MARKTEFFIZIENZ SENKT NIERENKNAPPHEIT


Britta Kuhn

Nobelpreisträger Alvin Roth zeigt, was Marktergebnisse optimiert, wenn der Preismechanismus aus ethischen oder sozialen Gründen unerwünscht ist.

Bessere Allokation von Organen oder Schulplätzen

In den allermeisten Ländern ist es illegal, für eine Niere oder einen Platz an der Lieblingsschule zu bezahlen. Nicht alles soll der Marktlogik und/oder der Kaufkraft des einzelnen unterliegen. Roth zeigt aber, dass eine durchdachte Marktallokation auch unter diesen Umständen bessere Ergebnisse erzielt als gängige Verteilsysteme. Sein Mechanismus hat in den USA zum Beispiel zusätzliche Nierentransplantationen ermöglicht und mehr Schüler an ihre Lieblingsschule befördert – ohne Zahlungsströme. In seinem Buch „Who Gets What – and Why“ erklärt er die Details[1].

Erstpräferenz statt strategischer Wahl

Herkömmliche Systeme bieten zuweilen den Anreiz, die wahren Präferenzen zu verschleiern. Beispiel Betreuer-Wahl einer Abschlussarbeit[2]: Stark vereinfacht sei angenommen, 30 Studenten wählen drei Professoren A, B und C mit Präferenz 1, 2 und 3. A erhält 25 Erstpräferenzen, B fünf, C keine. Jeder Professor wird zehn Arbeiten betreuen, der beliebteste Professor zunächst bestückt. Bei A aber kommen 15 der 25 Erstpräferenzen nicht zum Zuge. Das herkömmliche System bedient nun im nächsten Schritt die fünf Erstpräferenzen für B. Fünf Plätze bei B bleiben für Zweitwahlen übrig – hier vereinfacht[3] die bislang zu kurz gekommenen 15 A-Erstpräferenzen, was einer Zuteilungschance von 33% entspricht (fünf von 15 Studenten). Roths System löscht dagegen nach A‘s Auslastung A aus allen verbliebenen 20 Präferenzlisten. Die fraglichen 15 Zweitpräferenzen für B werden nun zu Erstwahlen, da ihre ursprüngliche Erstpräferenz für A gelöscht wurde. Nun konkurrieren 20 Studenten gleichrangig um B. Die Chance der 15 Studenten, die eigentlich A wollten, wenigstens ihre Zweitwahl zu erhalten, verbessert sich auf 50% (10 von 20 Studenten). Im Alt-System ist also der studentische Anreiz höher als bei Roth, B als Erstpräferenz anzugeben, obwohl eigentlich A gewünscht war, um nicht beim unpopulären C zu landen.

Komplizierter wird es, wenn auch Anbieter-Präferenzen Berücksichtigung finden, was Roth unter anderem anhand der optimalen Zuteilung junger Medizinabsolventen auf US-Kliniken erläutert. Die Reihenfolge der Paarbildung laute im Beispiel[4]: 1-1, 2-1, 1-2, 2-2, 3-1, 3-2, 1-3, 2-3 usw., wobei die erste Ziffer für die Klinik steht und die zweite für die jungen Ärzte. Zunächst kommen also die beruflich attraktivsten Mediziner (1) an das beliebteste Krankenhaus (1), was der Paarbildung (1-1) entspricht. Ist dieses noch nicht ausgelastet, akzeptiert es auch Absolventen, die es nur an zweiter Stelle will, die aber ihrerseits diese Klinik als Erstwunsch nannten (2-1). Anschließend nimmt das Krankenhaus Berufsanfänger, die es zwar primär möchte, die aber nur an zweiter Stelle für diesen Arbeitgeber votierten (1-2). Roth gewichtet in diesem Beispiel den Medizinerwunsch höher als den Krankenhauswunsch (er hat „2-1“ vor „1-2“ und das numerisch höhere „3-2“ vor „1-3“ gesetzt).

Ethik und Marktallokation ergänzen sich!

Der Stanford-Ökonom hat auch die US-Versorgung mit Spendernieren deutlich verbessert. Wer einem Verwandten eine Niere spenden wollte, war dazu nur bereit, wenn diese Niere dem Verwandten medizinisch passte. Nunmehr wird die Spenderniere einem unbekannten Dritten zur Verfügung gestellt und der Verwandte des Spenders rutscht auf der Warteliste für Transplantationen nach vorne. Anders als in Deutschland muss er also keine zu ihm passende Niere anbieten oder lange auf die Operation warten. Es lohnt sich also unbedingt, sich mit Roths Allokationsvorschlägen zu beschäftigen. Sie widersprechen nicht moralischen Erwägungen, sondern verschaffen ihnen Raum. Denn wo effizient verteilt wird, fließt weniger Geld in Bestechung und illegale Transaktionen.

Quellen:

[1] Alvin E. Roth, “Who Gets What – and Why. The New Economics of Matchmaking and Market Design”, Boston/New York 2015.

[2] Beispiel Kuhn in Anlehnung an Roth, dessen Beispiele sich stark auf die USA beziehen.

[3] In der Realität handelt es sich um einen iterativen Prozess, da auch die Präferenzen für C Berücksichtigung finden, die im Beispiel ausgeblendet sind.

[4] Alvin E. Roth, a.a.O., S. 137.

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