Was verhindert Finanzkrisen wirklich?

Britta Kuhn

In seinem jüngsten Buch „Das Moneyfest“ fordert der heterodoxe Ökonom Prof. Dr. Hege Peukert unter anderem, das Geldschöpfungsprivileg der Banken zu beenden, Geldhäuser ab einer Bilanzsumme von 100 Mrd. € zu zerschlagen, das bilanzielle Eigenkapital aller Finanzdienstleister auf 30% zu erhöhen und ein Trennbankensystem einzuführen. In Kürze kommt Peukert nach Wiesbaden, um dort mit mir über Wege aus der Finanz- und Staatsschuldenkrise zu diskutieren (Montag, 28.4.2014, 19.30 Uhr, Georg-Buchhaus, Wellritzstr. 38).

Überkomplexe, aber halbherzige Finanzmarktreformen stabilisieren nicht

Peukert gehört zu den wenigen Volkswirten, die aus verschiedenen Blickwinkeln die Besonderheiten und Instabilitäten moderner Finanzmärkte analysieren. So zeigt er die Defizite der Effizienzmarkthypothese auf, kritisiert die riskante Fiktion einer statistischen Normalverteilung nach Gauss und erläutert die finanzmarktrelevanten Befunde der modernen Verhaltenspsychologie[1]. Aber nicht nur seine grundsätzliche Instabilitäts-Annahme macht ihn zu einem interessanten Gesprächspartner. Auch reichen seine Kenntnisse zur bisherigen Finanzmarktregulierung sehr weit. Er kritisiert sie als „komplex, intransparent und oft wachsweich“. So sei zum Beispiel allein schon die Kompetenzverteilung der Regulierer intransparent, Basel III ändere nur die Struktur des Eigenkapitals, aber nicht dessen eigentliche Höhe, und von Leerverkäufen bzw. dem Kauf von Kreditausfallversicherungen gingen immer noch erhebliche Risiken aus[2].

Vollgeld, Größenlimits und weitere radikale Stabilisierungsreformen

Als wichtigste Stabilisierungsmaßnahme überhaupt empfiehlt Peukert, vom heutigen fraktionellen Reservesystem und seiner unkontrollierbaren Buchgeldschöpfung durch Banken abzurücken. Im Sinne Joseph Hubers schlägt er ein Vollgeldsystem vor, bei dem allein die Zentralbank Geld und Sichtguthaben generiert. Girokonten würden zu reinen Tresoren und aus der Bankbilanz herausgenommen, nur aus Sparkonten könnten Banken Kredite vergeben, aber keine zusätzliche Liquidität schöpfen. Kreditblasen und Bankinsolvenzen würden dadurch unmöglich, die Zentralbank würde das Geld als eine vierte Gewalt über die Realwirtschaft in Umlauf bringen[3].

Einen weiteren wesentlichen Reformschritt sieht Peukert, der auch ein Diplom in Soziologie und eine Dissertation in Philosophie vorweist, in der Zerschlagung systemrelevanter Banken. Größenlimits von 100 Mrd. Euro[4], eine Trennung von Geschäfts- und Investmenbanking sowie der Einbezug von Schattenbanken seien notwendig. Die diesbezüglichen Vorschläge der EU reichten nicht weit genug. Wie der bekannte Ökonom Martin Hellwig fordert er des Weiteren 30% Eigenkapitalunterlegung sämtlicher bilanzieller Aktiva, also ein Ende externer und interner Risikogewichtungen und dies auch für Finanzdienstleister ohne Banklizenz, die so genannten Schattenbanken. Bezüglich des außerbörslichen Derivatehandels reiche es aus, diesen nicht-einklagbar zu machen, denn damit erledige sich dieses Geschäft von selbst. Seien diese und einige weitere Schritte getan, fände auch die von der Öffentlichkeit stark überschätzte Boni-Debatte ein Ende[5].

Diskussion am 28.4.2014 in Wiesbaden

Peukert schreibt, wie er spricht, nämlich lebendig, ohne falsche Rücksicht und mit eingängigen Vergleichen. So sei Jörg Asmussen ein „Musterbeispiel der modernen Flexians“, Basel III ein „Verschiebebahnhof“ und die Argumentation gegen Alleingänge von 11 EU-Staaten bei der Einführung einer Finanztransaktionssteuer falsch: „Schließlich ist in Deutschland auch Kinderarbeit verboten, obwohl dies zu Wettbewerbsnachteilen führt.“ Oder zur Unzweckmäßigkeit ungedeckter Kreditausfallversicherungskäufe „möge man sich fragen, warum sich Menschen nicht gegen den Brand des Hauses des Nachbarn versichern können. Will man etwa vermeiden, dass versehentlich eine brennende Zigarette im Hochsommer in dessen Garten landet?“[6]

Die Diskussion mit Peukert über Wege aus der Finanz- und Staatsschuldenkrise dürfte also spannend sein. Ich werde seine Thesen abklopfen, z.B.: Wie würde das Vollgeld konkret in die Realwirtschaft gelangen? Warum stimmen so wenige Ökonomen seinen radikalen Vorschlägen zu einem Trennbankensystem zu? Wäre eine Postwachstumsökonomie wirklich die einzige Möglichkeit, zu einem nachhaltigen Lebensstil zu gelangen, wie Peukert in seinem Schlusskapitel schreibt? Oder gäbe es auch weniger radikale und dafür realistischere Wege, wie ich sie mit Studierenden der Wiesbaden Business School im Buch „Besser Wachsen. Maßnahmen für eine Bevölkerungsmehrheit“ entwickelt habe?


Quellen:

[1] Helge Peukert, Das Moneyfest, Marburg 2013, Kap. 2.

[2] Helge Peukert, a.a.O., Kapitel 7, Zitat S. 89.

[3] Helge Peukert, a.a.O., Kapitel 8, Zitat S. 113. Details zum Vollgeld z.B.: Joseph Huber, „Vollgeld und 100%-Reserve (Vollreserve)“, 21.5.2013, http://vollgeld.de/blog/1952013vollgeld-und-100-reserve-chicago-plan; sehr umfassend: Monetative, http://www.monetative.de/ (Zugriff 7.3.2014). Kritische Würdigung auf diesem Blog unter https://besser-wachsen.com/2014/03/28/vollgeld-verhindert-finanzkrisen/

[4] Helge Peukert, a.a.O., 2. Forderung. Ähnlich, aber radikaler Andrew Haldane von der Bank of England, der schon 2010 ein Größenlimit von 100 Mrd. USD forderte: Ders., „The $100 billion question”, 30.3.2010, http://www.bis.org/review/r100406d.pdf (Abruf 6.4.2014).

[5] Helge Peukert, a.a.O., Kapitel 9.

[6] Helge Peukert, a.a.O., jeweils S. 84, 94, 129 bzw. 131.

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