BEFRAGUNG ZU „ANSTUPSERN“: CHANCE ODER UNERWÜNSCHTER EINGRIFF?

Britta Kuhn

Praxisprojekt von Katharina Flader, Madleen Heinzeroth, Maximilian Jakob, Sebastian Mützlitz und Edith Tchinda

Anstups-Maßnahmen (engl. „nudges“) werden immer beliebter, da ihre Wirksamkeit bereits in einigen Studien gezeigt werden konnte. In einem schwedischen Experiment zum Beispiel nutzten mehr Menschen öffentliche Mülleimer, wenn diese beim Öffnen Geräusche erzeugten[1]. Aber wie bewerten Deutschlands BürgerInnen solche Eingriffe? Und spielt es eine Rolle, von welcher Partei der Vorschlag stammt? Ein studentisches Forschungsteam der Wiesbaden Business School unter Leitung von Ullrich Wilding fand heraus: Die meisten Befragten finden Nudges positiv – vor allem für Andere und wenn die Anregung von der individuell bevorzugten politischen Richtung stammt.

Schwerpunktthema Gesundheit

Foto, jeweils von links: Vorne Katharina Flader, Edith Tchinda, Madleen Heinzeroth; hinten Maximilian Jakob, Sebastian Mützlitz. (Quelle: privat)

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Die Studierenden befragten 100 zufällig ausgewählte PassantInnen in der Wiesbadener Fußgängerzone insbesondere zu Bewegung, gesunder Ernährung und entsprechendem Einkauf[2]. Eine Befragung im vorangehenden Semester hatte noch sechs verschiedene Themenbereiche abgefragt[3], eine inhaltliche Spezialisierung war nun der nächste konsequente Schritt. Als Parteienpole wählte die Projektgruppe AfD, FDP und Linke.

Nudges werden positiv gesehen – vor allem für Andere und von sympathisierten Parteien

„Wenn Menschen genudged werden wollen, dann legen sie bei sich andere Maßstäbe an als bei anderen.“[4] Diese erste Hypothese bestätigte sich: So votierten 64 Befragte für eine bessere gesundheitliche Aufklärung Anderer, die ihrer Meinung nach zu wenig über gesunde Ernährung wissen (so genannter „internaler Nudge“). Aber nur 19 hielten dies bei sich selber für notwendig. Zeitmangel aufgrund enger Terminpläne und Vereinbarungen („externaler Nudge“) nannten 42 Interviewte als Grund dafür, sich nicht genug zu bewegen bzw. ungesund zu essen und einzukaufen. Aber nur 2 TeilnehmerInnen billigten diese Entschuldigung ihren Mitmenschen zu[5]. Auch die zweite Hypothese bestätigte die empirische Studie: „Wenn eine Idee von einer sympathisierten Partei kommt, dann ist die Zustimmung zu dieser Idee größer.“[6]

Fazit der Autorin und weiterer Forschungsbedarf

Die Befragung zeigt, dass „Anstupser“ eine Alternative zu Laissez-faire und Paternalismus darstellen[7] – vor allem, wenn die Initiative von präferierten Parteien stammt. Bemerkenswert erscheint hierbei die Diskrepanz zwischen Selbsteinschätzung und Fremdbeurteilung der Interviewten. Beide Befunde sprechen für Nudges, die eher unbewusst wahrgenommen werden, beispielsweise anders dargebotene Kantinenspeisen, die den Kauf gesunder Lebensmittel stärken. Es kommt also offenbar entscheidend darauf an, wie Nudges ausgestaltet sind und wer sie vorschlägt. Hier wären weitere Befragungen und Experimente im deutschen Kontext nützlich.

Die Projektgruppe selbst nennt als Optimierungsmöglichkeiten ihrer Befragung weniger oder noch klarer formulierte offene Fragen, eine breitere Altersspanne, den Stadt-Land-Vergleich und die Schriftform, um „sozialverträgliche“ Antworten zu vermeiden[8].

 


Quellen:

[1] Zitiert nach Katharina Flader, Madleen Heinzeroth, Maximilian Jakob, Sebastian Mützlitz und Edith Tchinda , „Nudging – Eine Chance auf Verbesserung oder ein unerwünschter Eingriff in das Entscheidungsverhalten?“. Hausarbeit i.R.d. Veranstaltung “Skills IV (Praxisprojekte) des Studiengangs Bachelor of Arts in Business Administration, Wiesbaden Business School, 20.6.2014, S. 8.

[2] Details: Katharina Flader et al., a.a.O., S. 14 und S. 33.

[3] Zusammenfassung auf diesem Blog unter https://besser-wachsen.com/2014/02/20/zwei-von-drei-wollen-genudged-werden/#more-734.

[4] Katharina Flader et al., a.a.O., S. 12.

[5] Katharina Flader et al., a.a.O., S. 27 f..

[6] Katharina Flader et al., a.a.O., S. 12 und S. 28-30.

[7] So auch Fazit der Projektgruppe. Vgl. Katharina Flader et al., a.a.O., S. 38.

[8] Katharina Flader et al., a.a.O., S. 36 f..

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Ein Gedanke zu „BEFRAGUNG ZU „ANSTUPSERN“: CHANCE ODER UNERWÜNSCHTER EINGRIFF?

  1. FDominicus sagt:

    Anstoßen? Lasst uns einfach Peitsche nicht mehr Peitsche nennen. Mir fehlt bei soviel Arroganz einfach jedes weitere Wort.

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