Frieden dank Taiwans Chipindustrie?

Britta Kuhn

Besetzt die Volksrepublik China bald Taiwan? Oder schützt Taiwans Rolle in der globalen Chipindustrie den Status-quo? In der Zeitschrift WiSt[1] beleuchte ich diese Fragen historisch, sozio-kulturell und wirtschaftlich.

Zerbrechlicher Konsens der Ein-China-Politik

Taiwan gehörte von 1683 bis 1895 zum Chinesischen Reich, war die nächsten 50 Jahre eine japanische Kolonie und gilt seit 1945 offiziell als chinesische Provinz. Der WiSt-Beitrag vertieft, wie kompliziert sich Taiwans diplomatischer Status seither gestaltet. Stark vereinfacht gelang es den USA, der Volksrepublik und Taiwan, auf dem Papier ein China festzuschreiben, das in der Praxis aus zwei Systemvarianten besteht. Dieser Spagat wurde aber schwieriger, als sich Taiwan ab den 1980er Jahren von einer Diktatur zu einer pluralistischen Demokratie verwandelte. Es kam vermehrt zu Spannungen, bei denen aber die USA stets ihre Bereitschaft signalisierten, Taiwan zu verteidigen, solange die Inselrepublik nicht ihre offizielle Unabhängigkeit von Festlandchina erklärte.[2]

Wachsende sozio-kulturelle Divergenz

Taiwans Bevölkerung fühlt sich allerdings immer weniger chinesisch. Das hat einerseits historische Gründe, z.B. ihre Japonisierung bis 1945. Andererseits fühlen sich gerade junge Menschen immer häufiger ausschließlich taiwanisch – bei den 18-29-Jährigen waren es Ende 2019 bereits 83 Prozent. Auch der Wunsch nach einer engen Beziehung zum chinesischen Festland nimmt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ab. Der WiSt-Aufsatz verdeutlicht diese Entwicklung anhand unabhängiger Befragungsergebnisse und der politischen Spannungen. Deng Xiaopings Ansatz „Ein Land, zwei Systeme“ gerät unter Xi Jinping zusätzlich unter Druck, wie sein Durchgreifen in Hongkong zeigte.[3]

Taiwans technologische Überlegenheit bei Computerchips

Taiwans Chipindustrie könnte die Volksrepublik allerdings noch einige Jahre lang davon abhalten, die Insel militärisch einzunehmen – von Chinas militärischer Leistungsfähigkeit im Vergleich zu den USA einmal abgesehen. Denn taiwanische Firmen, allen voran TSMC, produzieren die leistungsfähigsten Chips weltweit. Als Vergleichsmaßstab dienen hierbei Nanometer – auch diese Details erklärt der WiSt-Beitrag. China, die USA und selbst Südkorea sind technologisch noch längst nicht so weit. Würde die taiwanische Chipproduktion ausfallen, verlöre die Welt schätzungsweise ein Prozent ihres BIPs und sowohl die USA, als auch China könnten beispielsweise ihre Apple- bzw. Huawei-Smartphones nicht mehr herstellen. Taiwans Chipanbieter sind außerdem auf US-Maschinen angewiesen, die wiederum kaum an Xis China nach einer Inselbesetzung liefern dürften. Jeder hängt also von jedem ab. Und Taiwan tut alles dafür, damit dies so bleibt. Zwar befindet sich die Volksrepublik auf Aufholjagd. Branchenexperten trauen ihr aber auf absehbare Zeit keine Selbstversorgung zu.[4]

Fazit

Bleibt zu hoffen, dass die drei Akteure USA, Volksrepublik China und Taiwan die ökonomischen Vorteile einer Kooperationslösung weiterhin aufrechterhalten. Sie liegt darin, den komplizierten Kompromiss aus offizieller Ein-China-Politik und faktischer Zwei-Staaten-Lösung fortzusetzen.


Quellen:

[1] Britta Kuhn, Sichert Taiwans Chipindustrie den Frieden? WiSt (Wirtschaftswissenschaftliches Studium) (2022) 51(Heft 1), S. 36-39.

[2] Vgl. Britta Kuhn, a.a.O., S. 36 f. Im Detail: M. Naß, Drachentanz, München 2021, v.a. S. 158 ff.; K. Vogelsang, China und Japan, Stuttgart 2020, v.a. S. 361 ff.; H. Kinder, W. Hilgemann und M. Hergt (2017), dtv-Atlas Weltgeschichte, Band 2, München 2017, v.a. S. 619.

[3] Britta Kuhn, a.a.O., S. 37. Befragungsergebnisse im Detail: K. Devlin und C. Huang, In Taiwan, Views of Mainland China Mostly Negative, Pew Research Center, 12.5.2020, v.a. S. 12; NCCU, Changes in the Unification – Independence Stances of Taiwanese as Tracked in Surveys by Election Study Center, NCCU (1994-2021.06), National Chengchi University, https://esc.nccu.edu.tw/upload/44/doc/6963/Tondu202106.jpg (Abruf 8.10.2021).

[4] Britta Kuhn, a.a.O., S. 38 f. Geschätzter weltweiter Produktionsausfall im Detail: M. Nogimori, Growing Tension around Taiwan and Higher Risks in Semiconductor Industry, JRI Research Journal 4(7), 2021, v.a. S. 1 f. Geschätzte künftige Selbstversorgung Chinas im Detail: IC Insights, China Forecast to Fall Far Short of its „Made in China 2025“ Goals for ICs, Research Bulletin, 6.1.2021, S. 1.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

%d Bloggern gefällt das: