KONTROLLIEREN SUPERREICHE AUCH DEUTSCHLAND?


Britta Kuhn

Extreme Vermögenskonzentration gibt es nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Schwer zugängliche Zahlen bahnen sich zunehmend den Weg in die Öffentlichkeit, z.B. Jens Bergers „Wem gehört Deutschland“[1]. Eine überflüssige Neiddiskussion? Oder steht die Demokratie auf dem Spiel?

Weltweite Diskussion: Vom reichsten Prozent zum reichsten Promille

Über Jahre beschränkten sich Medienberichte auf Einkommensverteilung und Armutsberichte. Seit Piketty’s Bestseller[2] gerät zunehmend die Vermögensverteilung in den Blick. Diese Daten sind viel interessanter, weil sie über wirtschaftliche Machtkonzentration informieren. Beispielsweise ist der US-Vermögensverwalter BlackRock bei jedem zweiten Dax-Konzern der größte Anteilseigner und bei 15 der 20 teuersten Unternehmen weltweit einer der beiden größten Eigenkapitalgeber[3]. Oder: 19 der 20 global mächtigsten Unternehmen sind Finanzunternehmen[4]. Oder: Das oberste Promille der US-Bevölkerung hielt 2012 bereits 22% des Nettovermögens – fast so viel wie die unteren 90% der Bevölkerung mit 23%. 1978 hatte der Anteil der Supervermögenden noch bei „nur“ 7% gelegen – gegenüber mehr als 35% der unteren 90% Mitte der 1980er Jahre[5]. Inzwischen schaffen es Verteilungsberichte sogar auf die Titelseite großer Zeitungen: So fasste der britische Guardian kurz vor dem World Economic Forum in Davos eine neue Verteilungsstudie zusammen, nach der 2014 die 80 reichsten Menschen der Welt so viel besaßen wie der ganze Rest[6].

Wem gehört Deutschland?

Jens Berger trägt in seinem Buch zahlreiche Statistiken und Beispiele zusammen, die ein Bild der deutschen Vermögensentwicklung vermitteln: Auch hierzulande nahm die Konzentration seit 1993 stark zu. Inzwischen verfügt das oberste Promille der Haushalte über ein durchschnittliches Nettogeldvermögen von rund 19,3 Mio. €, das reichste Prozent „nur“ über rund 1,3 Mio. €. Innerhalb der OECD ist das Vermögen nur in den USA und der Schweiz ungleicher verteilt[7]. Diese Entwicklung resultiert unter anderem aus entfesselten Aktienmärkten und höher verzinsten Vermögen der bereits Reichen. Berger kritisiert, dass Vermögen in Deutschland in der Regel geerbt statt erarbeitet würde und zu einer Machtkonzentration führten. Als Beispiele nennt er „die zahlreichen Denkfabriken, die auffällig oft von Familienstiftungen der Superreichen finanziert werden“ – man denke an die Bertelsmann-Stiftung – oder die Konzentration wichtiger Tageszeitungen in der Hand weniger Großvermögender wie Friede Springer. Seine umfangreichen, wenn auch mangels besserer Quellen teilweise anekdotischen Recherchen verdeutlichen: Auch in Deutschland beschädigt die zunehmende Ungleichverteilung nicht nur den ursprünglichen Leistungsgedanken der Marktwirtschaft, sondern die demokratische Teilhabe[8].

Fazit: Leistungsprinzip und Demokratie wiederbeleben!

Berger unterbreitet 16 Verbesserungsvorschläge, die direkt dem Parteiprogramm der Linken entstammen könnten und sehr weit reichen[9]. Vielleicht wäre eine leistungsorientierte Reform der Erbschaftsbesteuerung und speziell ein restriktiveres Stiftungsrecht im ersten Schritt zielführender. Anschließend könnten die Spitzensteuersätze wieder auf das Niveau vor 1998, dem Beginn der rot-grünen Koalition, gehoben werden[9]. Schließlich sollte die Medienkonzentration durch eine strengere Wettbewerbskontrolle drastisch sinken. Dies würde auch die öffentliche Berichterstattung über Vermögenskonzentration beflügeln.


Quellen:

[1] Jens Berger, „Wem gehört Deutschland? Die wahren Machthaber und das Märchen vom Volksvermögen.“ Frankfurt, 4. Auflage 2014.

[2] Thomas Piketty, “Capital in the twenty-first century”, Cambridge (Mass.) und London 2014. Siehe auch Buchbesprechung auf diesem Blog unter https://besser-wachsen.com/2014/10/08/ist-piketty-der-neue-marx/.

[3] Jens Berger, a.a.O., Kapitel 8, hier S. 108. Nach einer Studie der Finanzierungsgesellschaft Barkow Consulting werden faktisch 14 der 30 Dax-Konzerne von Ankeraktionären dominiert. Vgl. Ulf Sommer, „Die neue Deutschland AG“, Handelsblatt vom 24.11.2014, S. 4 f., S. 4. Siehe auch umfassend das entsprechende Handelsblatt-Titelthema (S. 1 und 4-7).

[4] Stefania Vitali, James B. Glattfelder und Stefano Battiston, “The network of global corporate control”, 19.11.2011, Table S1, p. 33, http://arxiv.org/pdf/1107.5728.pdf (Zugriff 21.1.2015). Zusammenfassung bei Jens Berger, a.a.O., S. 103-105.

[5] Emmanuel Saez und Gabriel Zucman, „Wealth inequality in the United States since 1913: Evidence from capitalized income tax data”, NBER Working Paper 20625, October 2014, p. 1, 3, 52 (figure 1), 62 (figure 12), http://gabriel-zucman.eu/files/SaezZucman2014.pdf. Zusammenfassung in The Economist, „Free exchange: Forget the 1%“, 8.11.2014, p. 73. Interaktive Grafik unter http://www.economist.com/blogs/graphicdetail/2014/11/daily-chart-2 (alle Zugriff 21.1.2015).

[6] Oxfam Deutschland e.v., “Besser gleich. Schließt die Lücke zwischen Arm und Reich!”, Januar 2015, S. 5, http://www.oxfam.de/sites/www.oxfam.de/files/ox_bessergleich_broschuere_rz_web.pdf. Larry Elliott und Ed Pilkington, “New Oxfam report says half of global wealth held by the 1%”, The Guardian, 19.1.2015, http://www.theguardian.com/business/2015/jan/19/global-wealth-oxfam-inequality-davos-economic-summit-switzerland (alle Zugriff 21.1.2015).

[7] Jens Berger, a.a.O., S. 33 (Vermögenskonzentration anhand Gini-Koeffizient), S. 46 (aktuelles Vermögen der obersten 1 Promille bzw. 1 Prozent auf Basis Deutsche Bundesbank, DIW/SOEP, eigene Berechnungen), S. 31 (OECD, zitiert nach DIW-Wochenbericht 9/14).

[8] Jens Berger, a.a.O., S. 111 (Aktienmarkt), S. 141 (Verzinsung), S. 12 f. (Zitat Denkfabriken), S. 158 f. (Tabelle Medienkonzentration), Kapitel 11 (Anekdoten zu den Superreichen je Branche).

[9] Jens Berger, a.a.O., Schlusskapitel S. 183 ff.

[10] Jens Berger, a.a.O., S. 178.

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