ISLAM-GRUNDLAGEN FÜR ÖKONOMEN


Britta Kuhn

„Der Islam“ von Dietmar Pieper und Rainer Traub vermittelt Grundkenntnisse und die wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung dieser Weltreligion.[1]

Fragen über Fragen

Wie kam es zum kometenhaften Aufstieg des Islams bereits kurz nach seiner Gründung? Warum folgte ab dem 18. Jahrhundert sein – v.a. machtpolitischer – Abstieg? Wie entwickelten sich die verschiedenen religiösen Strömungen? Inwiefern liegen sie aktuellen Konflikten zugrunde, z.B. im Fall Saudi-Arabiens gegen Iran? Wie ist es möglich, dass Muslime Phänomene wie die gesellschaftliche Rolle der Frau so unterschiedlich bewerten? Der Sammelband gibt keine einfachen Antworten. Aber sachdienliche Hinweise in einer komplizierten Materie.

Muslimische Wirtschaftsgeschichte ultrakurz

Mohammed etabliert den Islam binnen zehn Jahren: 622 zieht er nach Jathrib, wo Streit herrscht. Seine diesseitige Botschaft schweißte die Menschen dort zusammen. Religion und weltliche Macht sind von Anfang an eins – anders als im Christentum. 632 stirbt Mohammed. Die Grundlagen für ein Weltreich sind gelegt.[2]

Ab Mitte des 8. Jh. ist Bagdad das geistige Zentrum der Welt. Seine Attraktivität folgt aus Toleranz, Offenheit und Pragmatismus. Z.B. dürfen Christen und Juden in dieser islamischen Metropole ungehindert ihre Religion ausüben. Muslime zahlen allerdings niedrigere Steuern. Die Araber legen die Grundlage der modernen Mathematik, Physik und Astronomie, indem sie Vorarbeiten von Griechen und Indern systematisieren und verschmelzen. Mit Bagdad entsteht die erste Millionenstadt der Geschichte, diesseitige Sinnesfreuden sind den dortigen Muslimen willkommen. Nach Bagdad erleben weitere Städte wie z.B. Córdoba einen enormen Aufschwung. Die al-Azhar-Universität in Kairo entsteht im 10. Jahrhundert – lange vor der ersten mitteleuropäischen Universität (Prag: 1348).

Europa erlebt seinen ersten Entwicklungsschub erst im 12. Jahrhundert: Kaufleute beginnen, Fernhandel zu treiben und Banken zu gründen. Ab dem 15. Jahrhundert folgen der Buchdruck, der Seeweg nach Indien, die Aufklärung sowie die französische und industrielle Revolution. Der Orient fühlt sich zwar weiterhin überlegen, hat dem Westen aber ab Ende des 18. Jahrhunderts militärisch, ökonomisch, technisch und wissenschaftlich immer weniger entgegenzusetzen. Islamwissenschaftler sind uneins: War die enge Verbindung von Staat und Religion nicht mehr zeitgemäß? Oder die Obrigkeit einfach nur borniert? Wie kam es zur Verdrängung der toleranten, lebensfrohen und kreativen Lebensweise?[3]

Das vormals riesige Osmanische Reich geht mit dem ersten Weltkrieg unter. 1923 wird die Türkei ein europäisch ausgerichteter Nationalstaat. „Atatürk“ (Vater der Türken) schafft das Kalifat 1924 nach fast 1300 Jahren ab. Bis heute scheint den Buchautoren die Türkei gespalten zwischen säkularen versus muslimischen Eliten einerseits und nicht-assimilierungswilligen Minderheiten versus Nationalisten andererseits – auch wenn Erdogan wieder nach osmanischer Bedeutung strebe.[4]

Religiöse Strömungen für absolute Anfänger…

Mohammeds vierter Nachfolger war sein Vetter und Schwiegersohn Ali Bin Abi Talib. Er wurde von seinem Gegenspieler Muawija Bin Abi Sufjan bekämpft, aber nicht besiegt. Die Mehrheit der heutigen Muslime, rund 90% Sunniten, sehen diesen Gegenspieler als Mohammeds Nachfolger. Die Minderheit hielt an Mohammeds Verwandtem fest – die heute rund 10% Schiiten. Auf der Arabischen Halbinsel verbreitete sich ab 1746 der Wahabismus, eine fundamentalistisch-puritanische Bewegung Mohammed Bin Abd al-Wahabs. Er kooperierte erfolgreich mit dem Beduinenfürst Mohammed Bin Saud. 1928 gründete Hassan al-Banna in Ägypten die Muslimbruderschaft – aus Zorn auf die britische Kolonialisierung. Der Islamismus entwickelte sich ebenfalls erst im 20. Jahrhundert. Er versteht den Islam als politische Ideologie, der alle Lebensbereiche auf Basis radikal-religiöser Auslegungen regeln soll – auch gewaltsam.[5]

…und ihre aktuelle politische Bedeutung

Die Schiiten sind derzeit nur im Iran einflussreich. In anderen Ländern wie z.B. Libanon, Irak, Saudi-Arabien, Afghanistan oder Pakistan tragen sie allerdings zu erheblichen politischen Spannungen bei. Der Wahabismus dominiert die Arabische Halbinsel. In Saudi-Arabien ist der Koran offizielle Verfassung und Bin Laden wuchs dort auf. In Ägypten stützte der Westen jahrzehntelang Mubarak als Stabilitätsgarant, so dass die Muslimbruderschaft erst in jüngerer Zeit eine signifikante politische Rolle spielt. Daneben gibt es in der islamischen Welt das Streben nach einem säkularen Panarabismus (arabisch Watan), nach einer Gemeinschaft aller Muslime im Kalifat (arabisch Umma), und die zunehmende Radikalisierung Indonesiens durch Wahabismus und Islamismus.[6]

Große Bewertungsspielräume

Die erste Gesamtversion des Korans in Form aller mündlichen und schriftlichen Überlieferungen Mohammeds entstand 653 – also schon gut 20 Jahre nach dessen Tod. Dazu kamen weitere Überlieferungen seiner Taten und Worte, die Hadithe. Die Scharia meinte ursprünglich alle religiösen und rechtlichen Normen des Islams, die Gelehrte aus diesen beiden Quellen über Jahrhunderte entwickelten. Heute wird der Begriff häufig auf strittige Fragen wie die ungleiche Geschlechterbehandlung reduziert.

Der Sammelband verdeutlicht im Detail, dass Koran und Hadithe maximale Rechtsunsicherheit bzw. Interpretationsfreiheit bieten. Muftis, also Islamgelehrte, stellen deshalb Fatwas aus, d.h. verbindliche Auslegungen einer Frage. Weitere Experten leiten aus beiden Quellen z.B. wahlweise die Vielehe bzw. ihr Verbot ab, argumentieren mit historischen Umständen oder vermuten, dass vieles in die Texte hineininterpretiert wurde. Das ist vermutlich in jeder Theologie ähnlich – nur sind im Islam die gesellschaftspolitischen Konsequenzen größer. So diskutieren Gelehrte seit über 100 Jahren Verschleierungsfragen (ob und wie): Die Folge sind ein Nebeneinander von „ohne“, Hidschab (Gesicht sichtbar), Nikab (Augen sichtbar) und Burka (nichts sichtbar).[7]

Kritische Würdigung des Buches

„Der Islam“ deckt die Entwicklung und Bedeutung dieser Weltreligion in seiner großen Vielfalt über rund 1400 Jahre ab. Die meisten Beiträge stammen von Spiegel-Redakteuren. Sie fassen die islamwissenschaftliche Forschung und Kontroverse verständlich zusammen. Vier Chroniken geben die wichtigsten Ereignisse übersichtlich wieder. Ein Register, das wichtige Fachbegriffe erklärt, rundet das Buch ab.[8]


Quellen:

[1] Dietmar Pieper und Rainer Traub (Hg.), Der Islam. 1400 Jahre Glaube, Krieg und Kultur. München, 2011.

[2] Ibid, S. 44.

[3] Ibid, S. 141 ff. (beide vorangehenden Absätze).

[4] Ibid, S. 136 f. und 182 ff..

[5] Ibid, S. 60 f. (Sunniten und Schiiten), S. 139 und 153 f. (Wahabismus), S. 157 (), S. 252 f. (Islamismus).

[6] Ibid, S. 61 (Schiiten, S. 154 (Wahabismus), S. 161 (Muslimbruderschaft), S. 192 (Panarabismus und Kalifat), S. 221 (Indonesien).

[7] Ibid, S. 60 (Koran), S. 75 (Hadithe), S. 71 und 265 f. (Scharia), S. 267 f. (Verschleierung).

[8] Ibid, S. 49 ff., 92 ff., 138 ff. und 188 ff.

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