WAS WURDE AUS DEN SOWJETREPUBLIKEN?

Britta Kuhn

Das Ende des Imperiums[1] erläutert, wie sich die 15 Republiken der zerfallenen UdSSR seit den 1990er Jahren entwickelt haben.

Überblick über 10 von 15 Folgestaaten[2]

Die fünf zentralasiatischen Staaten (Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan) behandelte dieser Blog am 27.9.2019. Die übrigen zehn Folgestaaten der Sowjetunion sind, sortiert nach der Bevölkerungszahl:

  Hauptstadt ≈Bevölkerung (Mio.) ≈BIP (Mrd. USD) Währung
Russland Moskau 144 1.415 Russischer Rubel
Ukraine Kiew 46 100 Hrywnja
Weißrussland Minsk 9,5 57 Belarussischer Rubel
Aserbaidschan Baku 9,5 57 Manat
Georgien Tiflis 5 12 Lari
Moldawien Chișinău 3,6 6 Leu
Armenien Jerewan 3 9 Dram
Litauen Vilnius 3 36 Euro
Lettland Riga 2 24 Euro
Estland Tallinn 1,3 19 Euro

Enorme Vielfalt der Folgestaaten

In der UdSSR[3] hatte Stalin eine ethnische Durchmischung betrieben. Sie sollte historische Bindungen überwinden und eine neue, sowjetischen Identität schaffen. Wichtige Gemeinsamkeiten zwischen den ehemaligen Sowjetrepubliken sehen Kunze/Vogel zwar bis heute: z.B. existiere – außer im Baltikum – bis heute kein Abitur, die Korruption im Bildungswesen sei extrem hoch und überall boome in erster Linie die Schattenwirtschaft.[4] Ansonsten sind die Folgestaaten aber sehr divers.

Die Russische Föderation (im Folgenden „Russland“) umfasst 89 Gliedstaaten namens Republik oder Gebiet. Fliehkräfte existieren bis heute, vor allem in Tschetschenien[5]. Russland hängt wirtschaftlich noch extrem von Rohstoffen ab. Gemäß Kunze/Vogel entstand aber unter Putin eine gewisse Mittelschicht und etwas soziale Absicherung. Der Präsident sei populär, weil er dem Land Selbstbewusstsein zurückgegeben habe: Seit der Krim-Annexion befürworteten stabil über 80 Prozent der Bevölkerung seine Politik. Russland leide nämlich unter dem kollektiven Trauma, die Vormachtstellung der Sowjetzeit verloren zu haben.[6] Die Gemeinschaft unabhängiger Staaten GUS stelle keinen Ersatz für die UdSSR dar: Ihren Mitgliedern sei Unabhängigkeit wichtig und sie leide unter Auflösungserscheinungen. Putins Konzept für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum Russlands mit der EU sei früh gescheitert. Deshalb schmiede er neue Bündnisse, z.B. mit China und über die Eurasische Wirtschaftsunion. Die Abwendung der Ukraine von dieser Union hin zu einem Assoziierungsabkommen mit der EU habe zum aktuellen Ukraine-Konflikt geführt.[7]

Die Ukraine ist nach Kunze/Vogel zerrissen zwischen dem Wunsch nach West- versus Ostbindung, ein Kompromiss nicht in Sicht: Im Mittelalter gehörte die heutige Ukraine zum Großreich der Kiewer Rus. Im 16. Jahrhundert geriet die Westukraine unter polnisch-litauischen Einfluss. Die Ost- und Südukraine sowie die Krim gehörten dagegen zu Russland. In der UdSSR war von 1918-1934 zunächst das ostukrainische Charkow die Hauptstadt der Ukraine. Stalin verlegte sie nach Kiew. Das Zentrum der Westukraine ist bis heute Lemberg. Hier ist traditionell der polnische Einfluss stark. Die Krim teilte Chruschtschow 1954 der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik zu. Nach dem Zerfall der Sowjetunion schmerzte laut Kunze/Vogel der Ukraine-Verlust die Russen ganz besonders: Kiew sei für sie so wichtig wie Moskau und St. Petersburg gewesen und 1994 hätten drei Viertel der Russen gemeint, dass die Ukrainer kein eigenständiges Volk seien. Wirtschaftlich galt nach 1991 noch lange die alte politische Ordnung. Gleichzeitig sank das BIP und stieg die Auswanderung. Traditionell viel Streit gibt es zwischen Russland und der Ukraine um Gas. Der Gastransfer durch die Ukraine Richtung EU bzw. die Alternativ-Routen durch die Ostsee (North Stream 1 und 2) stellen ein Konfliktthema geopolitischen Ausmaßes dar.[8]

Weißrussland war – mit einer kurzen Ausnahme 1917/18 – vor 1991 kein eigener Staat, sondern u.a. Teil des Doppelstaates Polen-Litauen, später des zaristischen Russlands und schließlich der UdSSR. Verzagte marktwirtschaftliche Reformen scheiterten, bis heute herrscht dort Planwirtschaft wie in der ehemaligen Sowjetunion. Nach Kunze/Vogel wollen die meisten Weißrussen daran festhalten. Das Land gehörte 2014 mit Russland und Kasachstan zu den Gründern der Eurasischen Wirtschaftsunion.[9]

Im Südkaukasus mit den Ex-Sowjetrepubliken Aserbaidschan, Georgien und Armenien reichen die kulturellen Unterschiede und Feindschaften Jahrhunderte zurück. Gleichzeitig vermutet man im kaspischen Raum hohe Öl- und Gasreserven. In Aserbeidschan leben zahlreiche schiitische Muslime, deren Sprache aber dem Türkischen verwandt ist. Die Regierung fürchtet eine schiitische Radikalisierung wie im Iran, in dessen Norden ca. 20-30 Mio. ethnische Aserbaidschaner leben. Eine besonders komplizierte Konfliktregion ist Berg-Karabach, das Armenien und die dort lebenden Armenier von Aserbaidschan fordern. Dank Öl und Gas geht es mit Aserbaidschan trotz Korruption wirtschaftlich bergauf. Der Weg vom Kaspischen zum Schwarzen Meer gestaltet sich aber wegen der konfliktreichen Transferregion Tschetschenien schwierig.[9]

Georgien gehört zu den ältesten christlichen Staaten der Welt. Der Georgier Stalin sorgte gut für „seine“ Sowjetrepublik – auch über seinen Tod hinaus. Nach dem Ende der UdSSR wandte sich Georgien allerdings von Russland ab und den USA zu, was laut Kunze/Vogel die gesamte Region destabilisierte. Als innenpolitische Konfliktherde kamen die abtrünnigen Provinzen Adscharien, Abchasien und Südossetien hinzu. Seit Saakaschwilis Herrschaft[10] strebt Georgien einen NATO- und EU-Beitritt an. Neuerdings versucht das Land aber auch, seine Beziehungen zu Russland zu verbessern.[11]

Armenien ist ebenfalls seit Jahrtausenden christlich geprägt und ein kleines Land mit großem kulturellen Erbe. Unter osmanischer Herrschaft kamen dort 1915-1917 Hunderttausende zu Tode[12]. 1918 unabhängig, gehörte Armenien ab 1920 zur Sowjetunion. Das Land ist geografisch isoliert: Richtung Türkei wegen des Völkermord-Vorwurfs, Richtung Aserbaidschan wegen Berg-Karabach. Nach Russland geht es nur per Flugzeug, da sich die russisch-georgische Grenze (angesichts abtrünniger georgischer Provinzen, s.o.) kaum passieren lässt. 2015 trat Armenien der Eurasischen Wirtschaftsunion bei. Das Land hängt stark an Transfers von Russland und Auslandsarmeniern. Die Wirtschaftslage ist schlecht, da keine nennenswerten Energiequellen existieren und die technisch-wirtschaftliche Modernisierung bisher nicht gelang.[13]

Moldawien gilt als Europas ärmstes Land. Es fiel 1812 an Russland. 1918 entschied sich sein Westteil für Rumänien, gehörte aber ab 1940 wegen des Hitler-Stalin-Pakts zur Sowjetunion. Seit 2014 ist Moldawien mit der EU offiziell assoziiert und die Visumspflicht abgeschafft. Rumänisch-stämmige Bürger erhalten von Rumänien einen EU-Pass. Konflikte gibt es um Transnistrien, das sich faktisch von Moldawien abspaltete.[14]

Die baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland haben sich vollständig von Russland abgewandt. Sie sind wirtschaftlich erfolgreiche EU-, Euro- und NATO-Mitglieder. Ihr Verlust schmerzt laut Kunze/Vogel viele Russen, weil das Gebiet mit kurzer Unterbrechung fast 200 Jahren zu Russland gehört habe und von einer Westeinbindung vor der deutschen Vereinigung keine Rede gewesen sei.[15]

Kritische Würdigung des Buches

Lesern mit westlicher Sozialisierung dürfte vieles neu oder vertiefenswert erscheinen. Vor allem die historischen Abrisse helfen, die jüngeren Konfliktlinien einzuordnen. Allerdings ist das Buch nicht mehr aktuell und wiederholungsreich. Allein die Tatsache, dass Putin 2001 im Deutschen Bundestag sprach, wird dreimal thematisiert.[16]. Daneben argumentieren die Autoren viel Russland-freundlicher als hiesige Leitmedien. Das bietet interessante, v.a. Putin-gewogene, Einsichten. Ob sie repräsentativ sind angesichts der Tatsache, dass Kunze/Vogel vornehmlich mit Menschen sprachen, die noch Russisch beherrschen? Den vielen jungen Bürger und der Landbevölkerung zahlreicher ehemaliger Sowjetrepubliken ist diese Sprache oftmals unverständlich.

 


Quellen:


[1] Thomas Kunze, Thomas Vogel, Das Ende des Imperiums. Was aus den Staaten der Sowjetunion wurde. Ch. Links Verlag, 2. aktualisierte Auflage, Berlin 2015

[2] Thomas Kunze, Thomas Vogel, a.a.O., grauer Kasten je Länderkapitel. Die dortigen BIP-Daten sind von 2014 und dienen damit nur der relativen Einordnung.

[3] UdSSR = Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken.

[4] Thomas Kunze, Thomas Vogel, a.a.O., S. 226 ff.

[5] Laut Kunze/Vogel zeichnete sich diese Provinz bis über die Jahrtausendwende hinaus durch Kriminalität, Islamismus und wirtschaftlichen Kollaps aus. Seit 2003 herrsche jedoch ein Moskau-treues Regime. Vgl. a.a.O., S. 138 ff.

[6] Thomas Kunze, Thomas Vogel, a.a.O., S. 129 ff.

[7] Thomas Kunze, Thomas Vogel, a.a.O., S. 109 ff.

[8] Thomas Kunze, Thomas Vogel, a.a.O., S. 162 ff.

[9] Thomas Kunze, Thomas Vogel, a.a.O., S. 191 ff.

[10] Langjähriger georgischer Staatspräsident, der in Georgien per Haftbefehl (u.a. wegen Amtsmissbrauchs) gesucht wird, aber im Ausland lebt. Vgl. Thomas Kunze, Thomas Vogel, a.a.O., S. 114.

[11] Thomas Kunze, Thomas Vogel, a.a.O., S. 203 ff.

[12] Die Schätzungen reichen von 800.000 bis 1,5 Mio. ermordeten Armeniern. Vgl. Dietmar Pieper und Rainer Traub (Hg.), Der Islam. 1400 Jahre Glaube, Krieg und Kultur, München 2011, S. 136.

[13] Thomas Kunze, Thomas Vogel, a.a.O., S. 219 ff.

[14] Thomas Kunze, Thomas Vogel, a.a.O., S. 179 ff.

[15] Thomas Kunze, Thomas Vogel, a.a.O., S. 64 f. und 67.

[16] Thomas Kunze, Thomas Vogel, a.a.O., S. 116, 146 und 302.

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