 Mio. unterdrückte Uiguren in der nordwestlichen Provinz Xinjiang, die es am 10.9.2018 sogar in die deutsche 20-Uhr-„Tagesschau“ schafften.
Der inzwischen 82-jährige Spence schreibt genauso unterhaltsam, aber viel kenntnisreicher als üblicherweise Journalisten. Leser benötigen jedoch viel Zeit oder müssen Details großzügig überspringen.

Baron – Chinas Menschen

Der ehemalige Chefredakteur der Wirtschaftswoche und seine chinesisch-stämmige Frau erklären deutschsprachigen Lesern, wie Chinesen „ticken“ (Baron/Yin-Baron, 2018). Dabei räumen sie mit manch einem Klischee auf, das sie dazu bewogen hat, ihre Landeskunde zu verfassen. Teil I umfasst sozialpsychologische, geistes- und kulturhistorische Grundlagen. Teil II widmet sich wichtigen Einzelaspekten wie z.B. Erziehung und Sozialisation, Sprache und Kommunikation, oder dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Teil III erläutert auf diesen Grundlagen Wirtschaft und Politik des Reichs der Mitte. Wichtige Einsichten umfassen die historisch begründete Vorliebe der meisten Chinesen für hierarchische Ordnung und die außerordentliche Bedeutung familiärer Bindungen.
Das Buch ist einfach geschrieben. Die Autoren holen deutschsprachige Leser dort ab, wo diese sich befinden: Bei praktisch null. „Fachchinesisch“ wird sparsam verwendet und stets erklärt, viele Beispiele machen das tägliche Leben in China greifbar.

China oder USA first?

Selbst Sachverständige werden vermutlich noch länger darüber streiten, ob bzw. wann China die USA wirtschaftlich überholen wird. Neben unterschiedlichen Werturteilen etwa zur Innovationsstärke beider Volkswirtschaften lassen sich nämlich auch die ökonomischen Fakten unterschiedlich auslegen. So übersteigt laut Weltbank (World Bank, 2018) Chinas Bruttoinlandsprodukt schon seit 2014 das BIP der USA – gemessen an der internationalen Kaufkraft eines aktuellen US-Dollars. Im Jahr 2017 erwirtschaftete das Land der Mitte nach diesem Maßstab 23,3 Bio. USD. Die Vereinigten Staaten von Amerika kamen nur auf 19,4 Bio. USD. Gegen den Maßstab der Kaufkraftparität spricht allerdings die Existenz immobiler Waren und Menschen: Mit (umgerechnet) 10 USD erwirbt zwar ein Bauer in der chinesischen Provinz mehr lokale Dienstleistungen als ein US-Investmentbanker in Manhattan. Als Tourist im Herzen New Yorks käme er aber mit seinen 10 USD nicht weit.


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Literatur
Baron, S., Yin-Baron, G., Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht, Berlin 2018.
Kroeber, A. R., China’s economy. What everyone needs to know, New York 2016.
Spence, J. D., Chinas Weg in die Moderne, München 2008.
World Bank, GDP, PPP (current international $). World Bank, International Comparison Program database, Online im Internet: URL: https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.MKTP.PP.CD.

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