Britta Kuhn
Reiche Länder können sich viel Unnötiges leisten. Ist das schöner Luxus? Oder ein Problem?
Norwegen, UK und Deutschland
„Can a country get too rich?“, fragte der britische Economist im April 2026.[1] Es ging um Norwegen: Das Land wurde durch Öl reich und leistet sich nun unter anderem einen großzügigen Wohlfahrtsstaat. Das Gesundheitssystem beispielsweise ist 30% teurer als im EU-Durchschnitt. Anders als beim Nachbar Dänemark gibt es keinen Reformdruck in Richtung Effizienz. Ähnlich sieht es im Bildungssystem aus: 60% der jungen Norweger studieren – eine der höchsten Quoten innerhalb der reichen OECD. Das Studium ist kostenlos und es gibt großzügige Hilfen zum Lebensunterhalt. Junge Norweger studieren besonders lange und meiden technisch-naturwissenschaftliche Fächer. Die Hälfte aller entsprechenden Forschungsstellen besetzen Einwanderer – bezogen auf Norwegens Migrantenquote ein weit überdurchschnittlicher Wert. “Can a country’s wealth undermine its prospects?” fragt der Economist. Die Antwort lautet “ja”, wie auch die Entwicklung des Vereinigten Königreichs und Deutschlands zeigen.
Großbritannien befand sich um 1900 auf seinem wirtschaftlichen Höhepunkt. Man ließ arbeiten, z.B. Indien und Hongkong. Das junge, ehrgeizige Deutschland wurden als Nachahmer belächelt und despektierlich mit „Made in Germany“ etikettiert. Aber nach und nach kam den Briten ihr Weltreich abhanden. Deutschland wurde Europas führende Wirtschaftsnation, „Made in Germany“ avancierte zum Qualitätssiegel.
Ab den 1970er Jahren schaute seinerseits Deutschland verächtlich auf China, das angeblich nur kopierte. Zunehmend reduzierte die heimische deutsche Bevölkerung ihre effektive Lebensarbeitszeit. Gleichermaßen anstrengende und schlecht bezahlte „shit jobs“ – die Terminologie stammt von David Graeber[2] – überlies man Eingewanderten mit Aufstiegswillen. Oftmals liefern sie zum Beispiel Pakete aus, sitzen an Supermarkt-Kassen und reparieren Deutschlands Straßen und Schienen. Menschen ohne Migrationshintergrund konzentrieren sich auf besser bezahlte und bequemere „bullshit jobs“ [2]. Sie bauen also schrittweise öffentliche sowie private Verwaltungsbürokratien aus und bereisen in ihrer reichlich vorhandenen Freizeit die ganze Welt.
Luxus oder Problem?
Gegen das deutsche Dolce Vita wäre nichts einzuwenden, ginge Deutschland mangels Wirtschaftskraft nicht allmählich das Geld aus. Denn ohne Wertschöpfung keine Umverteilung. So weit, so bekannt – siehe auch die Diskussion um Effizienzsteigerungen durch Künstliche Intelligenz. Diese Diskussion konzentriert sich darauf, gegebene Aufgaben besser, schneller und/oder billiger zu erledigen. Weniger bekannt sind die enormen Effektivitätsreserven, die sich hierzulande heben ließen. Indem wir die richtigen Dinge täten und den Rest wegließen.
„Das Richtige tun und den Rest weglassen“: Beispiel Bildungssystem
Welche Effektivitätsreserven allein im deutschen Bildungssystem schlummern, möge folgendes Beispiel aus meiner Hochschule RheinMain (HSRM) verdeutlichen. An anderen Hochschulen läuft es sehr ähnlich. Die HSRM verfügte am 10.4.2026 über 1.133 Beschäftigte. Zu den rund 75% nicht-professoral Beschäftigten[3] gehört zum Beispiel die Abteilung „Studium und Lehre“, eine „lehrunterstützende Einheit“[4]. Sie besteht aus drei Sachgebieten, darunter die „Studienqualitätsentwicklung“, die ihrerseits „berät“, „begleitet“ und „unterstützt“[5]. Die weiteren Sachgebiete befassen sich unter anderem mit „Didaktik“ und „Evaluation“.[6] Neben dieser Abteilung unterstützen ein „LehrLernZentrum“[7] und eine „Prüfstelle Qualitätssicherung“. Letztere „koordiniert“, „überwacht und dokumentiert“, „führt Gremienläufe (…) durch“, „kommuniziert“ und „administriert“[8], um nur einige Tätigkeiten zu nennen.
Was genau tun die durchaus zahlreichen Beschäftigten der genannten Einheiten? Sie erklären zum Beispiel, wie ein neuer Studiengang aussehen sollte, damit die Hochschule ihn genehmigt („akkreditiert“). So erhalten Professoren in ganztägigen „Curriculums-Werkstätten“ Verbtabellen, mit denen sie ihr künftiges Studienprogramm in einem „elektronischen Modulhandbuch“ beschreiben müssen, damit es auf eine „Ziel-Module-Matrix“ einzahlt, die „Fach-, Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenzen“ symbolisiert.
Selbstverständlich liefert jede KI die geforderten Satzbausteine anstandslos. Nur wen interessieren sie? Warum entwickeln nicht einfach Professoren und Studenten neue Studiengänge? Also Menschen, die Studium und Lehre aus dem praktischen Effeff kennen? Weil das Ministerium es anders will? Falls ja: Wer im Ministerium? Etwa Geisteswissenschaftler fern der Lehre? Falls ja: Warum entschärfen diese Fachkräfte nicht den Lehrermangel in Deutschlands Grundschulen? (Dort benötigen viele Kinder aus schwierigen sozioökonomischen Verhältnissen und diversen Kulturkreisen intensive Lernbegleitung. Verbtabellen würden hier echten Mehrwert stiften.) Weil die Tätigkeit im Klassenzimmer anstrengend ist? Die Koordination, Unterstützung und Beratung hochschulinterner Prozesse dagegen nicht? Der gesellschaftliche Wertschöpfungsbeitrag einer soliden Grundschul-Ausbildung gilt als gesichert. „Curriculums-Werkstätten“ binden dagegen Gelder, die an der Lehrefront zunehmend fehlen, und senken Deutschlands Lehr- und Forschungsleistung .
Fazit
Zu viel Reichtum kann die Wirtschaft schädigen. Erstens fließt Geld in unnötige Tätigkeiten. Das wäre bestenfalls noch verkraftbar, wenn es bei Selbstbeschäftigung à la Keynes bliebe. Die unnötigen Aktivitäten binden aber weitere Beschäftigte. Auch sie schaffen während der Projektarbeit keine Werte. Folglich schrumpft die Wirtschaftskraft bzw. steigt weniger als möglich. Der Wohlfahrtsstaat ist damit immer weniger finanzierbar.
Quellen:
[1] The Economist, 1.4.2026, https://www.economist.com/finance-and-economics/2026/04/01/can-a-country-get-too-rich.
[2] David Graeber, Bullshit-Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit. Klett-Cotta, 4. Auflage 2019. Vgl. auch auf diesem Blog: https://besser-wachsen.com/2022/10/14/fachkrafte-mangel-was-tun/#more-2328.
[3] https://www.hs-rm.de/ueber-uns/profil/hsrm-in-zahlen.
[4] https://www.hs-rm.de/ueber-uns/organisation/hochschulverwaltung/studium-und-lehre.
[6] https://www.hs-rm.de/ueber-uns/organisation/hochschulverwaltung/studium-und-lehre/didaktik-und-digitale-lehre bzw. https://www.hs-rm.de/ueber-uns/organisation/hochschulverwaltung/studium-und-lehre/evaluation-und-hochschulstatistik.
[7] https://www.hs-rm.de/lehrlernzentrum/ueber-uns.
[8] https://www.hs-rm.de/ueber-uns/organisation/hochschulverwaltung/paq/pqs.